Kathrin Tegtmeier
18. Mai 2006

Auf Reisen mit dem Herzpiraten

Rezension: „Lieber woanders“ – das aktuelle Hörbuch von Hannovers literarischem Shooting-Star Mirco Buchwitz

Der hannoversche Autor Mirco Buchwitz ist als Spoken-Word-Künstler, Comedian und Kabarettist in einer Person weit über die Grenzen Hannovers hinaus bekannt. Einerseits für seine umwerfend komischen Inhalte, andererseits für seine nachdenklichen, philosophischen Texte. Mit „Lieber woanders“ hat Buchwitz 2005 im hannoverschen Verlag zeter & mordio ein großartiges Hörbuch veröffentlicht.

CD-Cover "Lieber woanders"

„Lieber woanders“ ist anders

Mit „Lieber woanders“ präsentiert der 32-jährige wiederum viele Facetten: ernst, nachdenklich, melancholisch. Zu finden sind 15 Texte, die sowohl von der Vergangenheit als auch von der Gegenwart einzelner Protagonisten handeln, von ihren verschiedenen Lebensläufen und Träumen. Buchwitz verdichtet diese Geschichten zu einem emotional-mitreißenden Kaleidoskop des (Alltags-)Lebens, untermalt und souverän in Stimmung gesetzt durch vielschichtige instrumentale Klänge und Soundeinspielungen. Beeindruckend dabei: Von den Texten und Arrangements bis hin zu den Kompositionen lag die gesamte Produktion in der Hand des Autors. Buchwitz spielt alle Instrumente und spricht alle Stimmen und so spricht er manchmal auch mit sich selbst.

Mirco Buchwitz am Mikrofon

Der Mann am Mikrofon

Mitten ins Herz: Der Griff durch den Spiegel der Befindlichkeiten

Buchwitz‘ Protagonisten sind unter anderem die Kinder der 70er-Jahre. Er beschreibt, woher sie kommen, wer und was sie waren und was aus ihnen geworden ist. Was war ihnen wichtig, was waren ihre Ängste, Erkenntnisse und Träume? Der Wortakrobat schafft es, mit seinem Griff durch den Spiegel der Befindlichkeiten direkt im Herzen des Zuhörers zu landen. Man kennt das Augenzwinkern, mit dem die Helden in Buchwitz‘ Storys aus scheinbar auswegslosen Situationen entkommen, aber man kennt auch den Schmerz. Den Schmerz verpasster Chancen und Träume, verlorener Lieben und den Schmerz des Abschiedes.

…und nichts hat dir mehr Angst gemacht als diese Leere, von der du nicht wusstest, mit was du sie füllen könntest. Du hast von Momenten gesprochen, wenn es still ist in der Welt außerhalb deines Kopfes. Wenn das einzig hörbare Geräusch das gleichmäßige Knirschen des Mondes an der ersten Himmelssphäre entlang ist, die ihn in manchen Nächten nur milchig schimmern lässt. Jene Nächte, in denen die Gravitation besonders stark ist. Wenn man dasitzt, sich wünscht, noch einmal im Kirschbaum zu klettern, das Harz von der Rinde zu kratzen, um es aufzubewahren, bis es zu Bernstein geworden ist.

Aus: „Die Was-Passiert-Dann-Maschine“, Mirco Buchwitz, „Lieber woanders“, zeter & mordio 2005

Vielseitig, vielschichtig, abwechslungsreich

Aber ein Mirco Buchwitz kann nicht nur schreiben und lesen, sondern auch singen. Und dann gönnt er sich bei dem Lied „Y cuando vuelva el verano se habrá pasado“ auch das einzige Mal den Luxus, Gäste mitwirken zu lassen. Spanische Rhythmen verbinden sich mit den schwermütigen Textzeilen „Wenn sie wieder kommt, ist der Sommer vorbei“. Zum Ende summt SIE mit. Verträumt, wehmütig. Dieser Ausstieg zieht den Hörer in seinen Bann und entfacht einen eigenen Sog von Gedanken, gibt die Möglichkeit, sich eine ganz persönliche Geschichte zu dem Lied zu ersinnen. Und wer weiß? Vielleicht ist es die eigene.

Mirco Buchwitz

Auf dem Weg zum Klassiker – Mirco Buchwitz

Ganz anders zeigt sich Buchwitz bei „Super Sat präsentiert: Gestört um Drei“: Hier entfaltet er eine bitterböse, treffsichere Satire auf die Talkshows unserer Zeit. Die Talkgäste – ein Ehepaar mit eher schlichtem Gemüt – werden mit der Kommunikationstheorie von Friedemann Schulz von Thun konfrontiert. Ein funkelnder Dialog entsteht, an dessen Ende die Eheleute die Aussagen des Gesprächstherapeuten in Frage stellen. Sie lassen ihn prompt sitzen und wollen lieber zu Hause ihre eigene Gesprächsrunde abhalten. So bleibt die Frage, ob therapeutisch-verkopfte Lösungsansätze nicht oft genug am Alltagsbezug scheitern.

Vom Umgang mit alten Klassikern und ihren Neuzugängen

Neben Poesie und Ernsthaftigkeit findet sich auf „lieber woanders“ aber auch reichlich Platz für Skurriles. Zum Beispiel unter der Rubrik „Klassiker. Kurz. Und. Knapp.“ Hier werden historische Highlights auf das Minimum reduziert. Beim Untergang der Titanic ist dann auch nur ein Gluckern zu hören. Mehr nicht. Das hinterlässt ein Schmunzeln auf dem Gesicht und die Frage, ob es immer hunderte von Seiten sein müssen, wenn sich das Wesentliche auch in wenigen Worten ausdrücken lässt. Augenzwinkernd beweist Buchwitz, dass es eben auch anders geht. Das ist weit weniger respektlos gemeint, als es scheint. Der Hannoveraner regt dazu an, sich seine eigenen Klassiker zu suchen. Und diese finden sich nach wie vor oftmals neben den ausgetretenen Pfaden der Bücherhitlisten und des medialen Comedy-Hypes von Sat1 bis RTL. Aber genau dort findet man Mirco Buchwitz.

    Mirco Buchwitz, Lieber woanders

  • Audio-CD, 15 Tracks, 72 Minuten
  • ISBN 3-9809552-4-9
  • Verlag zeter & mordio
  • 12,90 Euro

Die mittlerweile 2. Auflage ist im Platten- und Buchfachhandel oder direkt unter www.zeterundmordio erhältlich.

(Fotos: Pressefotos (2), Foto „Der Mann mit dem Mikrofon“: Jörg Smotlacha)

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Kategorien: Literatur, Menschen

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