Henning Chadde
16. Juni 2008

Auf des Wortes Fährte

Beeindruckend schwindelerregende Wortwelten: Der Autor und Live-Poet Robert Stripling im Portrait

Robert Stripling ist ein Phänomen. Beantwortet er beim Interview anfangs noch beinahe schüchtern und absolut wortbedacht die Fragen, hat man schon bald den sympathischen Eindruck, dass Stripling sich gerade erst „warmläuft“, um sich schließlich in seiner hintergründig-humorvollen Wortgewandtheit einzurichten, die vor Kuriosa, Witz und doppelbödigem Hintersinn nur so sprudelt. Da fallen dem 19-jährigen Autoren, angesprochen auf die Generationenfrage, wie aus der Pistole geschossen Sätze ein wie folgende: „Keine Ahnung was mit meiner Generation los ist. Ich bin noch beim Ich und kann mich dann irgendwann mit dem Es, dem Über-Ich oder dem Wir beschäftigen. Das hat noch Zeit und Freud mich schon…“

Robert Stripling liest

Einmal kurz Luft holen und dann Wortexplosion! Robert Stripling vor seinem Auftritt

Im Fluss: Von der Liebe zum Wort direkt auf die Bühne

Nach solchen Antwortsätzen wird einem unmissverständlich klar: Robert Stripling schießt und formuliert schnell und treffsicher, nicht allerdings ohne sich selbst immer wieder augenzwinkernd aufs Korn zu nehmen. Unüberhörbar ist in seinem Falle ein ausgewiesener Sprachliebhaber am Werk, einer der sich erfrischend seine Neugierde am Ausdruck, an der Welt und ihren Menschen im Allgemeinen und im Speziellen bewahrt hat. Und so war denn auch sein Weg zum Schreiben und zur eigenen Literatur kein außergewöhnlicher für ihn: „Eine Initialzündung gab es in dem Sinne nicht, Wort war vertraut und lag nahe, es erschien mir keine ‚fremde‘ Wahl zu sein“. Ein fließender Prozess also und dennoch knüpft seine erste bewusste, zielgerichtete Schreiberfahrung an einen konkreten Wettbewerb an: „Das war der Schülerschreibwettbewerb der HAZ, da muss ich ungefähr 15 oder 16 gewesen sein. Ich hab‘ einfach einen Text eingereicht und bin dabei geblieben. Irgendwann habe ich dann festgestellt: ‚Robert, Du schreibst!'“.

Diese positive Erfahrung hat natürlich nicht dazu geführt, dass Stripling seitdem kontinuierlich jedes Jahr beim HAZ-Schülerschreibwettbewerb neue Texte einreichen würde. Im Gegenteil: Über dieses Stadium ist der Jung-Autor mittlerweile meilenweit hinaus. Sehr schnell hat er den Weg zur literarischen Bühne und zum Live-Auftritt gesucht und gefunden, hat unter anderem die „Offene Bühne Lehrte“ mit seinen Texten beehrt, ist beim Macht Worte!-Poetry Slam, beim Fährmannsfest, mehrmals bei den legendären Kändler-Abenden im Kanapee und in der Nordstädter Lesereihe „Fliegenköpfe“ aufgetreten. Kurz: Stripling hat die Live-Literatur-Luft Hannovers und der Region ausgiebig genossen und ist aus ihrer Mitte seitdem nicht mehr wegzudenken. Und auch hier war der Weg ein fließender, natürlicher: „Ich war schon immer Bühnenmensch, habe bereits mit fünf beziehungsweise sechs das erste Mal auf einer Bühne gestanden und lange Amateurtheater gespielt“. Von Bühnen- und Schwellenangst also keine Spur, der Schritt hin zum Live-Vortrag sei ihm vielmehr ein vertrauter gewesen, führt er selbstbewusst aus.

Wortakrobat Stripling auf Schaukelpferd

Wortmagie mit Augenzwinkern: Robert Stripling

Von Erwartungshaltungen und „Wortfallen“

Seinen bisher größten Erfolg feierte das Mitglied des hannoverschen Lese-Ensembles „Gruppe Enigma“ schließlich im letzten Jahr. Stripling war als Vertreter Hannovers für die Deutschen Slam Poetry-Meisterschaften in Berlin in der Kategorie „U-20“ nominiert. Nachdem er sich in den Vorrunden wortmächtig gegen rund 45 Konkurrenten durchgesetzt hatte, zog er ins Finale ein und belegte aus dem Stand den sensationellen fünften Platz von 15 Finalisten. Das Publikum war vollends von seinem Vortrag begeistert und so ging Stripling unter tosendem Applaus im ausverkauften Admiralspalast als unbestrittener „Sieger der Herzen“ von der Bühne. Eine emotionale Auszeichnung, die jede Jury-Wertung weit in die Ecke stellt. Und ein Erfolg, den Stripling immer noch zurecht genießt. Zumal er mit seinen Inhalten das Publikum stetig und unkonventionell zu überraschen weiß. In seinen Texten lockt er den Hörer oftmals mit klassischen Einstiegsbildern auf die gewohnte Erwartungsfährte, nur um im nächsten Moment schon wieder philosophisch-humorvolle Finten auszulegen, welche die Geschichten und Lyriken in eine gänzlich neue Richtung „umschlagen“ lassen.

„Ich spiele gerne mit den Erwartungshaltungen, nehme sie humorvoll“. Passend umschreibt Stripling diese Art des literarisch-hintergründigen „In-die-Irre-Führens“ denn auch als „positives“ Scheitern“ auf der Publikumsseite. Dabei darf sich der Zuhörer die Inhaltsfrage auch gerne mal selber stellen, denn eine bestimmte Atmosphäre des Textes, des Vortrags und der Performance kann ebenfalls tragend Inhalte transportieren. In lyrischer Hinsicht sehen Stripling-Werke dann kurz und knapp zum Beispiel so aus: „Mein Leben ist mir ganz und gar / Geglitten aus den Händen / Was einst so froh und munter war / Muss nun auf einmal enden / So dachte Oberförster Mutke / Als er die alte Eiche fällte / Und sie in seine Richtung lugte / Und auf ihn nieder schellte.“ – Robert Gernhardt lässt grüßen.

Stripling mit Lampenhut

Stripling und sein unwahrscheinlicher Inspirationshelm von Ikea (nur 6,99 Euro!)

„Texte wollen gesprochen werden“

Robert Stripling verortet sein Textschaffen aus Prosa und Lyrik derzeit „noch“ im Bereich der reinen Bühnen- und Live-Literatur. Hier bündeln sich für ihn viele Ausdrucksmöglichkeiten, Variationen und nutzbare Zugangsebenen, die den reinen Textinhalt vortrefflich zu erweitern und zu ergänzen wissen. Als überzeugter Wortakrobat und Sprachsucher kann es da schon mal passieren, dass er neben eigenen Texten urplötzlich aus dem Duden vorträgt oder verschiedene Versatzstücke kombiniert und schelmisch mit vorgegebenen Inhaltsdefinitionen jongliert, um dem gesprochenen Wort eine neue Ebene zu erschließen.

Seinen eigenen Werken legt Stripling beim Schreiben dennoch einen „druckreifen“ Anspruch zugrunde, merkt aber zunehmend, „dass die Texte gesprochen werden wollen“, um ihren ganzen Umfang zu entfalten. Insofern steht er einer Veröffentlichung in Buchform äußerst gelassen gegenüber. „Das Gesamtgefühl zur Veröffentlichung muss stimmen, da braucht es noch Zeit“, führt er aus, „vielleicht wäre momentan eher ein Hörbuch die geeignetste Form, da kann man drüber nachdenken“. In Planung sei jedenfalls derzeit in beide Richtungen nichts. Muss ja auch nicht, denn aktuell schlägt Striplings Herz – der als einzige kuriose Sprachvorbilder augenzwinkernd Otto Walkes („Meine Eltern hatten Schallplatten, ich habe die Witze auswendig gelernt und dann vorgetragen“) und Bhagwan („‚Das Klatschen der einen Hand‘ habe ich früh einfach voll durchgelesen“) nennt – eher in die dramaturgische Richtung. „Ich drifte momentan sehr stark zu Theatertexten, viele Szenen entstehen, bei denen die Zeit unheimlich viele Zusammenhänge herausarbeitet“. Das sei ein sehr interessanter Prozess, ergänzt er sichtlich begeistert.

Robert Stripling reitet der Zukunft entgegen

Gewappnet für den Sternenritt in die Zukunft: Robert Stripling auf seinem bevorzugten Fortbewegungsmittel

Traumstation Theater-Regie

Somit verwundert es nicht, dass Stripling nach zwei Hospitationen am Jungen Schauspiel Hannover in den Bereichen Bühnenbild und Kostüm und Regie denn auch als seinen absoluten Berufstraum Theater-Regie angibt. Zumal noch eine Regie-Assistenz im Schauspiel in Aussicht steht und im Rahmen des Wettbewerbes „Skript Fabrik“ bereits Anfang 2008 eine szenische Version von Striplings viel umjubelten Berliner-Vorrundentext „Unvollständiges Puzzle“ als Mini-Drama aufgeführt wurde. Grundvorraussetzungen, die einiges erwarten lassen, wie gemacht für Robert Stripling, denn er schätzt an der Theaterarbeit vor allem die kreative Neugierde und eine ausgeprägte „Zugangsoffenheit jenseits ausschließlich konventioneller Wege“. Und genauso unkonventionell stellt er sich schließlich mit seinen Erwartungen auch dem Kulturkiosk: „Ich freue mich schon. Es wird bestimmt bunt und gefährlich. Für mich“. Ohne Worte – dem gibt es garantiert nichts mehr hinzuzufügen.

Nicht verpassen:
Robert Stripling präsentiert eine fulminante Auswahl seiner besten Texte und eine prallgefüllte, bunte Tüte Wort-Kapriolen am 27. Juni beim KULTURKIOSK von langeleine.de.

Robert Stripling im Netz:
www.die-horizonter.jimdo.com

(Fotos: Henning Chadde (2,3,4), Pressefoto (1))

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Kategorien: Literatur, Menschen

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