Susanne Viktoria Haupt
19. Januar 2015

Magische Straße mit Stolpersteinen

Seitenansicht: „Der Ozean am Ende der Straße“ von Neil Gaiman

Für Liebhaber: Neil Gaimans „Der Ozean am Ende der Straße“

Ach, Neil Gaiman… Wenn es einen Celebrity Crush in meinem Leben gibt, dann bist Du es. Ja, ich bin ein absoluter Fan des britischen Autors und verschlinge selbst seine Sandman-Comics. Ich habe sogar geweint, als ich keine Karten mehr für seine Lesungen in Hamburg und Köln bekommen habe. Ich zitiere Gaiman auf mindestens 80 Prozent der Geburtstagskarten, die ich verschicke. Und nicht selten haue ich Menschen auch einfach so einen Satz aus einem seiner Romane um die Ohren. Weil es einfach passt. Ich habe mir nahezu jedes Interview mit Gaiman, dass es auf Youtube gibt, angesehen, seinen Blog abonniert, und selbst bei Facebook taucht Mr. Gaiman regelmäßig in meinem News-Feed auf. Völlig zu Recht. Neil Gaiman ist ein Autor, der nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes phantastisch schreibt, sondern sich auch in den Medien unglaublich charismatisch und intelligent präsentieren kann. Seine Aussagen über die Wichtigkeit von Bibliotheken oder darüber, wie ein Schriftsteller arbeitet, und wie wichtig es ist, einfach anzufangen sind großartig – all das haben natürlich schon hundert andere Menschen gesagt, aber niemand mit so viel Poesie und einer so warmen Stimme. Neil Gaiman könnte einem einen Wetterbericht schreiben und dennoch würde es nach einem besonders schönen Gedicht klingen, welches sich ganz warm um einen legt. Kurz: Gaiman kann einfach schreiben und reden. Ohne dabei groß nachdenken zu müssen.

Zurück in die Vergangenheit

Aus all diesen Gründen lief ich schon einige Wochen vor Erscheinung von Gailmans neuem Romans „Der Ozean am Ende der Straße“ fürchterlich aufgeregt durch die Gegend. Ich wollte dieses Buch. Ich wollte dieses Buch unbedingt. Ich sah mich in Gedanken schon mit diesem Buch auf meinem Bett liegen, tief versunken in einer weiteren geheimnisvollen Welt – erschaffen von Neil Gaiman. In „Der Ozean am Ende der Straße“ geht es um einen Mann, den Ich-Erzähler, der nach vielen Jahren auf Grund einer Beerdigung wieder in seine alte Heimat zurückkehrt. Sein altes Elternhaus zu besuchen, liegt da natürlich nahe, und so macht er sich auf den Weg in die eigene Vergangenheit. Allerdings kehrt er nicht nur in seine alte Umgebung zurück, sondern auch die Erinnerungen an ein paar sehr düstere und angsteinflößende Ereignisse suchen ihn wieder heim. Alles begann mit einem Untermieter, der auf mysteriöse Weise tödlich verünglückte, und ein paar eigenartigen und alptraumhaften Träumen des Ich-Erzählers als kleinem Jungen. Hilfe jedoch findet der Junge bei der 11-jährigen Lettie Hempstock, die gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter auf einer etwas abseits gelegenen Farm lebt und ganz besondere Fähigkeiten hat. Und nicht nur das. Auch dem kleinen Ententeich nahe der Farm wohnt eine magische Aufgabe inne – er führt die beiden Kinder in eine fremde Welt, in der Lettie den Jungen von seinen alptraumhaften Begegnungen befreien soll. Dies misslingt allerdings, und so müssen die Kinder den Kampf gegen das phantastische Böse nicht nur in der Welt jenseits des Enten-Ozeans aufnehmen, sondern auch in der realen Welt. Daraus wird ein Kampf um Leben und Tod, der die Grenzen der Realität und des Vorstellbaren verschwimmen lässt…

Die Komplexität der Story bringt den Autor an seine Grenzen

Die Story ist eine Geschichte, die natürlich „typisch Neil Gaiman“ schreit. Wir erinnern uns an Coraline und die bösartige Parallelwelt, an Niemalsland, und auch beim Sternenwanderer verbirgt sich hinter den Stadtmauern so einiges, was die eigene Vorstellungskraft sprengt. All das macht jedoch Gaimans Romane nicht langweilig. Denn schließlich hat jede der phantastischen Welten ihre ganz eigene Geschichte und eigene Schwerpunkte. Mit „Der Ozean am Ende der Straße“ hatte ich jedoch ab und an meine kleine Probleme. Der typische einnehmende Erzählstil von Gaiman wirkt hier und da einfach schwächer als sonst. Auch merkt man, dass die Komplexität der Story den Autoren an seine Grenzen brachte. Warum, das mag ich nicht beurteilen. Aber es fehlt an kleinen Ausarbeitungen, um die Story richtig flüssig werden zu lassen. Damit man als Leser nicht dauernd aus der magischen Welt wieder herauspurzelt, sondern ganz tief in ihr stecken bleiben kann.

Nicht super, aber trotzdem gut

„Der Ozean am Ende der Straße“ ist eine Art alptraumhafte Kindergeschichte für Erwachsene. Oder ein Alptraum-Märchen, ein Märchen Noir. Und auch, wenn es hier und da am Feinschliff fehlt – wobei Gaiman mit seinen rund 20 vorangegangenen Werken einfach die Messlatte selbst unglaublich hoch angesetzt hat -, lag ich zwei ganze Nächte mit Alpträumen im Bett, in denen ich genau wie einer der Protagonisten ein Geldstück verschluckt hatte und mich Blut spuckend über die Toilette beugte. Es zählt zu seinen Stärken, dass Gaiman ziemlich gut über die menschlichen Urängste Bescheid zu wissen scheint und auch die ganzen kindlichen Ängste, Sorgen und Befürchtungen in seinen Roman wirklich hervorragend bedienen kann. Ich mag natürlich keine Alpträume und Ängste, aber es milderte den Schrecken etwas, weil sie durch rein schriftstellerische Fähigkeiten ausgelöst worden sind. Das machte sie einfach zu etwas Besonderen. Und genau deswegen lohnt sich auch dieser etwas schwächere Roman von Neil Gaiman. Denn auch, wenn er nicht so gut geschrieben ist, wie normalerweise, bringt der Roman die eigene Welt im Kopf mehr durcheinander, als es ein durchschnittlicher Autor vermag. Frei nach dem Motto „Nicht super, aber trotzdem gut“ empfehle ich das Buch jedem Gaiman-Fan und denen, die ganz gerne mal einen Alptraum in Kauf nehmen.

Neil Gaiman: „Der Ozean am Ende der Straße“, Roman, 240 Seiten, Eichborn Verlag, ISBN-13: 978-3847905790, 18 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel