Jörg Smotlacha
6. April 2015

Zwei Lolitas und ein Killer

Seitenansicht: „Galveston“ von Nic Pizzolatto

Krimi Noir mit überraschenden Wendungen: „Galveston“ von Nic Pizzolatto.

Ein Mann ist fertig. Mit sich und der Welt. Profi-Killer Ray Cody hat Lungenkrebs, und als ihn sein Boss wegen einer Frauengeschichte umlegen lassen will und ihm eine Falle stellt, reagiert Ray vollkommen anders als erwartet. Zwar kommt er irgendwie aus dem bösen Schlamassel raus, in das er geraten ist, als er bei dem Gewerkschaftschef Sienkiewicz aufräumen soll. Aber nun ist sein Mitstreiter Angelo tot und dafür hat er jetzt ein junges Mädchen am Hals – Rocky, eine ziemlich kesse Person, die er gerade eben aus der größten Scheiße gerettet hat und die er künftig so ganz und gar nicht eines Profi-Killers angemessen beschützen muss.

Der Plot nimmt eine so unerwartete wie fatale Wendung, nachdem das ungleiche Duo, das nun gemeinsam auf der Flucht ist, mal eben einen Abstecher in Rockys Heimatort Orange gemacht hat, und die junge Dame plötzlich mit ihrer kleinen Schwester Tiffany neben dem einst so abgebrühten Gangster im Auto sitzt. Ray, der die beiden zunächst einfach nur loswerden will, reagiert menschlich. Mit seiner eigenen Vergangenheit und gleich zwei kleinen Lolitas an der Backe, hat er den Lauf der Dinge nun nicht mehr vollständig im Griff. Doch nicht alles ist so, wie es zunächst scheint. In dem kleinen Kaff Galveston schließlich eskaliert das Geschehen…

Wer die Serien-Hits „The Killing“ und „True Detective“ gesehen hat, wird von deren Autor Nic Pizzolatto kein anderes Buch erwartet haben als „Galveston“. In Deutschland neu auf dem Markt, ist „Galveston“ nicht nur Pizzolattos Roman-Debüt, sondern im Original bereits vor seinen zu Welt-Erfolgen gewordenen Drehbüchern erschienen. Und wie die grandiosen und Maßstäbe setzenden Serien ist auch der als Krimi Noir deklarierte Erstling des 39-jährigen US-Amerikaners voll von kaputten Charakteren, charmanten Dialogen und abgefuckten Szenarien. Vor allem aber verblüfft Pizzolatto durch überraschende Wendungen.

Natürlich ist dieses Buch keine brillante Literatur, aber ein gut gemachter Krimi auf jeden Fall. Einer, der eines Dashiel Hammett oder Raymond Chandler unbedingt würdig wäre. Und einer, der durch seine schlau konstruierten Entwicklungen und seinen komplexen Aufbau überzeugt. Denn Pizzolatto erzählt die Geschichte von Ray und Rocky in zwei Zeit-Ebenen: In der Vergangenheit, in der das Duo einfach nur innerlich und äußerlich permanent unterwegs ist, so dass sich ein rasantes Road Movie entwickelt. Und in der Jahre später angesiedelten Gegenwart, in der Ray überraschenderweise immer noch – wenn auch schwer lädiert – lebt. Und in der er in Galveston an sein verpfuschtes Leben zurückdenkt, bevor er zum überraschenden Finale ein unerwartetes Treffen mit Tiffany hat.

Ein lesenswertes Debüt ist „Galveston“ allemal. Und dass das Buch angesichts von Pizzolattos Welt-Erfolg schon bald verfilmt werden dürfte, steht außer Frage. Die Produktionsfirmen dürften Schlange stehen. Interessanter aber noch ist die Überlegung, welches Buch nun folgen mag. Wird Pizzolatto seiner erfolgreichen Grundidee treu bleiben und weiter von einem so kaputten wie düsteren Amerika erzählen? Und wird er weiter für Serien schreiben? Oder erleben wir gerade die Geburtsstunde eines der größten literatischen Talente unserer Zeit? Beides ist möglich.

Nic Pizzolatto: „Galveston“, Roman, 253 Seiten, Walde + Graf bei Metrolit, ISBN-13: 978-3849300975, 20 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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