Joyce Kuhn
16. Februar 2015

Mit der 7 gegen das Böse der Welt

Porträt eines Mannes, dessen Zwangserkrankung die Welt zu einem Bedeutungssystem aus unheilbringenden Zahlen macht: der Dokumentarfilm „Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben“

Gefangen in einem gedanklichen Gefängnis aus Zahlen und Bedeutungen: Filmemacher Oliver Sechting

Für die meisten von uns sind die kleinen Alltagsticks Spielgefährten, die ab und an mal vorbeischauen. Die einen zählen alle Treppenstufen, über die sie laufen, und andere dürfen die Zwischenräume der Bodenplatten auf dem Gehweg nicht berühren. Doch bis zur nächsten Treppe oder dem nächsten Spaziergang sind diese Marotten längst vergessen, vielleicht auch für immer. Doch was, wenn sich solch harmlosen Ticks ausweiten? Wenn sie zu einem Monster heranwachsen, das die Kontrolle über das eigene Leben zu übernehmen droht?

Die Filmemacher und Freunde Oliver Sechting und Max Taubert begeben sich nach New York mit dem Ziel, einen Film über die lokale Künstlerszene zu drehen. In der fremden Umgebung, zusammengepfercht in einem winzigen Apartment, bietet die Stadt jedoch vor allem einen Nährboden für Olivers Krankheit: Er leidet an einer Zwangsstörung, die bisher hartnäckig Psychiatrie-Aufenthalten, Therapien und Medikamenten widerstehen konnte. Die Wurzeln der Krankheit reichen bis in Olivers Kindheit zurück: Nach dem überraschenden Tod seines Vaters übernahmen die eigentlich so liebenswerten Marotten das Steuer in ihm. „Magische Zwangsneurose“ nennt man Olivers Zugang zu einer eigentlich chaotischen und ungeordneten Welt, die in seinem Kopf zu einem System aus Ziffern und Bedeutungen wird, in dem Zahlen zu Omen für drohendes Unheil werden. Die 58 beispielsweise ist eine böse Zahl, die in Verbindung mit einer 9 zu einer tödlichen Kombination wird und mit einer 7 neutralisiert werden muss…

Trotz allen rationalen Wissens um die Krankheit steht Oliver seinen Gedanken ohnmächtig gegenüber. Seine Erkrankung weitet sich immer mehr aus, in seinem Kopf, in seiner Umgebung. Die Freundschaft zu Max wird auf eine Belastungsprobe gestellt. Kurzerhand machen die beiden Olivers Krankheit zum Thema ihres Films. Bei Begegnungen mit Künstlern wie dem Regisseur Tom Tykwer oder Andy Warhol-Star Ultra Violet wird die Grenze ausgelotet, die aus einem harmlosen Spleen ein straffes Korsett macht, das zum Ausdruck von Stress, Depression und Zwang wird.

Der Filmemacher Oliver Sechting zeigt sich hier von seiner verletzlichsten Seite, um anderen Betroffenen Mut zu machen, „zu sich selbst zu stehen, selbstbewusst durchs Leben zu gehen. Therapien können helfen, aber nicht immer heilen. Darüber kann man verzweifeln oder man versucht, das Beste draus zu machen“. Das Beste, das ist in diesem Fall der Film „Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben“: das filmische Psychogramm eines zwangserkrankten Mannes, das nicht nur unterhält, sondern vor allem Mut macht. Zu sehen ist dieser einzigartige Film heute Abend im Kommunalen Kino.

Montag, 16. Februar 2015:
„Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben“, Dokumentarfilm von Oliver Sechting und Max Taubert, D 2014, 88 Min., englisch mit deutschen Untertiteln, Kommunales Kino im Künstlerhaus, Sophienstraße 2, 30159 Hannover, Beginn: 20.15 Uhr, Eintritt: 6,50 Euro, ermäßigt: 4,50 Euro

  • weitere Filmvorführungen:
  • Dienstag, 17. Februar, 20.15 Uhr
  • Mittwoch, 18. Februar, 20.15 Uhr
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Kategorien: Film, Menschen, Tagestipps

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