Henning Chadde
23. Februar 2015

Outstanding auf den Schwingen der Nacht

Das Verhör: „Built On Schemes“ von Grande Roses

Irreführendes Harmonie-Gewand mit Strich durch die Rechnung: Grande Roses‘ „Built On Schemes“, Album-Cover

Dass die Sounds von gestern in puncto Post-Wave-Punk-Rock & Co. seit längerem wieder Einzug im trendbewussten Indie- und Rock-Kanon der Szene-Gegenwart gehalten haben, dürfte nicht erst seit den chartbewandeten Siegeszügen von vermeintlichen Nummer-eins-Wave-Düster-Kapellen wie den Editors oder Interpol hinlänglich bekannt sein. Nein, die gute alte Tante Wave-Rock der beginnenden bis späten Achtziger à la New Model Army, Sisters Of Mercy, New Order oder Joy Division erfährt dieser Tage an allen Ecken und Enden eine nicht zu verachtende, zeitgemäße Frischzellenkur, die nicht selten staunen macht. Staunen ob des dargebotenen Selbstbewusstseins und der spielerischen Eigenständigkeit vieler Vertreter der „neuen“ Wave-Bewegung. Einer Bewegung, die sich keineswegs stoisch den alten Vorbildern und Vortänzern verpflichtet fühlt, sondern vielmehr das Beste von damals mit dem Besten von heute in Sound, Rock und Arrangements kombiniert. Und tatsächlich ein ganz eigenes Universum zu kreieren in der Lage ist, ohne sich anzubiedern oder gar altbacken zu klingen.

Zu den hervorstechenden Vertretern dieses neuen Selbstbewusstseins dürfen definitiv die schwedischen Wave-Rocker Grande Roses rund um Sänger Göran Andersson gezählt werden. Ließen sie schon mit ihrem im April 2013 erschienen Debüt „Disease“ deutlich nachhaltig aufhören, legen sie mit ihrem neuen Longplayer „Built On Schemes“ noch eine ordentliche Schippe Düsternis und Rock-Rotzigkeit auf ihre ohnehin schon kompakt-hynenhaften und melancholischen Song-Gebilde obendrauf. Und reiten in gerade einmal knappen 34 Minuten und neun Songs einmal quer durch die Wave-Gegenwart, ohne sich in ausschweifendem Pathos und Vergleichs-Referenzen zu verlieren. Sicher gemahnt Anderssons Gesang nicht selten an den eines Justin Sullivan oder Andrew Eldrich in ihren besten Zeiten. Dies mag aber eher dem Umstand geschuldet sein, dass der Grande Roses-Frontmann eben mit einem ähnlich klingenden Organ gesegnet ist, als dass er sich den genannten Soundalikes krampfhaft anzubiedern versucht. Vielmehr entpuppen sich die Songs auf „Built On Schemes“ als in ihrer Gesamtheit geschlossene, stimmige und gerade deshalb eigenständige Rock-Universen, die zwar durchaus und durchweg eine melancholische Fernweh-Stimmung hervorrufen, nicht zuletzt aber auch ordentlich Kopfnicken verursachen und einen unweigerlich auf die Tanzfläche ziehen.

Hier sitzt kein Gramm Füllfett zuviel an den Melancholia-Sound-Hüften, sondern die Band kommt kompakt fokussiert auf den Punkt und versprüht dabei eine durchgängig positive und rotzige Spielfreude, die gerade auch beinahe poppige Ausflüge stets unabhängig integer um die Ecke linsen lässt. Nachzuhören zum Beispiel auf dem sich wunderbar gitarrenverquirrlt aufbauenden Titelstück „Built On Schemes“ oder dem abschließenden „Spead The Ashes (And Love)“. Davor und dazwischen liegen sieben Songs, die sich tatsächlich wie eine sich aufbauende, stetig ergänzende, rohdiamantene Perlenschnur aneinanderreihen. Eine Kette von Songs, die ob ihrer stringenten Geschlossenheit einzelne Hervorhebungen beinahe gänzlich unnötig macht. Klar, bei einer Spielzeit von 34 Minuten darf man sich auch durchaus mal die Zeit nehmen, in einem Hörguss dranzubleiben. Doch nicht nur für altgestandene Fans des auf „Built On Schemes“ frisch zelebrierten „Ur-Sounds“ schälen sich einige Dauerbrenner heraus, die mehr als nur hängen bleiben. Weil sie eben auch im direkten Vergleich mit den vermeintlichen Vor-Vätern und -Müttern das Zeug zum Everlasting-Klassiker besitzen. Sei es der epische Gitarren-Breaker „For A Greater Cause“, das Wipers-infizierte „Seconds For Hours“ oder der darauffolgende, programmatische On-The-Road-Schrammel-Stomper „No Future“. Wobei nun doch wieder ein paar Anspieltipps gefallen wären. Dennoch sei der empfohlene Hördurchgang auf einen Schlag nicht vergessen. Auf diese ganz eigene Art kann ein Zeitreise-Tripp in die Vergangenheit moderner und kompakter gewiss nicht sein. Bitte zugreifen. Und sich das bisschen Zeit nehmen. Sie stand selten so kurz geballt und doch wegweisend zukunftsgewandt still.

Grande Roses: „Built On Schemes“, CD, 9 Songs, 34 min., Noisolution

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Musik

Kommentiere diesen Artikel