Susanne Viktoria Haupt
2. Februar 2015

Vage Bedrohung

Seitenansicht: „Aller Liebe Anfang“ von Judith Hermann

Subtil auf nahezu allen Seiten: Judith Hermanns „Aller Liebe Anfang“, Buch-Cover

Einen Stalker zu haben, zählt definitiv zu den unangenehmsten Dingen, die einem im Leben passieren können. Und es sind nicht nur Stars, die eine ungesunde Begierde auf sich ziehen können. Auch Privat-Personen kann es treffen. Auf einmal ist dort ein Mensch, der über alle Maßen obsessiv reagiert und sich in das eigene Leben graben will. So passiert es auch Stella. Stella ist Mutter einer kleinen Tochter und lebt mit ihrem Mann Jason in einer deutschen Kleinstadt. Ihr Haus erscheint einem wie eine zusammengesetzte Collage aus Fotos von der Plattform Pinterest. Alles sehr athmosphärisch, ästhetisch eingerichtet, fertig, um fotografiert zu werden. Da hängt der Lavendel-Strauß stilecht am Schrank, und alles wirkt einfach – wie aus einem modernen Magazin zur Inneneinrichtung. Stella jedoch ist nicht vollkommen zufrieden. Es scheint so, als ob sie mit ihrem Leben eine Art Status Quo erlangt hätte. Ihr Mann arbeitet viel, und das ist auch in Ordnung, weil sie sich ohnehin nicht ganz sicher in der Beziehung zu fühlen scheint. Dadurch, dass er viel arbeitet, und damit die Familie versorgen kann, hat er keine Zeit, um auf die Idee einer Trennung zu kommen, und Stella besitzt diese finanzielle Sicherheit. Doch auf einmal steht Stellas Nachbar vor der Tür. Ein eigenartiger Mann, der ein Gefühl der Unbehaglichkeit in ihr weckt und das Gespräch mit ihr sucht. Stella geht auf Abstand und scheint damit das Verlangen des Nachbars noch zu schüren. Fortan landen Briefe und Fotos in ihrem Briefkasten, die eindeutig von ihrem Nachbarn zu kommen scheinen. Das Gefühl von Bedrohung steigt stetig – und zusätzlich Stellas Zweifel an ihrem eigenen Leben…

Judith Hermann hat mit „Aller Liebe Anfang“ ihren ersten Roman veröffentlicht. Bekannt durch den Erzählband „Sommerhaus, später“ wurde sie besonders für ihre zahlreichen Kurzgeschichten gelobt. „Aller Liebe Anfang“ lässt jedoch einige Bedürfnisse der Leser offen. Denn die subtile Erzählweise steigert sich nahezu ins Unermessliche. Was als kleiner Happen zwischendurch durchaus angenehm wäre, zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman und lässt einen hier und da einfach verzweifeln. Man möchte gerne irgendwie aufschreien, in der Hoffnung, dass Stella oder Jason einen hören und endlich mal anfangen, offen zu reden oder zu handeln, aber vergeblich.

Auch die kleinen Momente, in denen eine der Hauptfiguren aus „Aller Liebe Anfang“ mal aus ihrer Seifenblase herauspurzelt, können dies nicht aufwiegen. Es bleibt vieles passiv, die Bedrohung sehr vage. Das kann funktionieren und den Lesern eine wohltuende Spannung vermitteln, doch in Hermanns Buch gelingt es leider nicht. Etwas zäh gleitet man durch die 224 Seiten. Man wartet, dass es endlich richtig losgeht – und das dauert in diesem Falle dann doch zu lange. Dennoch ist „Aller Liebe Anfang“ kein kompletter Fehlgriff. Leser, die einen atmosphärischen Erzählton bevorzugen, in dem Wiederholungen als Stilmittel eingesetzt werden, dürften ihre wahre Freude haben. Doch für das große Parkett der psychologischen Beziehungs-Romane fehlt es „Aller Liebe Anfang“ an Würze. Dabei könnte die Story einiges mehr hergeben und würde von ihrem poetischen Anspruch nichts einbüßen. Allerdings besteht nun mal ein großer Unterschied zwischen dem Verfassen von Erzählungen und dem eines Romans. Bleibt zu hoffen, dass Judith Hermann sich entweder wieder auf Erzählungen besinnt oder noch mehr an ihren Romanen arbeitet.

Judith Hermann: „Aller Liebe Anfang“, Roman, 224 Seiten, S.Fischer Verlag, ISBN-13: 978-3100331830, 19,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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