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Alles muss raus

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Übermorgen: das Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach

Weiß, wie man Fußball spielt: zur Not mit dem Knie. 96-Legende Jiri Stajner

97. Minute des Spiels Borussia Mönchengladbach gegen Hannover 96: Der Gladbacher Mittelfeldakteur Christoph Kramer fragt den Schiedsrichter beim Stand von 1:5 aus Sicht seiner Mannschaft, in welcher Stadt er eigentlich sei. Der Unparteiische ruft die Sanitäter, die Kramer in ärztliche Betreuung übergeben. Der gesperrte hannoversche Kapitän Lars Stindl sieht derweil auf der Tribüne die Rote Karte, weil er selbst nicht mehr weiß, zu welchem Verein er gehört und mit 96-Schal und Gladbach-Cappy gegen die Stadion-Ordnung der Borussen verstoßen hat. Die Fans skandieren, dass der DFB „weg muss“ und die Bundesliga auch und die Torlinien-Technologie samt der Torlinien auch. Und überhaupt alles. Alles muss weg. Alles muss raus.

Kein Ballbesitz

Während des Spiels aber passiert zunächst einmal gar nichts. Hannover 96 ist um Ballbesitz bemüht, doch das gelingt nicht, weil die Borussen dem Ball beim Anpfiff auf die Tribüne geschossen haben und das runde Leder erst in der 36. Spielminute wiedergefunden wird. Mit nur 79 Ballkontakten in einer Halbzeit geht das Spiel als „ärmstes Spiel seit der Erhebung der Statistik“ in die Geschichte der Bundesliga ein. Hannoversche Ultras, von denen niemand weiß, wie sie ins Stadion gekommen sind, singen „Kind muss weg!“, die Gladbacher Fans kontern mit „Jedes Jahr ein Kind, jedes Jahr ein Kind, bis es 96 sind!“. Der Schiedsrichter hat genug gesehen und pfeift zur Halbzeit.

Die Suche nach dem Sinn

In der zweiten Halbzeit aber geschieht Erstaunliches: Hannover 96 hat nur noch drei Prozent Ballbesitz und spielt total gegen seinen Trainer Tayfun Korkut, der selbigen zur absoluten Marschroute erklärt hat, auch wenn sein Team seit Langem schon nicht mehr begriffen hat, wozu der Ball überhaupt gut ist. Fliegt er doch meistens von Keeper Ron Robert Zieler aus ins Seitenaus und zurück. Wo ist da der tiefere Sinn? Korkut möchte Jiri Stajner ins Spiel bringen, um notfalls ein Tor mit dem Knie zu erzwingen, doch Stajner steht gar nicht im Kader. Der aus purer Verzweiflung eingewechselte Didier Ya Konan, der zwar an Gott glaubt, aber nicht an Hannover 96, erzielt – noch geschult durch die „10 Sekunden-Regel“ seines alten Trainers Mirko Slomka – in zehn Sekunden fünf Tore. Hannover 96 führt 5:0. So schön kann Fußball sein! Der Gladbacher Ehrentreffer durch Christoph Kramer, an den sich wirklich niemand erinnern kann, fällt da auch nicht mehr ins Gewicht.

Ach!

Ach, wie wär das schön! Wenn Fußball wieder zum Träumen anregen könnte und Geschichten schriebe, die man sich besser gar nicht ausdenken könnte. Wenn all das wahr würde, was ich behauptet habe. Wenn Fans keine Kunden sein müssten. Wenn Martin Kind inmmitten der Ultras „Jedes Jahr ein Kind“ singen würde. Wenn Hannover 96 irgendetwas verstanden hätte. Und wieder mein Verein wäre. Allein – es fällt schwer. Das musste mal gesagt werden. So unter uns. Wir sehen uns im Block!

Sonntag, 15. März 2015, 17.30 Uhr:
Borussia Mönchengladbach – Hannover 96

(Foto: r.knorr/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 3.0 [1])

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