Jörg Smotlacha
16. Februar 2015

Tiefdruckgebiet über Frankreich

Seitenansicht: „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq

Alle sind Charlie – gut, dass wenigstens einer Michel bleibt: Michel Houellebecqs umstrittener Roman „Unterwerfung“, Buchcover

Wann immer Michel Houellebecqs neuer Roman „Unterwerfung“ in den aktuellen Medien kommentiert oder rezensiert worden ist, standen zwei Dinge im Raum: die Anschläge auf die Redaktion des französischen Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ und die damit einhergehende vermutete Bedrohung durch einen wie immer gearteten „islamischen Terrorismus“ oder die prophetische Vorhersage der Übernahme eines mitteleuropäischen, westlichen Staates durch eine muslimische Regierung. Oder gar beides. Und während die einen in blinder Verkennung von Houellebecqs literarischem Oeuvre in seinem Werk eine Bestätigung ihrer Thesen sahen und dem französischen Autoren umgehend einen „Michel-Houellebecq-Jugendkulturpreis“ widmeten – so geschehen durch die rechtslastige Jugendzeitschrift „Blaue Narzisse“, wogegen Houllebecq sich umgehend wehrte -, deuten ihn die anderen als einen unverantwortlichen Provokateur: „Frankreich, das ist nicht Houellebecq“, sagte der französische Ministerpräsident Manuel Valls kurz nach dem Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“. Oder aber als jemanden, der zumindest gerne zündelt und möglicherweise eine „von Islamphobie getriebene Kampfansage“ geschrieben habe (Der Spiegel).

Dass Michel Houllebecqs aktuelles Werk im Grunde wenig mit dem Islam zu tun hat und lediglich ein literarisches Spiel über eine zutiefst dekadente westliche, genauer gesagt französische Gesellschaft betreibt, stellten die wenigsten Rezensionen ins Zentrum ihrer Betrachtungen. Tatsache ist, dass Michel Houellebecq selbst nach den Attentaten in Paris sehr betroffen war, da unter den getöteten Redakteuren mit Bernard Maris ein enger Freund von ihm war, woraufhin er die Werbe-Tour für „Unterwerfung“ sofort abbrach. Tatsache ist aber auch, dass es dem 56-Jährigen gelungen ist, in den letzten zwei Jahrzehnten unter anderem mit seinen Romanen „Ausweitung der Kampfzone“, „Elementarteilchen“, „Plattform“ und „Die Möglichkeit einer Insel“ sowie seinen Gedicht- und Essay-Bänden „Lebendig bleiben“, „Die Welt als Supermarkt“ oder „Gegen die Welt, gegen das Leben“ zu einem der wichtigsten europäischen Schriftsteller der Gegenwart zu werden. Brillant in der Analyse, ketzerisch in der Aussage und stets originell in seinen Plots. Folgerichtig wurde er stets von allen Seiten attackiert: von Feministen als sexistisch, von Konservativen als scharfer Kritiker des Kapitalismus und von Linken als viel zu reaktionär. Immerhin gab es aktuell auch Zuspruch: In der FAZ bezeichnete ihn Volker Weidemann als wohl „radikalsten Schriftsteller unserer Zeit“ und die taz wiederum bemerkte zu Recht, dass Houellebecq keine Ängste bediene, sondern sie im Gegenteil „aufspieße“.

Im Mittelpunkt des im Jahre 2022 spielenden Romanes „Unterwerfung“ steht der Mittvierziger François, ein dem Alkohol zugeneigter unglücklicher Literaturkritiker, der an der Pariser Sorbonne lehrt, über den sonderbaren Schriftsteller Joris-Karl Huysmans forscht, dessen Leben in einem Kloster endet, wechselnde Affairen mit seinen Studentinnen hat und ansonsten ziemlich unglücklich ist, insbesondere als ihn seine Geliebte Myriam verlässt, die angesichts der politischen Lage des Landes nach Israel auswandert. Die politische Situation des fiktiven Frankreichs der Zukunft stellt sich bei Houellebecq indes so dar, das François Hollande zwar noch Präsident ist, aber die nächste Wahl gegen den immer stärker werdenden Front National unter Marine Le Pen nur noch gewinnen kann, indem er sich mit den Konservativen und den inzwischen eine bedeutende Rolle spielenden Muslimbrüdern verbündet. Dann geschieht das Unglaubliche: Ben Abbès, der Kandidat der Muslime, kommt in die Stichwahl und wird schließlich – unterstützt von den Altparteien – neuer Präsident der fünften Französischen Republik.

Und dann kommt Houellebecqs eigentliche Provokation: Nicht nur Protagonist François, sondern große Teile der französischen Gesellschaft finden richtig Gefallen an der neuen Situation, arrangieren sich mit den erstaunlich moderaten Lebensverhältnissen unter der neuen Regierung und bejahen diese sogar. Zwar dürfen Frauen nun nicht mehr arbeiten gehen, dafür aber ist die Arbeitslosigkeit beseitigt. Der Sozialstaat ist abgeschafft und die Werte der Familie werden als „Keimzelle der Gesellschaft“ wiederbelebt. Ziemlich steile Thesen zwar, doch letztendlich solche, die eindeutig die geheimen Sehnsüchte vieler Konservativer karikieren. Auf der anderen Seite: Die alten Intellektuellen, und insbesondere die Linken unter ihnen, die sich wie immer als extrem anpassungsfähig erweisen und nun dank der finanzstarken Saudis mindestens das Dreifache verdienen. Sie machen sämtliche antisoziale Reformen mit und sind ziemlich leicht käuflich. Das kann man definitiv als Abrechnung mit der europäischen Sozialdemokratie lesen. Oder als großen literarischen Spaß, denn sogar dem unglücklichen und letzlich unpolitischen François geht es nun besser: Er freut sich darüber, dass ihm die nun erlaubte Polygamie die Möglichkeit gibt, zahlreiche neue Gespielinnen zu finden. Und der Islam – und da wären wir noch einmal kurz bei der aktuellen politischen Debatte – bietet hier nichts anderes als die anderen Weltreligionen: Er stellt für den charismatischen Ben Abbès eine Option dar, die Macht zu erhalten, die in der Praxis moderat ausgelebt wird. Bis finanzstärkere Potentaten aus anderen arabischen Ländern für neue Konflikte sorgen.

Es ist richtig, dass Michel Houellebecq erneut einen unmoralischen Roman geschrieben hat. Doch indem er die Widersprüche der westlichen Gesellschaft derart offenlegt, erweist er sich einmal mehr als großer Humanist und Aufklärer. Dass seine Hauptfigur, der bemitleidenswerte François, vor seiner Konvertierung zum Islam im längsten Kapitel des Buches mit seinem Konterpart eine lange Diskussion über Nietzsche führt, ist nur ein Beispiel dafür, dass der Autor einfache Antworten auf die Komplexität unserer heutigen Welt schlicht verweigert. Und obwohl „Unterwerfung“ eine Spur hinter dem umwerfenden Verve und der tiefgehenden Gesellschaftsanalyse des Vorgängers „Karte und Gebiet“ zurückbleibt, sprüht Houellebecqs umstrittenes Werk nur so vor Witz und literarischen Verweisen und bietet vor allem Frankreich-Kennern derart viele Anekdoten, dass die Lektüre eine wahre Freude ist. Vor allem aber ist „Unterwerfung“ große Literatur. „In der Nacht hatte ein vom Atlantik kommendes Tiefdruckgebiet aus südwestlicher Richtung Frankreich erreicht. Es verschaffte mir keinerlei Befriedigung, mich wieder unter meinesgleichen zu befinden.“

Michel Houellebecq: „Unterwerfung, Roman, 280 Seiten, Dumont, ISBN-13: 978-3832197957, 22,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel