Matthias Rohl
24. Juni 2008

Filmgeschichte(n): „Für eine Handvoll Dollar“

Wie Sergio Leone den Italo-Western erfand und Clint Eastwood zur cleversten Ikone des modernen Kinos wurde

Rom, Weihnachten 1963. Im Dunkel des großen Arlecchino-Kinos sitzt ein Mann tief versunken in begeisterter Betrachtung des Akira-Kurosawa-Klassikers „Yojimbo“. Es ist einer dieser magischen Momente, der ein Gehirn elektrifiziert und einen innovativen Ideenstrom freisetzt, welcher den Blick auf unsere Welt für immer verändert. Als der Mann das Kino verlässt, ist er bereits ein anderer. Er ruft sofort seinen Freund Sergio Corbucci an und berichtet ihm von seiner Eingebung, die er soeben von höherer Stelle empfangen hat: Er wisse jetzt, wie man das dahinsiechende Western-Genre wiederbeleben könne! Sergio Leone hieß der Mann, der da erleuchtet aus dem Kino kam – und mit „Für eine Handvoll Dollar“ 1964 ein Leinwanderlebnis schuf, dessen Wirkung bis in unsere Gegenwart hinein deutlich spürbar fortlebt.

“Für eine Handvoll Dollar”, Filmposter

Meilenstein des Spaghetti-Westerns: Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“

Ein Fremder, vier Särge und ein Maultier

Joe (Clint Eastwood) kommt aus dem Nichts herangeritten. Unter der Hutkrempe sondiert er mit stechend-blinzelndem Blick seine Umgebung, gehüllt in einen weiten Poncho. Im mexikanischen Grenzort San Miguel macht er Station, die rivalisierenden Familienbanden Baxter und Rojo terrorisieren die Einwohner und leben vom Alkohol- und Waffenschmuggel. Vor der Cantina der Stadt verhöhnen ihn vier Finsterlinge des Baxter-Clans, und während sein Zigarillo von einem Mundwinkel zum anderen wandert, entgegnet der Fremde in irritierender Ruhe: „See, my mule don’t like people laughing. Get‘s the crazy idea you’re laughing at him. Now if you apologize, like I know you’re going to, I might conceive him that you really didn’t mean it.“ Sekunden später sind die Männer tot, und Joe wendet sich lakonisch zum Bestatter, bei dem er kurz zuvor drei Särge bestellt hatte: „My mistake – four coffins“. Die Ankunft des Fremden macht im Ort rasch die Runde und beide Clans wüssten diesen geheimnisvollen Mann mit der Fähigkeit zum blitzschnellen Töten gern in ihren Reihen. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf…

“Für eine Handvoll Dollar”, Szenenfoto mit Clint Eastwood

Lakonischer Vorläufer des modernen Action-Helden: Clint Eastwood als Joe

Pop-Art, James Bond und Rock’n’Roll

Regisseur Sergio Leone, der einst als Aufnahmeleiter bei Robert Aldrich seine Kino-Karriere begann, gelang mit seinem ersten Western eine ungeheuer richtungsweisende Innovation und überdies einer der größten kommerziellen Filmerfolge der 60er-Jahre. Mit dem schmalen Budget von nur 200.000 Dollar erschuf er mit leichter Hand das Subgenre des „Spaghetti-Western“ und erschütterte die Sehgewohnheiten damaliger Kinogänger. In Südspanien gedreht und zunächst in einem kleinen Lichtspielhaus in Neapel ohne jeden Werbeaufwand gestartet, fand der Film sofort sein Publikum. Was die Zuschauer sahen, war nichts weniger als ein völlig neuartiges Kinoerlebnis – und dies von der ersten Sekunde an! So sieht man in der Titelsequenz von Luigi Lardani mit lauten Schüssen gepaarte, animierte Bilder, die in ihren Grundfarben (rot, schwarz, weiß) entfernt an Andy Wahrhols Pop-Art-Visionen erinnern – die Hauptinspiration hierfür waren allerdings die Vorspann-Bildwelten der James-Bond-Filme. Und schon in diesen ersten Sekunden ahnt man, dass es „ein Rock’n’Roll-Western sein wird, der Soundtrack ist fetzig, die Bilder sind knallig, die Schnitte schnell“ (Christopher Frayling). Die neuartige Behandlung der Tonspur als Geräusch-Symphonie, die sich über den gesamten Film erstreckt, deutet sich hier ebenfalls schon an.

“Für eine Handvoll Dollar”, Szenenfoto

Low Budget in Südspanien: Außendreh bei „Für eine Handvoll Dollar“

Härte, Eleganz und Coolness

Sergio Leones filmgeschichtlich bedeutendste Innovation bestand indes zweifelsfrei in der Zeichnung eines zuvor so nie gesehenen, hybriden Helden-Typus. Hatte er zunächst Stars wie Henry Fonda, Maximilian Schell und James Coburn auf seiner Besetzungsliste, entschied sich Leone schließlich, auf einen Tipp hin, für den damals völlig unbekannten Clint Eastwood. Dieser gab damals in der US-TV-Serie „Rawhide“ den glatten Pat-Boone-Typ im karierten Hemd und übernahm für 15.000 Dollar plus Flugticket nach Spanien die Hauptrolle – im Koffer das Griffstück eines 45er-Colts und den berühmten Poncho. Am Drehort angekommen, verblüffte er den Regisseur mit der Idee, seinen Text auf wenige Zeilen zusammenzustreichen. Und so wurde die Ikone der cleveren Coolness geboren, wie wir sie in Gestalt Eastwoods seit vier Dekaden vor Augen haben: Lässige Sprüche, die leichtfüßig-lauernde, raubkatzenartige Körpersprache, die auch knallhart sein konnte – ob Arnold Schwarzenegger, Charles Bronson, Sylvester Stallone oder Bruce Willis: „Der moderne Action-Held wurde durch diesen Film ins Leben gerufen“ (Frayling).

“Für eine Handvoll Dollar”, Szenenfoto mit Clint Eastwood und Marianne Koch

Kein Ort für Liebesgeschichten: Marisol (Marianne Koch) trifft Joe (Clint Eastwood) in San Miguel

Liebe, Folter und Machismo

Das geringe Artikulieren, das aufreizende Schweigen – die Lakonie der Eastwood-Figur entfaltet ihren unwiderstehlichen Zauber, weil man so wenig über sie weiß. Sie ist verschlossen und eigenständig. Sie trägt eine „Rüstung“, man kommt nicht an sie heran. Und natürlich darf sich der Held nicht verlieben – auch dann nicht, wenn die Verlockung in Gestalt der heiligen Jungfrau Maria daherkommt. Zwar heißt sie bei Leone Marisol (stolz und schmachtend: Marianne Koch), doch der Regisseur spielt ganz bewusst mit dieser biblischen Referenz. Nur einmal keimen Affekte im Helden auf, die er jedoch schnell beiseitewischt, als er für die gequälte Frau Partei ergreift: „I knew someone like you once, there was no one there to help, now get going.“ Gerade diese flüchtige Andeutung von Vergangenheit machte Eatswood in dieser Rolle nur noch enigmatischer. Doch Mythen-Macher Leone wollte keinen eindimensional-unschlagbaren Helden – deshalb muss der coole Machismo körperlich herausgefordert werden, indem er vom Rojo-Clan sadistisch zugerichtet wird: Ein Übergangsritus für den Helden, um zu zeigen, dass er nicht nur cool, sondern auch stark ist. Von Kameramann Massimo Dallamano in Techniscope fotografierte Gesichts-Nahaufnahmen erinnern schließlich an Fellinis Technik und die Porträt-Malerei der Renaissance. Man wünscht sich für Leones genuine Neuschöpfung im DVD-Zeitalter konzentriert-begeisterungsfähige Erstseher!

nächste Folge:
„City Of God“
Regisseur Fernando Meirelles erzählt vom Bandenkrieg in den Favelas von Rio de Janeiro und kreiert ein Meisterstück des neuen lateinamerikanischen Kinos

(Fotos: Pressefotos/Wikipedia)

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Kategorien: Film

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