Sebastian Albrecht
24. April 2015

Außenseiter-Lyrik aus der BRD

Zum 75. Geburtstag des früh verstorbenen Underground-Lyrikers Rolf Dieter Brinkmann zeigt das Kino am Sprengel heute und morgen neben dem Film „Brinkmanns Zorn“ auch zwei Teile aus dessen „Director’s Cut“

Brinkmanns Zorn

Text-Fragmente, Tonband-Aufnahmen, Collagen und Cut-ups: Rolf Dieter Brinkmanns vielseitiges Werk stand ganz im Zeichen des Experimentes

Als Rolf Dieter Brinkmann 1975 in London ein internationales Lyriker-Treffen besuchte, hatte er sich zuvor für einige Jahre aus dem deutschen Literaturbetrieb zurückgezogen. „Sprache, Wörter und Sätze sind zur Welterkenntnis untauglich“, haderte der junge Dichter mit seinem literarischen Schaffen, das neben Gedichten auch aus Erzählungen sowie einem Roman bestand und mit dem Gedichtband „Gras“ im Jahre 1970 sein vorläufiges Ende fand. Zumindest was Veröffentlichungen anging, denn untätig blieb Brinkmann in dieser Zeit dennoch nicht. Neben seiner lyrischen Arbeit, die ihn trotz aller Zweifel nie losließ, experimentierte Brinkmann mit verschiedenen Techniken wie der Collage und dem Cut-up. Außerdem nahm er Tonbänder auf, die ihn auf der Suche nach neuen literarischen Möglichkeiten zeigen, aber auch seine Verzweiflung und Wut ausdrücken, und drehte Filme auf Super-8, die er selbst zusammenschnitt und mit Musik unterlegte. Dabei war Brinkmanns Werk stets durchdrungen von der Begeisterung für die amerikanische Underground-Literatur, die Beat-Generation um Jack Kerouac und William S. Burroughs. Mit der Anthologie „ACID. Neue amerikanische Szene“, die er gemeinsam mit Ralf-Rainer Rygulla herausgab und übersetzte, brachte er ie Beat-Generation auch nach Deutschland. Kurz nach seinem 35. Geburtstag wurde Rolf Dieter Brinkmann beim Besuch des internationalen Lyriker-Treffens in London überfahren.

Durch den überbordenden Nachlass Brinkmanns, der unter anderem aus mehreren Stunden langen Tonbändern, Arbeitsbüchern, Collagen, Tagebuch-Notizen, Fotos und Film-Material besteht, hat sich der Regisseur Harald Bergmann gewühlt und daraus den Dokumentarfilm „Brinkmanns Zorn“ auf die Leinwand gebracht. Ganz im Geiste Brinkmanns handelt es sich bei dem biografischen Film um ein experimentelles Werk, das die Tonband-Aufnahmen des Lyrikers über Spielfilm-Sequenzen laufen lässt und Dokumentation mit Fiktion verknüpft. Neben der Kinofilm-Fassung von 2006 gibt es einen „Director’s Cut“, der in vier Abschnitte unterteilt ist und auf insgesamt 338 Minuten Spielzeit kommt. Anlässlich des 75. Geburtstages von Rolf Dieter Brinkmann am 16. April zeigt das Kino am Sprengel heute und morgen sowohl die Kinoversion als auch zwei Ausschnitte aus der monumentalen Dokumentation. Den Anfang macht heute der erste Teil, „Die Super 8 Filme 1967–1970“, der die von Rolf Dieter Brinkmann aufgenommenen Filme zeigt. Morgen folgen dann die Kinofassung von „Brinkmanns Zorn“ und im Anschluss „Schnitte Collagen 1972/73“. Regisseur Harald Bergmann wird heute Abend persönlich anwesend sein.

Freitag, 24. April 2015:
„Die Super 8 Filme 1967 – 1970“, I. Teil aus „Brinkmanns Zorn – Director’s Cut“, Dokumentarfilm von Harald Bergmann, D 2007, 88 min., Kino im Sprengel, Klaus-Müller-Kilian-Weg 2, 30167 Hannover, Beginn: 20.30 Uhr, Eintritt: 5 Euro

  • weitere Aufführungen am Samstag, dem 25. April:
  • 19.30 Uhr: „Brinkmanns Zorn“, Kinofassung, D 2006, 105 min.
  • 22.00 Uhr: „Schnitte Collagen 1972/73“, D 2006/2007, 79 min.

(Foto: Pressefoto/Kino im Sprengel)

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Kategorien: Film, Menschen, Tagestipps

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