Susanne Viktoria Haupt
4. Mai 2015

Die Handbremse lösen

Seitenansicht: „Was tun, wenn’s klemmt – Strategien gegen die Bewegungsstarre“ von der Offensive Frühjahr Fünfundzwanzig (O.F.F.)

Pamphlet mit hehrem Anspruch: „Was tun, wenn’s klemmt – Strategien gegen die Bewegungsstarre“ von O.F.F.

Autonom. Ein Wort, das aus dem Altgriechischen kommt und schlicht „unabhängig“ oder „selbstständig“ bedeutet. Und immer wieder gibt es Berichte über autonome Gruppen. Oft dargestellt in (Klischee-)Form von vermummten, schwarz gekleideten Menschen, die Steine oder Flaschen werfen. Dahinter möglichst ein paar brennende Autos. Wir alle kennen diese Bilder aus den Nachrichten. Aber eigentlich hatte die autonome Idee mit linker Orientierung einmal ganz wertvolle Ansätze. Es ging um Selbstorganisation, Selbstbestimmung und direkte Aktionen. Leider jedoch uferten all diese guten Ansätze auch schon in der Vergangenheit immer wieder in gewaltvollen Auseinandersetzungen aus. Dabei ist der Gedanke der Selbstorganisation und Selbstbestimmung doch gar nicht verkehrt. Sich außerhalb von Parteien-Bündnissen zu organisieren, sich nicht einem festen Reglement zu unterwerfen und dennoch politisch sowie gesellschaftlich mitzuwirken. Im Grunde, und zumindest hat es die autonome Bewegung früher auch einmal so verstanden, sind wir Menschen so oder so an Abhängigkeiten gebunden. Die Frage ist schlussendlich nur, wieviel wir wirklich fremdbestimmen lassen, und wo wir versuchen, unser Leben in unserem Sinne zu optimieren. Seit einigen Dekaden jedoch verharrt die autonome Bewegung in einer Form von Starre. Ideen, Visionen und Inhalte werden von Auseinandersetzungen und Kämpfen innerhalb der Bewegung und durch das Beharren auf einzelne Aktionen überlagert. Zeit also, die Bremsen zu lösen, und die Bewegung nicht nur in Frage zu stellen, sondern ihr auch intelligente Optionen zur vernünftigen Weiterentwicklung aufzuzeigen.

Diese Rolle hat die „Offensive Frühjahr Fünfundzwanzig“ (O.F.F.) übernommen. In ihrem Pamphlet „Was tun, wenn’s klemmt – Strategien gegen die Bewegungsstarre“ konkretisiert die O.F.F. nicht nur Missstände innerhalb der Bewegung, sondern bietet direkt Möglichkeiten an, um eine wirksame Veränderung herbeizuführen. Thema ist zum Beispiel die Tatsache, dass sich die autonome Linke gegenseitig viel zu oft gewaltvoll ins eigene Bein beißt: „Über die entsprechenden Ansichten darf gerne bis zum Herzstillstand diskutiert und gestritten werden, die Faust hat dabei jedoch unbedingt in der Tasche zu bleiben“, heißt es in dem Kapitel „Wer nicht so denkt wie ich, den mach ich tot“. Und in dem Kapitel „(Bürger-)Schreck und Erschrecken“ dreht sich alles um die starke und gleichzeitig irgendwie unsinnige Abneigung gegen das sogenannte Bürgertum. Hier wird die Abneigung gegen alles, was „fortschrittlich, aber gemäßigt und nach eigener Definitionen als bürgerlich unterwegs ist“ als eine Form von Angststörung beschrieben. In den Augen der O.F.F. sollten das Bürgertum und deren Teilhaber hingegen eher als „Zeitgenossen“ betrachtet und auch geachtet werden. Nicht überall müsse man ihren Ansicht gleich mit Misstrauen begegnen.

Ganz offen wirbt die O.F.F. auch für eine höhere Akzeptanz gegenüber dem Einzelnen. Nicht gleich kritisieren und verteufeln, nur weil jemand sich die angeblich „falschen Filme“ anschaut oder ein Palästinenser-Tuch mit sich führt. Das Miteinander, und insbesondere das Miteinanderreden werden hochgehalten. Ein wichtiger Punkt, um eben wieder zu einer Bewegung zu wachsen und nicht in der Isolation zu stagnieren. Interessant ist das abgedruckte Statement des „Havard-Ökonomen Eleftherios Rastapopoulos“ – Recherchen zu dessen Herkunft blieben leider erfolglos – über die Räumung der Liebigstraße 14. Pointiert und sachlich wird auch hierbei die Taktik der autonomen Bewegung in Frage gestellt. „Haben Sie denn Ihr Ziel, der deutschen Hauptstadt einen Sachschaden von einer Millionen Euro zuzufügen, erreicht?“. Eine provokative Frage, aber eben auch berechtigt. Denn was ist eigentlich in den letzten Jahrzehnten erreicht worden? Weiterhin heißt es, dass es eben nicht Ziel der Akteure sein sollte, sich immer wieder durch Verhaftungen und Verurteilungen selbst Steine in den Weg zu legen und sich genau denen auszuliefern, denen doch eigentlich der Protest gelten sollte.

Das Pamphlet „Was tun, wenn’s klemmt – Strategien gegen die Bewegungsstarre“ der O.F.F. mag im ersten Augenblick unscheinbar wirken, der Inhalt jedoch ist deutlich. Differenziert, pointiert und gleichzeitig mit viel Humor bringen die einzelnen Stimmen der O.F.F. ihre konstruktive Kritik an die Lesenden. Dass das Werk in der autonomen Bewegung Wellen schlagen könnte, steht außer Frage. Bleibt jedoch zu hoffen, dass sich die Akteure ob der Kritik zumindest überlegen, ihre eigenen Handlungen und Positionen einmal zu überdenken und damit wenigstens etwas die Handbremse lösen. Schließlich brauchen wir kluge Köpfe, die mit Mut, aber eben auch mit Verstand und Menschlichkeit versuchen, etwas zu verändern. Wer oder was hinter der „Offensive Frühjahr Fünfundzwanzig“ steckt, bleibt zwar verborgen – kluge Köpfe scheinen es jedoch zu sein.

Offensive Frühjahr Fünfundzwanzig: „Was tun, wenn’s klemmt – Strategien gegen die Bewegungsstarre“, Pamphlet, 72 Seiten, gONZo Verlag, ISBN-13: 978-3-944564-01-2, 6 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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