Arne Böwig
9. März 2015

Verzögerung der Rock-Rente auf unbestimmte Zeit

Das Verhör: „Return To Forever“ von Scorpions

Warum man die Scorpions auch aus vollem Herzen gut finden kann: Das neue Album „Return To Forever“ zeigt, dass die hannoversche Rock-Legende nicht gealtert ist

Die Scorpions sind seit Beginn ihrer Karriere im Ausland sehr viel erfolgreicher gewesen, als in Deutschland. Klar, der Prophet im eigenen Land gilt nichts. Doch ganz so einfach ist es nicht. Auf die heimischen Fußball-Clubs ist man ja auch stolz, wenn sie Erfolg haben. Da hinkt der berühmte Vergleich. Weiterhin fällt auf, dass die Scorpions in Hannover, ihrer Heimat, noch unbeliebter sind, als anderswo in Deutschland. Doch wo kommt dieser bundesweite Unterschied in der Betrachtung des Schaffens der Hannoveraner her?

Ein Erklärungsversuch: Hannover hat seine schönen Errungenschaften schon immer sehr viel zaghafter präsentiert als der Rest der Welt. Diese Form von Understatement geht mit den Scorpions nur schwer zusammen, weil die Band sich und ihren Hardrock selbst hundertprozentig feiert und dieses Verhalten eigentlich eher US-amerikanischen Combos eigen ist. Um diese Tatsache festzustellen, reicht es, sich die Tracklist eines Scorpions-Albums anzusehen. Da macht auch die neue Scheibe keine Ausnahme.

Knackiger Hardrock, von Pathos gezeichnete Balladen und flockige Radio-Songs

Die Standardversion von „Return To Forever“ umfasst zwölf Songs, in der Mehrheit neue Kompositionen, in der Minderheit zu eigenen Songs ausgearbeitete Demos aus den 80er-Jahren. Sieben weitere Songs gibt es wiederum als Bonus für andere Formate. Und wenn wir die Standard-Zwölfer-Version als Grundlage nehmen, schafft es nur ein Song, „The Scratch“, über die Zielgerade, ohne zu glänzen. Die anderen elf Songs aber decken das gesamte Spektrum an Songwriting ab, für das man die Scorpions in ihrer nun schon 50-jährigen Bandgeschichte immer schätzen lernen konnte: melodischer, knackiger Hardrock dominiert die Mehrheit des Albums, wie man ihn von den Scorpions zuletzt in so bissiger Form Mitte der 80er-Jahre auf „Love At First Sting“ zu hören bekam. Die andere Hälfte wird mit von hochklassigem Pathos gezeichneten Balladen und locker flockigem Radio-Rock aufgefüllt, der die neue Freude, die die Scorpions an ihrer Musik gefunden haben, gut transportiert. Hingabe und Spaß am Rock’n’Roll ist in fast jeder Note und vor allem auch jeder Zeile spürbar: Sänger Klaus Meine, mittlerweile stolze 66 Jahre alt, brilliert wie selten in jüngerer Vergangenheit. Durch ein vom klischeehaften Rock’n’Roll-Lifestyle abstinentes Lebens scheint seine Stimme einfach nicht altern zu wollen.

Lange nicht mehr so bissig wie auf „Return To Forever“

Seit die Scorpions im Jahre 2004 mit dem Album „Unbreakable“ den klassischen Hardrock, der sie groß gemacht hat, für sich neu entdeckt haben, haben sie sich auch dem Songwriting-Niveau ihrer eigenen Klassiker immer mehr angenähert. Nicht nur haben die Songs einen Drive und eine Ohrwurm-Qualität, der man nicht widerstehen kann – nein, auch im Gitarren-Bereich passiert unglaublich viel auf „Return To Forever“: Hier ein flirrendes Riff, dort eine plötzliche und unerwartete Soundwand und gleich darauf eine überraschende Wendung. Was Rudolf Schenker und Matthias Jabs auf diesem Album an den sechs Saiten gezaubert haben, zeugt von großer Finesse und Spaß an der Musik. Nimmt man die letzten Alben zum Vergleich, so waren die Songs nie bissiger und mit mehr Drive und Power versehen als gegenwärtig. Für große Balladen hatten die Scorpions schon immer ein besonderes Händchen, daran hat sich bis heute nichts geändert.

Dicke Refrains, tolle Arrangements, großartige Gitarren-Harmonien, ein bisschen Epik und jede Menge Goodtime-Feeling: All das hat die Scorpions groß gemacht, all das hat die Band schon lange nicht mehr so gut zu einem Album zusammengefügt wie aktuell auf „Return To Forever“. Auf all das darf man auch als Hannoveraner gerne einmal stolz sein. Wer solch ein starkes Album im Karrierreherbst, im fünfzigsten Jahr des Bestehens, vorlegt, der ist nicht nur nicht reif fürs Abstellgleis, der wäre sogar schön blöd, wenn er aufhören würde.

Scorpions: „Return To Forever“, CD, 12 Songs, 47:40 min., Sony Music

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Kategorien: Musik

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