Susanne Viktoria Haupt
18. Mai 2015

Auf dem Weg zur zweiten Chance

Seitenansicht: „Umweg nach Hause“ von Jonathan Evison

Warmherzig, dramatisch und auf dem Weg auf die Leinwand: Jonathan Evisons „Umweg nach Hause“, Buchcover

Ben heißt eigentlich Benjamin Benjamin. Ja, Benjamin als Vor- und Nachname. Was sich sein Vater dabei gedacht hat, das weiß er selbst nicht. Denn der ist leider verstorben, als Ben auf dem College war. Sein Vater hatte ihn erst mit 60 Jahren bekommen und für ihn war Benjamin wie eine Erfindung aus einer anderen Welt. Ben möchte deswegen einiges anders machen. Er lernt Janet kennen und lieben. Das Paar bekommt zwei Kinder zusammen, Piper und Jodi. Janet ist eine erfolgreiche Tierärztin. Ben bleibt zu Hause und hütet die Kinder. Ein verhängnisvoller Nachmittag verändert jedoch Bens gesamtes Leben. Ruckzuck findet er sich alleine wieder – mit den Scheidungspapieren auf dem Küchentisch und einer Flasche Bier in der Hand. Eineinhalb Jahre dümpelt er so vor sich her, bis er gerade noch die Bremse ziehen kann und sich als Pfleger ausbilden lässt. Im Schnellverfahren. Genauso schnell begegnet er dem 19-jährigen Trevor, der unter einer Muskeldystrophie des Typs Duchenne leidet. Die ist irreversibel und nach Trevors Meinung nicht gerade ein Magnet für Frauen. Doch der Junge fässt Vertrauen zu Ben. Und Ben geht in seiner Rolle als Pfleger schnell auf. Er hat sich ja immer gerne kümmert. Auch um Piper und Jodie.

Zweite Chance?

Dann jedoch taucht Trevors Vater Bob auf. Ein Vater, der sich kurz nach der Diagnose seines Sohnes aus dem Staub gemacht hat und sich nur noch nach Lust und Laune telefonisch meldet. Ben jedoch weiß, wie es ist, wenn man einfach keine zweite Chance in seinem Leben bekommt und setzt sich für Bob ein. Was er noch nicht weiß: Schon in wenigen Tagen wird er sich gemeinsam mit Trevor in einem Auto auf dem Weg durch die Staaten befinden und dabei ziemlich verrücktes Zeug erleben und noch verrücktere Leute kennenlernen. Die junge Punkerin Dot zum Beispiel, die schwangere Peaches und den Möchtegern-Unternehmer Elton, die auch jeder ihr Päckchen zu tragen haben und selbiges gerne mal bei Trevor und Ben ins Auto reinladen. Dass Ben die ganze Zeit von einem mysteriösen Wagen und seiner eigenen Vergangenheit verfolgt wird, macht die Sache auch nicht wirklich stressfreier. Dafür aber angenehm amüsant…

Leider fehlt es an Tiefe

Jonathan Evisons neuer Roman „Umweg nach Hause“ ist ein sehr warmherziges Buch. Wer den Klappentext liest, muss unweigerlich direkt an „Ziemlich beste Freunde“ von Philippe Pozzo di Borgo denken – und ein wenig erinnert der Roman in der Tat daran. Allerdings hätte es der Story gutgetan, wenn Evison den Road-Trip nicht nur in das letzte Drittel gesetzt hätte, sondern sich stärker darauf konzentriert hätte. Seinen Figuren fehlt es hier und da einfach an Tiefe. Die doch recht häufigen Rückblenden des Protagonisten Ben nehmen einfach zu viel Platz und Zeit ein. Und dennoch: Mit etwa 100 Seiten mehr und einem längeren Road-Trip hätte „Unterwegs nach Hause“ noch ein Sternchen mehr bekommen. Jedoch ist und bleibt Evisons Buch ein leicht zu lesender Roman mit einer gehörigen Drama-Note. Gleichwohl eine, die einem schon sehr schwer im Magen liegt. Dafür reicht die Liebenswürdigkeit der Figuren dann eben doch nicht aus, um das Buch ohne Bauchweh wieder ins Regal zu stellen.

Der amerikanische Autor Jonathan Evison, geboren 1968, wurde durch „Alles über Lulu“ bekannt – einen Roman, der ihm zu mehreren Preisen verhalf und verfilmt wurde. Evison selbst hat wie seine Hauptfigur Ben auch einige Zeit als Pfleger gearbeitet. Mit „Umweg nach Hause“ hat er es nun erneut geschafft, einen Roman zu schreiben, der verfilmt wird. Und in der Hauptrolle als Benjamin Benjamin wird niemand Geringeres als Paul Rudd agieren – gedreht in schlappen 26 Tagen im Februar dieses Jahres. Als Film funktioniert die Story bestimmt ganz super.

Jonathan Evison: „Umweg nach Hause“, Roman, 384 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462046595, 19,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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