Marcel Seniw
6. März 2015

Hannover 96 hat nicht verstanden

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Heimspiel gegen den FC Bayern München

Bei den Fans stark umstritten: 96-Boss Martin Kind

Halbzeit in der HDI Arena. Ich befinde mich auf dem überlaufenen Herren-Klo direkt am Nord-Eingang. Am Pissoir neben mir steht ein alkoholisierter Mann, der sein Lallen mit Lautstärke zu übertünchen versucht, und erklärt mir, warum Tayfun Korkut „raus“, Martin Kind „weg“ und Hannover 96 im derzeitigen Zustand absteigen muss. Nein, so lang war meine Leitung nicht, aber der Kerl haute innerhalb von einer Minute so viele Stammtisch-Weisheiten heraus, dass sogar das berühmte Phrasenschwein das Kotzen kriegen würde. An dieser Stelle könnte ich auf das kommende Heimspiel und die drohende Pleite gegen den FC Bayern München eingehen oder über Trainer Korkut sprechen, der unter der Woche nun auch öffentlich vom Klubchef Kind angezählt wurde. Doch zunächst einmal möchte ich an dieser Stelle auf den am Donnerstag veröffentlichten offenen Brief der Klubführung von Hannover 96 eingehen. Meiner Ansicht nach hat der Verein mit diesem Brief ein saudämliches Eigentor geschossen. Darin geht es wie schon so oft um das Thema Stimmung im Stadion, dieses Mal garniert mit einer Prise sportlicher Talfahrt. Eingeleitet wird der Inhalt des Briefes mit einem vollmundigen „wir haben verstanden“ – doch ich habe die Intention irgendwie nicht verstanden.

„Wir sind nicht blauäugig“

„Es sollte nicht mehr um Versäumnisse der Vergangenheit gehen. Auch nicht um die Interessen Einzelner. Wir alle sollten einmal tief Luft holen und uns überlegen, worum es geht: um ein Gefühl einer Stadt. Um einen Klub, der kurz vor der Insolvenz gestanden hat und dann von der Regionalliga bis in die Bundesliga aufgestiegen ist. … Wir sind nicht blauäugig. Klar, ohne die ein oder andere Fangruppierung wird sich die Stimmung nicht kurzfristig ändern – aber es geht um mehr als das. Wir sind sicher, dass dieser Klub, diese Stadt, diese Mannschaft so viel wert sind, dass sich neue Gruppen finden werden, die andere Fans in der HDI Arena mitreißen. Und für diese Anhänger werden wir werben und werden diese unterstützen. Hand drauf!“ (Quelle: www.hannover96.de)

Wie zum Teufel möchte Hannover 96 neue Fans anwerben?

Als ich von einem offenen Brief hörte, war mein erster Gedanke der einer Versöhnung zwischen den Ultras und Klubchef Kind. Und trotz der dem Brife innewohnenden Lobhudeleien um seine Person („bis in die Bundesliga aufgestiegen“) dachte ich beim Lesen der ersten Zeilen noch immer daran. Was dann aber folgte, war an Arroganz und Ignoranz kaum zu übertreffen. Denn zur Findung der angesprochenen „neuen Gruppen“ hatte der Verein bislang immmerhin schon 23 Spieltage Zeit und es ist nichts geschehen. Außer zunehmende „Korkut raus“-Rufe, Europapokal-Schmähgesänge und Pfeifkonzerte. Irgendwie musste ich beim Lesen des Offenen Briefes der Vereinsführung wieder an den Typen vom Klo denken und dachte mir: „Solche Leute werben wir! Hand drauf!“ Generell gefragt: Wie zum Teufel möchte Hannover 96 Fans anwerben, die mit herzzerreißender Leidenschaft hinter dem Verein stehen und die Sprechgesänge inbrünstig mitbrüllen? Innovationen gab es ja schon viele im Fußball, aber engagierte Animateure will ich jedenfalls nicht im Fanblock sehen. Und bitte nicht falsch verstehen, liebe Fans im Fanblock: Ich prangere nicht an, dass Ihr keine Stimmung machen könnt, und weiß auch, dass nicht alle in der Nordkurve nur noch Häme für die Jungs auf dem Platz übrig haben. Und dennoch fehlt die koordinierende Anfeuerung durch Profis, die die Ultras!

So wird es hart, die Fans zu halten

Viel schlimmer als der ignorante Inhalt wiegt jedoch das Ende des Schreibens. Die Klubführung freue sich „tatsächlich auf das Spiel“ gegen die Bayern. Das klingt zwar noch nicht weiter schlimm, doch dann macht sich 96 auch noch klein. Zwar wisse der Verein um die Sorgen der Fans bezüglich des Ergebnisses am Samstag, dennoch gäbe es „wirklich Schlimmeres, als sich mit dem besten Verein der Welt“ zu messen. „Viele Traditionsvereine, die in den unteren Ligen spielen, würden gerne mit uns tauschen. Die würden gerne in der Bundesliga spielen. Aber wir sind dabei. Und wir bleiben dabei“, steht in dem Brief. Bei so viel Arroganz wird es nicht nur schwer, neue Fans anzuwerben, sondern auch hart, die eigenen zu halten. So viel Überheblichkeit und Selbstüberschätzung kennt man sonst nur vom Elb-HSV, der genauso wie 96 aufpassen muss, dass es nicht bald am Montagabend gegen Traditionsvereine wie 1860 München um Punkte geht.

Leider chancenlos gegen die Bayern

So, das Thema ist abgehakt. Den offenen Brief hätte sich die Klubführung von Hannover 96 besser erspart. Doch eine unpopuläre Entscheidung könnte in diesen Tagen die nächste ereilen. Zwar forderte Martin Kind aus den nächsten drei Spielen gegen München, Dortmund und Gladbach „nur“ drei Punkte von seinem Coach, doch eine hohe Niederlage gegen den FC Bayern könnte Korkuts Schicksal schon am Samstag besiegeln, da Dortmund und Gladbach nun auch nicht unbedingt zu den Low-Budget-Gegnern gehören, bei denen man mit Punkten rechnen darf. Bei meinem Tipp für diese Woche lasse ich mich zwar ein wenig von dem 0:15-Tipp meines Toilettenkumpels aus dem Stadion inspirieren, doch ganz so weit gehe ich dann doch nicht. Bayern München war am Mittwoch im Pokal gegen Braunschweig schon nicht so gut drauf und obendrein steht unter der Woche ein Champions League-Achtelfinal-Rückspiel an. Daher wird die Anzeigetafel kein historisches, sondern ein fast schon gewohntes 96-gegen-Bayern-Ergebnis anzeigen. Hannover 96 wird mit 1:6 untergehen. Armer Tayfun Korkut.

Samstag, 7. März 2015, 15.30 Uhr:
Hannover 96 – FC Bayern München

(Foto: Kind/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 3.0)

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Kategorien: Sports

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