Jörg Smotlacha
25. Juni 2008

„Für die Bühne schreibt man einfach humoresk und pointiert“

Über Hannovers Literaturszene, die Verortung als Autor und den Wert von knallharten Einzellesungen: Ein Gespräch mit Christian Friedrich Sölter

Es gibt wohl nur wenige Bühnen dieser Stadt, auf denen Christian Friedrich Sölter sich nicht sofort zu Hause fühlen würde. Als Sänger und Texter in diversen Bands, Autor, Literaturveranstalter, Moderator und Lebemann hat er in seiner bald 20-jährigen Bühnenkarriere einiges erlebt und noch viel mehr gesehen. Keine Frage, Sölter liebt die Bretter, die die Welt bedeuten. Sie sind für ihn die „Schaufenster meines Tuns“. Und auch, wenn der 39-Jährige in manchen Dingen ruhiger geworden ist und zur Abwechslung „etwas kontinuierlicher an seinem Œuvre“ arbeiten möchte, und derzeit gar eine Monographie andenkt, die schließlich als Buch veröffentlicht werden soll: Angesprochen auf seine künstlerische Verortung als Literat, anwortet Sölter ohne zu zögern: „Nichts ist schöner als einen Krachertext auf der Bühne zu haben.“

Christian Sölter

„Dieser Unwahrscheinlichkeits-Drive ist einfach super!“: Christian Friedrich Sölter

Sölter ist hauptamtlich als Programmchef und Öffentlichkeitsarbeiter für das Béi Chéz Heinz verantwortlich. Doch per Selbstdefinition sieht er sich „eher als Künstler“, und folgerichtig betont Sölter auf die Frage nach der Logik dieser Konstellation, dass er da irgendwie reingeraten sei, ewig studiert und „irgendwann in den Sack gehauen“ habe, um dann „immer mal wieder“ fürs Heinz zu arbeiten: „Ich habe das von Anfang an miterlebt. Du bist dann irgendwann halt der Fels in der Brandung.“ Und gerade deshalb biete die Teilzeittätigkeit für den hannoverschen Musik- und Kulturclub trotz aller Arbeitsbelastung eine ideale Lösung für sein Leben als Künstler: „Es ist eigentlich eine optimale Kombination. Ich möchte nicht wie manch anderer Künstler irgendwelche doofen Messemoderationen machen müssen, um meine Miete bezahlen zu können.“

„Du weißt selbst nie, was Dich erwartet!“

Und so hat Christian Friedrich Sölter genug Zeit und Muße, sowohl seine musikalischen als auch seine literarischen Fähigkeiten in aller Vielseitigkeit auszuleben. Wenn er mal nicht bei Hannovers Ska-Kult-Combo Hammerhai das Mikrofon schwingt, betätigt er sich als Frontman des deutlich rockigeren Nebenprojektes Killerkarpfen, mit dem er zuletzt beim großen Béi Chéz Heinz-Festival im April für Furore sorgte. Und last but not least wäre da noch seine Zusammenarbeit mit dem Pianisten Holger Kirleis, mit dem er als kongeniales Duo Sölter & Kirleis einen äußerst charmanten musikalischen Bogen von Kurt Weill über Rio Reiser bis zu den Dead Kennedys zu schlagen vermag.

Sölter und Kirleis am Geldautomaten

Sie waren jung und brauchten das Geld: Sölter mit seinem alten Weggefährten Holger Kirleis

Logisch, dass Sölter die Möglichkeiten solch energetischer, weil positiv polarisierender Misch-Formate schätzt, und so verwundert es nicht, dass er inzwischen im Béi Chéz Heinz eine regelmäßige „Sölter-Kirleis-Sofashow“ präsentiert, die durch wechselnde Überraschungsgäste punktet. Ähnlich funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Kollegen Literaturveranstalter Henning Chadde, bei der er als Mitbetreiber der Lesebühne „Überholspurpiraten!“ im Kulturzentrum Faust alle drei Monate auf große literarische Kaperfahrt geht, nicht ohne die Runde um einen illustren Gast zu erweitern. Es sei ganz wunderbar, sich jedes Mal auf einen neuen Gast einzustellen: „Du weißt selbst nie, was Dich erwartet!“

„Nach jeder Lesung kann ich meine Texte nochmal überarbeiten!“

Alternativ bevorzugt Sölter sowohl thematische Aufträge wie jüngst bei der von langeleine.de mitveranstalteten Lesebühne „Vollstark auf zwei Rädern“ im Historischen Museum, bei denen ihm die Chance einer unverkrampften Herangehensweise gefällt, als auch, ganz klar, „knallharte Einzellesungen“. Grundsätzlich liegt für ihn der Reiz im unmittelbaren Live-Erlebnis und der damit verbundenen Reaktion des Publikums: „Ich freue mich immer drauf. Nach jeder Lesung kann ich meine Texte nochmal überarbeiten!“

Christian Sölter

„Literatur wird in Zukunft eher ein bisschen mehr Raum einnehmen“: Der Autor und das Buch

Angefangen hat die Bühnenkarriere des Mannes, der auf den Tag genau „zehn Jahre nach Michael Jackson geboren ist“, Ende der Achtziger Jahre in Hannover bei der Band Kühlwalda. Benannt nach der legendären Kröte von Catweazle, war diese Musik-Kabarett-Truppe ihrer Zeit gewissermaßen voraus, und die Episode dauerte nicht lange, auch wenn Sölter betont, dass schon seinerzeit der jetzige Hammerhai-Bassist Stefan Otto dabei gewesen sei. Es folgte ein Engagement bei der Hardcore-Band Shreds And Laughter, zwischendurch gab es Hippiehunter und Sultan und dann eben Hammerhai – in Hannover mit gewissem Kult-Status behaftet.

Vom Selbsterlebten zum Zeitkolorit

Doch es entspricht Sölters vielschichtigen Talenten, dass er parallel zu seinen Tätigkeiten als Frontman und Texter schnell auch seine Fähigkeiten als Autor und Bühnen-Literat weiterentwickelte. Ob als Verfasser von hintersinnigen und grotesken Kurzgeschichten oder als Wettbewerber beim Poetry Slam – schnell erkannte Sölter die Vorzüge des Live-Segments: „Für die Bühne schreibt man einfach humoresk und pointiert“. Auch wenn er in der Rückschau manche Dinge kritisch betrachtet, seine Vorliebe gilt weiterhin den Alltagsbeobachtungen, und so gelingen ihm live häufig autobiografisch geprägte, wahnwitzige Kurzgeschichten zwischen genial verschroben und hintersinnig unverwüstlich.

Christian Sölter

Mann mit vielen Gesichtern: Christian Friedrich Sölter

Gefragt nach seinen literarischen Zukunftsplänen wird Sölter dann aber doch ein wenig nachdenklich: Die Literatur werde in jedem Falle „in Zukunft ein bisschen mehr Raum einnehmen“. Er wolle „weg vom Selbsterlebten und hin zum Zeitkolorit“, mehr in die Tiefe gehen und die „großen Konflikte entwickeln“, welche die Charaktere nun einmal haben. Und so ist zwar demnächst eine Buchveröffentlichung des 39-Jährigen zu erwarten, glücklicherweise aber nicht eine längere Bühnenabstinenz. Zwar betrachte er die aktuelle Entwicklung der hannoverschen Literaturszene durchaus kritisch – inflationäre Veranstaltungen, „alles für 1,50 Euro“, mehr Quantität als Qualität, das könne es „nun auch nicht sein“ – aber insgesamt freue er sich über die „Bubenzeit“ der Autorinnen und Autoren, die mit einer Vielzahl von Veranstaltungen zurzeit den Literaturbetrieb aufmischen.

Christian Sölter

Herr Sölter schaut überaus kritisch auf die investigativen Notizen des Chefredakteurs Smotlacha

Zwingend logisch, dass wir Christan Friedrich Sölter so schnell auf Hannovers Bühnen nicht vermissen müssen, auch wenn der als erfahrener Programmchef des Béi Chéz Heinz schon einmal durch den ökomomischen Druck in „ernsthafte Interessenskonflikte“ gerät und selbst aller Präsenz zum Trotz als Künstler auch eher „an der Armutsgrenze herumtaumelt“: Zu groß der Reiz, sich immer wieder mit den Kollegen zu messen und die Live-Erfahrung zu genießen: „Dieser Unwahrscheinlichkeits-Drive ist einfach super!“ Ja, und zum Glück auch für das Publikum. Danke, Sölti!

Nicht verpassen:

Christian Friedrich Sölter ist am 27. Juni zu Gast am KULTURKIOSK von langeleine.de und gibt einen Einblick in sein eigenwilliges Kurzgeschichten-Universum zwischen haarsträubendem Alltagswahnsinn und äußerst beseelten grotesken Humoresken.

Christian Friedrich Sölter im Netz:
www.hammerhai.net
www.soelterkirleis.de

(Fotos: Pressefotos (1,2,3,4), Henning Chadde (5))

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Kategorien: Literatur, Menschen, Musik

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