Henning Chadde
26. Januar 2015

„Einfach mal Hard Rock, Baby…“

Das Verhör: „II“ von Spidergawd

Seventies-Hard-Rock-Groove-Monster on parole: Spidergawd: „II“, Album-Cover

Von Super-Groups zu sprechen, ist ja immer so eine Sache und gewiss nicht jene des Verfassers dieser Zeilen. Nicht selten entpuppt sich doch der aufgepappte Prominenten-Stempel allein als schlau platzierte Marketing-Message, die musikalisch weit weniger zu bieten hat, als es die angekündigten „Über-Anteile“ der neugegründeten Band-Summe zu halten vermögen. Überhaupt: Was sollen und taugen personelle Vorschuss-Lorbeeren, wenn doch allein die Musik für sich zu sprechen hat? Und genau da unterscheiden sich im Vorfeld abgefeierte Super-Groups mit ordentlich Vergangenheits-Patina und -Lametta definitiv nicht vom engagierten Newcomer.

Und doch: Im Falle von Spidergawd ist es durchaus angeraten, zumindest als informellen Side-Kick auf die Einzelteile der beteiligten Sound-Summe hinzuweisen. Sind doch neben der Motorpsycho-Groove- und Rhythmus-Fraktion, namentlich Bent Seather am Bass und Kenneth Kapstad an den Drums, ebenso das Ex-Mastermind der leider schon seit 2004 verblichenen Rock-Indie-Crooner Cadillac Per Borten an Gesang und Gitarre und der Bariton-Saxophon-Tausendsassa Rolf Martin Snustad an Bord des Spidergawdschen-Vollblut-Tankers. Allesamt entstammen sie der Trondheimschen-Rock- und Indie-Kernzelle und stellen mit ihrem vielseitigen musikalischen Schaffen seit nahezu zwanzig Jahren nicht nur für norwegische Verhältnisse eine durchaus beachtliche Kreativ-Macht in Sachen innovativem Breitwand-Rock dar. Eine Macht, die die Musiker in Sachen der oben genannten, etwaigen Vorschuss-Lorbeeren allerdings denkbar ungerührt lässt, stellen sie doch den vermeintlichen Prominenz-Status ihrer bisherigen Band-Karrieren schlichtweg und konsequent in den Hintergrund. Und lassen tatsächlich einfach nur selbstbewusst ihre Musik für sich sprechen. Und die spricht in diesem Falle tatsächlich Bände.

„So long, so on…“

Bahnte sich schon auf dem selbstbetitelten Spidergawd-Erstling im April letzten Jahres ein musikalisches Groove’n’Roll-Kommando in Sachen Psych- und Seventies-Rock an, das sich gewaschen hat, setzt das aktuelle, schlicht „II“ benannte Spidergawd-Nachfolgewerk diesen Weg unbeirrbar fort. Bei „II“ rappelt erneut schlichtweg die gesamte Song-Kiste an allen Ecken und Enden und zwingt den Hörer von Beginn an unweigerlich, in Bewegung zu bleiben. Respektive zum Abmoshen auf die imaginäre Tanzfläche, besser noch mitten rein in die erste Bühnenreihe. Denn ist der Stilmix aus bluesinfiziertem Hard Rock, psychedelischen Abfahrten und tonneschweren, durchweg treibenden Grooves allein schon eine überaus bemerkenswerte, weil eben auch sichere Bank in Sachen Sound und Ausrichtung, kommt die ausgewiesene Liebe der vier Musiker für alte Vollblut-Vorbilder nun noch deutlicher zum Tragen, als es schon auf dem Vorgänger der Fall war.

Im Spidergawd-Universum treffen MC5 auf die Stooges, feiern zusammen mit Thin Lizzy eine ordentliche, whiskeyschwängerte Tresen-Sause und sprengen den Laden schließlich nach der letzten Bestellung kurzerhand mit einem ordentlichen Hammerschlag Stoner-Rock und – man höre und staune – Soul in die Luft. Letzerer liegt nicht zuletzt zum einen am überaus rhythmusbetonten, tieftönigen Saxophon-Spiel von Snustad – nachzuhören unter anderem auf dem treibenden On the road-Instrumental „Caerulean Caribou“. Vor allem aber ist dieser Umstand der nicht selten ekstatischen, stimmlichen Rock-Sexiness von Per Borten geschuldet. Dieser Mann – zeitweise in den endenden 2000ern international als nordischer Morissey verschrien – ist einfach mit einer astrein reibeisigen Rock-Stimme par excellence gesegnet. Und reißt damit ordentlich selbstbewusst den Hahn auf. Zusammengenommen mit der knüppeldick treibenden, weil messerscharf eingespielten und agierenden Groove- und Rhytmus-Sektion von Seather und Kapstadt, entwerfen Spidergawd so ein tonnenschweres Heavy-Psych-Rock-Konglomerat, das einerseits in der gegenwärtigen Seventies-Rock-Szene seinesgleichen suchen dürfte, auf der anderen Seite aber eine überraschende Offenheit und groovende Leichtigkeit versprüht, die den Spaß der Musiker an der gemeinsamen Sache jenseits jeglichen Erwartungsdrucks beinahe physisch spürbar macht. Und sich deutlich von der teilweise stoisch verkopften Genre-Gradlinigkeit vieler ihrer musikalischen Mitbewerber abhebt.

Nachzuhören auf den straight durchmarschierenden Tanz- und Abzappel-Nackenbrechern „Tourniquet“, „Get Physical“, „Our Time (Slight Return)“ und „Made From Sin“. Während sich die bluesigen Riff-Vollpfünder „Crossroads“ und „Fixing To Die Blues“, mit dem sich Spidergawd vor Blues-Legende Bukka White verbeugen, zunächst einmal tight groovend zurücklehnen, um schließlich doch wieder gewohnt riffbewährt zuzubeißen. Den Deckel dieses Überdruck-Kessels macht schließlich mit „Sanctuary“ eine beinahe lupenreine Verbeugung vor Thin Lizzy zu, die einmal mehr zeigt, wo Spidergawd schlussendlich ihren scheinbar unermüdlichen Inspirations-Most versteckt wissen: knietief im Hard- und Psychedelic-Rock der frühen bis mittleren Siebziger. Klar, ist doch allein schon der Bandname eine Verbeugung vor dem gleichnamigen Song aus dem Jahre 1972, erschienen auf Jerry Garcias erstem Solo-Album. Und eben jener zeichnete bekanntlich als Mastermind bei Greatful Dead verantwortlich. Und gerade diese, nicht selten augenzwinkernden, musikhistorischen, bisweilen fast liebevoll spinnert wirkenden Verbeugungen lassen neben den bereits genannten Zutaten einmal mehr erahnen, mit welcher Spielfreude und Durchschlagskraft Spidergawd wohl erst bei ihren Live-Shows zu Werke gehen werden. Alter Adel verpflichtet eben.

Spidergawd: „II“, CD, 9 Songs, 42 min., Crispin Glover Records/Stickman Records (erschienen als 180-Gramm-Vinyl mit CD-Beilage)

Live zu sehen sind Spidergawd demnächst übrigens zum Beispiel in Hannover am 13. März 2015 im Café Glocksee. Für echte Seventies-Psych- und Heavy-Rock-Fans garantiert ein Glückstag. Auch, wenn es sich bei diesem Tag um einen Freitag, den 13. handeln wird.

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Kategorien: Musik

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