Henning Chadde
24. Juni 2008

Von Heino zu Cobain, Morrison & Co. und nie wieder zurück

Enzos Hoer Bar, humorvolle Parallel-Universen, jede Menge Musik und der ganze Rest dazwischen: der Autor und Sänger Jens Briskorn im Portrait

Wenn man sich mit Jens „Enzo“ Briskorn zum Interview verabredet, dann braucht man Zeit. Und eine gehörige Portion Bauchmuskeltraining im Vorfeld. Denn abgesehen davon, dass die Gesprächsdauer ob der vielschichtigen Stationen der Person Briskorn überaus anregend wie im Fluge vergeht, hat man es bei dem Sänger, Autoren und Initiatoren der musikalisch-szenischen Lesereihe „Enzos Hoer Bar“ mit einem tiefgründig-abgefahrenen Humor-Spezialisten zu tun, dem man ohne Wenn und Aber auf alle Assoziations-Reisen folgt und sich vor lauter Sprachwitz und sympathischen „Dönekens“ sprichwörtlich vor Lachen den schmerzenden Bauch hält. Nur, um sich im folgenden Moment schon wieder mitten im Gespräch rund um das Kulturschaffen Briskorns wiederzufinden.

Jens Briskorn

Die Ruhe vor dem Kopfsturm: Jens „Enzo“ Briskorn

„Die Stimme ist da!“

Angefangen hatte alles irgendwie mit Heino. Humorvoll beeindruckt vom Sangeswerk der Schweißerbrille tragenden, blondperückten Haselnuss, knüpfte sich Jens Briskorn vor etlichen Jahren eine waghalsige Songauswahl des ebenso unglaublichen, wie im Vierteltakte übersichtlichen, heinoschen Repertoires vor. Fortan schmetterte er, erweitert um die eine oder andere komödiantische Einlage, bei der Arbeit begeistert von morgens bis abends unter anderem den „Enzian“. Hier stellte der junge Briskorn – angeregt vom regen Zuspruch seiner Kollegen – schnell fest: „Die Stimme ist da!“. Ob es nun am ehrlichen Kollegenlob lag, oder ob die kollegiale Anerkennung alleine dazu dienen sollte, das heinosche Liedgut endlich wieder nervenschonend aus dem gemeinsamen Arbeitsleben zu entfernen, weiß der Autor dieser Zeilen leider nicht mit Bestimmtheit zu sagen.

Fakt ist, dass Jens Briskorn der Musik im Allgemeinen und dem Gesang im Speziellen fortan die Treue hielt. Gottlob hat er Heino dabei schnell wieder aus den Augen verloren und sich anderen gesanglichen Vorbildern gewidmet. Dabei scheint ihm der Gesang bereits von seinem Vater in die Wiege gelegt worden zu sein: „Er war ein überaus begabter Treppen- und Flursänger“, führt der 42-jährige schmunzelnd aus, „irgendwie setze ich das heute professionell fort“.

Enzo macht Faxen

Perfekt! „Enzo“ Briskorn in seiner preisgekrönten Heino-Imitations-Pose

It’s a long way to the top (if you wanna rock ’n‘ poetry)…

Von 1990 bis 93 verlieh Briskorn den „Dead Popstars“ das stimmliche Gesicht, und ab 1995 fand er sich in der hannoverschen Alternative-Stoner-Truppe „Green Machine“ wieder. Die Band, deren Name als Homage an den gleichnamigen Song der legendären Wüsten-Rocker Kyuss gedeutet werden kann, brachte es zu zahlreichen Live-Auftritten und einer CD-Veröffentlichung, verlor sich allerdings 1997 bereits schon wieder im musikalischen Universum der Möglichkeiten aus den Augen. Im Anschluss nahmen die briskornschen Musikausflüge vorerst Projektcharakter an, auch weil er als Künstler zunehmend verschiedene Heimathäfen in sich verspürte. Seit 1999 als freier Autor für den Schädelspalter tätig, entdeckte Briskorn verstärkt die Herausforderung des kreativen Schreibens als Autor und Literat für sich und nahm seitdem an zahlreichen Lesungen auf Hannovers Bühnen teil.

Auf der Live-Literaturbühne eines Poetry Slam schätzt er dabei vor allem die „Einheizerrolle“ als „Opening Poet“, der den eigentlichen Wettkampf im Vorprogramm eröffnet. „Kein Wunder, als teilnehmender Slammer habe ich ja bisher im Wettbewerb auch immer versagt“, führt Briskorn lachend aus, fügt aber im nächsten Moment bewusst an, dass es ihm im Live-Geschehen generell in erster Linie darum ginge, sich mit der eigenen Authentizität und „Echtheit“ vor dem Publikum und sich selbst zu bewähren und nicht darum, sich zwanghaft zu beweisen. Dabei ist die Musik immer ein steter und fester Ankerpunkt in seinem Schaffen geblieben. Sie kristallisiere sich sozusagen immer wieder „als Heimatansatz“ heraus, auch wenn Briskorn sich als „Mann des Wortes und des Humors“ sieht. Schließlich kam es, wie es kommen musste, denn es lag auf der Hand, Musik, Literatur und Bühnen-Entertainment zu einem Ganzen zu vereinen.

Das Enzos Hoer Bar-Ensemble

Das Ensemble von Enzos Hoer Bar: Jan-Hendrik Martin, Anne-Sophie Mundt und Jens Briskorn

Startschuss mit Schrotflinte

Im Dezember 2003 begann die Erfolgsgeschichte von Enzos Hoer Bar. Damals erarbeitete Briskorn im Rahmen einer einmaligen Aktion für das Nordstädter Spandau Projekt ein musikalisch-szenisches Lesungsprogramm rund um das Schaffen und den tiefen Fall des Musikers Kurt Cobain. Grundidee war eine abwechslungsreiche Verbindung von Wort, Hintergrundinformation und anspruchsvoll arrangierter Live-Musik sowie einer passenden visuellen Umrahmung.

Kongeniale Unterstützung erhielt Briskorn, der den Part des Sängers und Erzählers übernahm, von den Musikern Jan-Hendrik Martin (Gitarre und musikalische Arrangements), Anne-Sophie Mundt (Geige) und dem Filmemacher und Video-Künstler Tosh Leykum. Ein Konzept, zudem mit dem „gefallenen Grunge-Engel“ Cobain als Thema, das genau den Nerv der Zeit zu treffen schien und wegen seines großen Erfolges zwei Mal wiederholt werden musste. Herausgefordert von diesem Zuspruch, beschlossen die Künstler unter Briskorns Federführung das Live-Konzept als Ensemble fortzuführen und sich auf die Suche nach weiteren Themen aus dem Bereich der Populär-Kultur zu machen, denen eine angemessen kurzweilige Würdigung zu Teil werden konnte.

Enzos Hoer Bar in Western-Pose

Dieser Saloon kann beides, Country und Western: Enzos Hoer Bar

Süße, süße Bühnenheimat

In der direkten Folge entstand ein mit hochkarätigen Gästen und jeder Menge (Spielzeug-)Waffen besetzter Abend zum Thema Quentin Tarantino, gefolgt von einem Programm rund um den Wirkungskreis und das Leben von Doors-Frontmann Jim Morrison. Bis dato im Spandau beheimatet, kam es schließlich Ende 2004 – und somit gerade noch passend zum 10-jährigen, schrotbedingten Ableben Kurt Cobains – auf Vermittlung eines begeisterten Besuchers zu einem Auftritt in der frisch ins Leben gerufenen Kulturphänomen-Reihe „Zeitgeister“ im renommierten enercity expo Café. Hieraus wiederum entstand, erneut beflügelt durch großen Erfolg, letztlich ein festes, monatliches Engagement und eine beeindruckende Reihe weiterer hochinteressanter und mitreißender Themenabende sowie ein Ruf, der Enzos Hoer Bar und ihre „Macher“ zu einer verlässlichen Größe im hannoverschen Kulturbeterieb aufsteigen ließ. Eine Größe, die nicht nur durch die regelmäßige Beteiligung namhafter Künstler und Musiker obendrein Kult-Charakter genießt.

Enzos Hoer Bar spielt Velvet Underground

Zurück in die 60er: Enzos Hoer Bar goes Velvet Underground

Die szenischen Lesungen entstehen meist über persönliche Affinitäten zum Thema. „Wir überlegen intensiv, was könnte passen, was funktionieren, ohne sich anzubiedern, und worin finden wir uns selbst wieder“, führt Briskorn aus. Dabei verfolgt das Ensemble bei all seinen Produktionen konsequent den musikalischen Ansatz, die dargebotenen Songs nicht einfach nur zu covern, sondern stets eigene, ungewöhnliche Arrangements zu entwickeln, welche die Hörgewohnheiten des Publikums vor allem bei „Klassikern“ immer wieder aufs Neue überraschen. Während Martin als klassischer Gitarrist in der Hauptsache für die außergewöhnlichen Arrangements verantwortlich zeichnet, erweitert die ebenfalls klassisch ausgebildete Geigerin Anne-Sophie Mundt das Spektrum um unerwartete Klangebenen, die gerade vermeintlich altbekannte Songs aus dem Rock- und Underground-Genre in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Gepaart mit Briskons facettenreichem und variablen Gesang, den von ihm gelesenen Textpassagen und Themenbildern und den großflächigen Bildprojektionen Leykums, entwickelt Enzos Hoer Bar dabei einen Sog, dem man sich live schwerlich entziehen kann.

Enzos Hoer Bar live, Jim Morrison

Enzos Hoer Bar live: „Why don’t one of you people c’mon and set me free?“ – Ein Tribut an Mr. Mojo Risin‘ und The Doors

„Fremdgänge“ jenseits des Tellerandes

Neben mittlerweile vierzehn Enzos Hoer Bar-Produktionen, die sich neben Cobain, Morrison und Tarantino unter anderem Billie Holiday, John Peel, Led Zeppelin, Velvet Underground und, man höre und staune, den Sehnsüchten im deutschen Frauenschlager widmeten, setzt Briskorn in steter Reihenfolge aber auch auf „Fremdgänge“, bei denen er mit Musikern und Künstlern aus verschiedensten Sparten zusammen arbeitet. Und so kann es passieren, dass er mit Gigantor-Urgestein Jens Gallmeyer an der Gitarre und in voller Bandbesetzung lautstark die „absolute Wahrheit“ über die Punk-Heroen Ramones ins verdatterte Publikum schmettert, bei der szenischen Swing-Revue „Frankie und seine Spießgesellen“ mit dem Pianisten Lutz Krajenski, Kult-Swinger Juliano Rossi und einem Autor, der aus journalistischen Gründen an dieser Stelle nicht näher genannt werden möchte, hinter die Kulissen des legendären Rat Packs um Frank Sinatra schielt, nur um im nächsten Moment gemeinsam mit Oliver Perau aka Rossi die Neon-Fassaden der Neuen Deutschen Welle zu entblättern.

Oliver Perau und Jens “Enzo” Briskorn

Heidewitzka, was für Schnuckies! Perau und Briskorn in ihren heißgeliebten NDW-Uniformen

Der Ansatz besteht neben der eigenen Horizonterweiterung vor allem darin, „hinter“ die Songs zu gucken und Neues zu entdecken. Und so gilt für den gelernten EBV-Fachmann vor allem ein Leitsatz: „Ich arbeite äußerst gerne mit guten, professionellen Musikern zusammen. Das bringt immense Lernefolge und wichtige Entwicklungen. So fühle ich mich als nicht ausgebildeter Sänger herausgefordert und gut aufgehoben“. Eine charmante Aussage, denn eben jene Einschätzung werden die Künstler, die bisher mit Briskorn zusammengearbeitet haben, in Bezug auf seine Person ebenfalls für sich beanspruchen. Letzteres ist eine vom Rezensenten schlau gesetzte, wahrheitsgemäße Schmeichelei, die der Bühnentausendsassa Briskorn im Gespräch allerdings sogleich mit einem hochroten Kopf quittiert, nicht ohne zur Erklärung stampede und schwer grinsend eines seiner bisher bestgehüteten Geheimnisse zu verraten: „Äh, Danke, Mann. Ich habe obendrein, wie es aussieht, ein ausgewachsenes Blasenproblem und halte grad‘ die ganze Zeit auf“. Sagts und verschwindet zum gefühlt dreizehnten Mal während des Interviews auf dem Klo. Kein Wunder, haben wir im nahezu dreistündigen Verlauf doch jeder ein ganzes Glas Eistee gebechert. In Eimergröße, versteht sich und mit Eiswürfeln drin. Echt cool!

Nicht verpassen:

Enzos Hoer Bar gastiert am 27. Juni am KULTURKIOSK von langeleine.de und präsentiert ausgewählte Kostbarkeiten aus ihrem scheinbar unerschöpflichen Repertoire popkultureller Klassiker.

Enzos Hoer Bar im Netz:
www.enzoshoerbar.de

(Fotos: Henning Chadde (1,2), Pressefotos (3,4,5,6,7))

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Bühne, Menschen, Musik

Kommentiere diesen Artikel