Susanne Viktoria Haupt
2. März 2015

Inhalt über literarische Qualität?

Seitenansicht: „The Circle“ von Dave Eggers

Große Erwartungen, wenige gehalten: „The Circle“ von Dave Eggers, Buchcover

Vor einiger Zeit lief auf einem privaten Fernsehsender eine kleine Dokumentation über Facebook und dessen Firmenzentrale im Silicon Valley. Ähnlich eines modernen Universitäts-Campus lies sich der kleine Rundgang erleben. Alle waren super happy, hatten unglaublich viel Spaß an dem, was sie dort tun, und saßen zum Lunch auf Bänken im Freien in der herrlichen Sonne. Nahezu alles gibt es dort: Friseure, Kinderkrippen und auch Fitness-Studios. Den Arbeitnehmern wird es so erleichtert, Arbeit und Privatleben besser in Einklang zu bringen. Oder beides bis zur Unkenntlichkeit miteinander zu verweben.

Alles muss geteilt werden

Das gleiche Bild bekommt man ganz schnell, wenn man „The Circle“ von Dave Eggers liest. Protagonistin Mae Holland hat eine Stelle bei dem beliebten Großkonzern „The Circle“ bekommen und die Berichte über den Firmensitz ähneln dem blau-weißen Social Network-Riesen immens. Der im Roman beschriebene Konzern ist im Prinzip Facebook, Amazon, Apple und Google in einem. Mit der Erschaffung einer einheitlichen virtuellen Identität lässt „The Circle“ die Menschen weltweit wirklich zu gläsernen Objekten werden. Alle Informationen, alle Daten werden ohne große Reue gezogen, verwertet, ausgeteilt und verbreitet. Kaum eine Information ist noch sicher, weder für „The Circle“, noch für die User selbst. Einfach alles lässt sich in Sekundenschnelle erfassen und in Erfahrung bringen. Mae lernt rasch, dass „The Circle“ eine Gesellschaft erschaffen hat, in der es als absolute Notwendigkeit angesehen wird, einfach alles zu teilen. Nichts soll verborgen bleiben, und wer sich dem doch entgegenstellt, wird direkt gerügt. Was erst wie ein zwanghaftes Social Network klingt, ufert schnell in totale Überwachung aus. Mit dem subtilen Credo „Wissen ist Macht“ will „The Circle“ stetig weiterwachsen und seine Kraken-Arme auch in das Gesundheitssystem und andere Bereiche stecken. Dabei wird mit allen Mitteln gearbeitet, unter anderem auch mit winzigen Kameras, die sich von Usern überall hinstecken und verstecken lassen, und deren Aufnahmen live ins Internet übertragen werden. Privatsphäre ist etwas anderes. Während Mae immer mehr vom Konzern verschluckt wird, trifft sie auf einen mysteriösen Fremden, der sie vor „The Circle“ warnt…

Medienopädagogisches Begleitbuch

Dave Eggers Dystopie, mit viel Vorschusslorbeer oft schon als neues „1984“ gefeiert, ist von der Story her eigentlich eine sichere Sache. Und Eggers Sarkasmus und Unverfrorenheit, Dinge einfach und direkt anzugehen, spielten ihm sicherlich dabei in die Karten. Dennoch überzeugt „The Circle“ literarisch kaum, denn das Werk wird von der großen internet-kritischen Keule nahezu erstickt. Seine Ausführungen sind – wenn auch in gewisser Form berechtigt, denn einen Konzern oder ein System wie in diesem Roman möchte sicherlich kein normaler Mensch haben – in einem so hohen Maße eine Ermahnung, dass „The Circle“ fast als medienpädagogisches Begleitbuch nützlich wäre. Leider auch auf Kosten der Unterhaltung, denn erst in der zweiten Hälfte fährt Eggers Wahnsinn und Radikalität auf und lässt ein wenig von dem mit in die Zeilen fließen, was ihn eigentlich als Autor ausmacht. Im Vergleich zu Dave Eggers‘ bisherigen Romanen ist „The Circle“ nett gemeint, fällt allerdings ordentlich ab. Gerade wenn man „Ein herzzerreissendes Werk von umwerfender Genialität: eine wahre Geschichte“ gelesen hat, kommt einem „The Circle“ leider erschreckend flach vor. Gutgemeinte Gesellschaftskritikritik in allen Ehren, aber für einen lesebedürftigen Menschen, der von einer Story richtig eingenommen und berührt werden möchte, ist Eggers Roman nur ein kurzweiliger Zeitvertreib, der nicht einmal durch die Schreckensszenarien einer vollkommenen Überwachung besonders hervorsticht. Immerhin bedient er all diejenigen, die ohnehin den großen Teufel hinter technischen Neuheiten erblicken.

Dave Eggers: „The Circle“, Roman, 560 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462046755, 22,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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