Susanne Viktoria Haupt
5. Januar 2015

Literarischer Schock für England

Seitenansicht: „Die Ermordung Margaret Thatchers“ von Hilary Mantel

Düster und kühl: Hilary Mantels skandalträchtiger Kurzgeschichtenband „Die Ermordung Margaret Thatchers“, Buchcover

Erst in den letzten Tagen habe ich die wunderschöne Hauptstadt Englands besucht. Ich bin über die Oxford Street flaniert, habe den Massenauflauf vor dem Sherlock Holmes-Museum beäugt, den Big Ben begutachtet und bin mindestens dreimal über die Tower Bridge geflitzt. Es hat geregnet, aber das Gute an London ist: Man erwartet irgendwie Regen. Deshalb schreckt einen das Wetter nicht. Was definitiv nicht enttäuschend war, war die unglaublich lockere Art und Freundlichkeit der Inselbewohner. Kaum einer hatte nicht ein Lächeln übrig. Und die Oxford Street war zwar voll – was man von Europas umsatzstärkster Einkaufsstraße auch nicht anders erwarten darf -, aber die befürchtete Hektik blieb aus. Als sich meine Haare in einem fremden Schirm verfingen, warf man mir keinen bösen Blick zu, sondern ein freundliches und positiv belustigtes Lächeln. Wer sich einmal an einem Samstag durch die Ernst August-Galerie gedrängt hat, der weiß, wie schnell man angerempelt oder über den Haufen gerannt wird. Und wo hier in den meisten Fällen eine Entschuldigung ausbleibt, entschuldigte sich in England sogar der, den man umgerannt hatte. Ja, es mag naiv und kitschig klingen, aber die Stadt und ihre Bewohner haben einen sehr positiven und wohltuenden ersten Eindruck bei mir hinterlassen.

Umso spannender für mich, dass Hilary Mantel bereits im vergangenen Jahr die freundlichen Briten mit ihrem Buch „Die Ermordung Margaret Thatchers“ völlig vom Hocker gehauen hat. In ihren Kurzgeschichten, die allesamt sehr düster klingen, lässt Mantel ihrer Unzufriedenheit freien Lauf. Die passende Story zum Titel, die ein fiktives Attentat auf die ehemalige Premierministerin schildert, ist dabei der absolute Gipfel. In den Geschichten geht es um Menschen, die ein tiefes Gefühl von Bedrückung verspüren. Mantel spricht von schweren Herzen und von klaustrophobischen Empfindungen. In einer Story geht es beispielsweise um die essgestörte Mona, die sich zu Tode hungert und anschließend ihre Schwester in geisterähnlicher Gestalt heimsucht. Vielleicht als eine Art Mahnmal dafür, dass sich die Familie vopn der Essstörung mehr gestört als betroffen gefühlt hat. In einer anderen Geschichte durchlebt eine Frau böse Alpträume, in denen sie Gas riecht und von einer Gruppe Senioren heimgesucht wird, vor denen sie tagsüber doch erst einen Vortrag gehalten hat. Mantel hat Kurzgeschichten verfasst, geprägt vom Unheimlichen, von alptraumhaften Szenarien. Kühl, distanziert und präzise ist der Ton der Booker Prize-Gewinnerin.

Dass Hilary Mantel stets ein heftiges Problem mit der 2013 verstorbenen Thatcher hatte, daraus hat sie nie einen Hehl gemacht. Dennoch dauerte es lange, bis sie diese Gefühle wirklich auf Papier bringen konnte. Allerdings ist es fast schade, dass medial meist nur der Schock-Moment ausgeschlachtet wurde und nicht Mantels unglaubliche Sprachgewalt. Dass sie in einer ihrer Geschichte Thatcher umbringen lässt, mag zwar eine gewisse Aufmerksamkeit erregen, aber anders als bei vielen anderen Schriftstellern steht hinter diesem Schock-Effekt auch wahres Können. Als Leserin merkt man nicht nur schnell, wie intensiv, emotional geladen und zugleich kühl und pointiert die 62-jährige Autorin schreiben kann – und ihr Fach durch und durch beherrscht -, sondern auch wie sie in der Geschichte rund um das Attentat ihr schriftstellerisches Können keineswegs zu Gunsten des Themas schleifen lässt. Was bleibt, ist ein sehr düsterer Blick auf die Menschen und ihre Insel. Etwas Verachtendes, nahezu Dämonisches und Alptraumhaftes schwingt kontinuierlich mit und lässt einem die Nackenhaare zu Berge stehen. Nach der Lektüre dieser Kurgeschichten bedarf es erst einmal einer Tasse guten Beruhigungstees und einer ganz leichten Gegen-Lektüre, die sich hoffentlich in die eigenen Träumen vor die Geschichten von Hilary Mantel schiebt.

Hilary Mantel: „Die Ermordung Margaret Thatchers“, Kurzgeschichten, 158 Seiten, DuMont Verlag, ISBN-13: 978-3832197681, 18 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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