Marcel Seniw
1. Mai 2015

Derbys gibts auch montags

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das Auswärts-Derby beim VFL Wolfsburg

Die Stimmung ist zurück in Hannover – die Punkte gehen trotzdem an die anderen

Manchmal fragt man sich als Fußball-Fan, ob die eigenen Spieler in so mancher Situation noch alle Latten am Zaun haben. Solch eine Frage entsteht meist nach einem unnötig hartem Tackling, einem Schubsen vor den Augen des Schiedsrichters oder einem Ellbogen-Schlag. Was aber am vergangenen Samstag im Kopf von Hannovers Innenverteidiger Marcelo abging, war an Schwachsinn kaum zu übertreffen. Zunächst ließ er den Hoffenheimer Spieler Sven Schipplock in seinem Rücken ziehen und den 2:1-Siegtreffer erzielen. Wenige Momente später, nachdem der Ball im Seitenaus landete, verpasste Marcelo jenem Schipplock erst einen Wischer durchs Gesicht und drückte dann den am Boden kauernden Hoffenheimer noch den Ball auf den Hinterkopf. Vom Schiedsrichter unbeobachtet, wartete der 96-Fan eigentlich nur noch auf die Länge der nachträglichen Sperre, da man hier klar von einer Tätlichkeit ausgehen durfte. Marcelos Handlungen hatten aber keine Konsequenzen. In der Nachbetrachtung durch den DFB wurde unter anderem auch die Aussage Schipplocks gewertet. Und der hatte keine Tätlichkeit wahrgenommen. Chapeau, Herr Schipplock! Aber wenn man als Siegtorschütze mit drei Punkten nach Hause gefahren ist, dann kann man auch mal in Gönnerlaune schwelgen.

Die Nerven liegen blank

Abwehr-Stratege Marcelo hat wohl wenig später selbst erkannt, welchen Bärendienst er seiner Mannschaft mit dieser vermeintlichen Tätlichkeit erwiesen hätte. Aber irgendwie hatte die Szene Symbolcharakter. Die Spieler von Hannover 96 wollten am vergangenen Samstag alles geben. Sie ackerten und bissen sich in die Zweikämpfe, vorangepeitscht von den wieder zurückgekehrten Ultras. Selbst der frühe Gegentreffer von Anthony Modeste, der eindeutig ein Abseitstor war, wurde weggesteckt. Und dennoch bleibt die Erkenntnis: Die Nerven liegen blank. Angesichts des verbleibenden Restprogramms – es folgen noch Spiele gegen Wolfsburg, Bremen, Augsburg und Freiburg -, ist das auch kein Wunder.

Derby-Time

Tja, und nun reist Hannover 96 zum frisch in das DFB-Pokalfinale eingezogenen VfL Wolfsburg. Die Wolfsburger haben unter der Woche ihr Halbfinale bei der Pokalsensation Arminia Bielefeld souverän mit 4:0 gewonnen. Von einem Kräfteverschleiß beim Gegner sollte 96 also nicht unbedingt ausgehen, vielmehr von der breiten Brust eines angehenden Vizemeisters und eventuell sogar DFB-Pokalsiegers. Normalerweise würde ich an dieser Stelle anmerken, dass Hannover 96 gerade in den Derbys gegen den Automobil-Club immer noch das eine oder andere Prozent aus sich herauskitzeln konnte. Doch nach der letztjährigen Pleite gegen Peine-Ost bin ich mir nicht mehr so sicher, ob diese mentale Eigenschaft noch in der Mannschaft steckt. Hannover 96 ist keine Wundertüte mehr. Hannover 96 ist leider – das muss man so sagen – das Schlechteste, was im Jahr 2015 durch die Bundesliga torkelt.

Wieder keine Punkte

In der letzten Woche habe ich eigentlich richtig getippt. 2:1 lautete der Tipp und ohne das Abseitstor der Hoffenheimer und mit einem berechtigten Elfmeter für 96 wäre mein Tipp wohl aufgegangen. Neu-Trainer Michael Frontzeck hatte seine Mannschaft wirklich gut umgestellt. Spieler wie Briand und Kiyotake, unter Vorgänger Korkut meist gesetzt, fanden sich auf der Bank wieder. Zudem spielte Manuel Schmiedebach als Außenverteidiger und wusste zu überzeugen. Außerdem stellte Frontzeck auf eine Doppelspitze mit Ya Konan und Joselu um. Mit offenem Visier! Doch alle Tricks haben nicht funktioniert. Wohin geht es also für Hannover 96? Da in der Zwischenzeit selbst der Hamburger SV wieder das Tor gefunden hat, die Paderborner noch mal für den Zwergenaufstand mobilmachen, und auch die Stuttgarter auf einmal wieder Morgenluft wittern, muss man auf das Schlimmste gefasst sein. Hoffentlich spielt 96 in der nächsten Saison nicht nach 13 Jahren wieder einmal montagabends. Dann hieße der Derby-Gegner nicht mehr Wolfsburg, sondern Braunschweig oder Bielefeld. Mein Tipp für heute: Der VFL haut Hannover mit 3:1 aus seinem Werk beziehungsweise Stadion.

Samstag, 2. Mai 2015, 15.30 Uhr:
VFL Wolfsburg – Hannover 96

(Foto: Marcel Seniw)

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Kategorien: Sports

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