Henning Chadde
27. April 2015

Best of both worlds

Das Verhör: „We Bare All“ von The Aqualung

Post-Rock? Ja bitte, aber mit Gesang: The Aqualungs „We Bare All“, Album-Cover

Der internationale Instrumental- und Post-Rock-Hype der letzten Jahre ist bekanntlich momentan wieder etwas am Abflauen. Zu viele Bands frönten dem dynamischen Laut-Leise-Breitwandsound und konnten in ihrer unüberschaubaren Menge dem Genre zuletzt kaum mehr neue Facetten hinzufügen, sondern stagnierten mehr oder weniger in auswechselbarer Beliebigkeit und Ähnlichkeit, die eher Gähnen machte, denn zu bahnbrechenden Aha-Erlebnissen und Entdeckungen führte. Vor allem aber der nicht selten konsequent stoisch beibehaltene, unbelehrbare Verzicht auf Vocals und eine Frontstimme im Gesamt-Sound ließen die Unterscheidungsmerkmale vieler Genre-Vertreter zusehends verschwimmen und gänzlich ohne Alleinstellungsmerkmal erscheinen.

Eine Entwicklung, welche die Osnabrücker Alternativ-Post-Rocker The Aqualung seit Beginn ihres Schaffens vor nunmehr drei Jahren und zwei Alben selbstbewusst umschiffen. Reiht sich in ihre sphärisch-brachialen Songs doch gleichberechtigt und meinungsstark ein Gesang in die Darstellungs-Mitte. Und lässt beispielsweise auch auf ihrem neuen Album „We Bare All“ deutlich als eigener Fingerabdruck aufhorchen. Auch hier eröffnet sich den Hörern zunächst das bekannte Dynamik-Spiel zwischen Laut und Leise, Zurückgenommenheit und Ausbruch, aber gerade der Gesang ist es, der beispielsweise flirrende Nackenbrecher wie das beinahe an At The Drive In erinnernde, verspielte „Into The Wild“, den folgenden epischen Wurf „Breathe“, den im Riffing teilweise an frühe Billy Talent gemahnenden Straighter „Delusion“ oder das drängend-pumpende „Erase“ zu echten Rockern machen, die der Gesamt-Dynamik des Albums ordentlich Schub, Wumms – und somit im artverwandten Genre-Vergleich das gewisse Etwas verpassen.

Zudem wissen The Aqualung auf „We Bare All“ durchaus auch in guter, alter Post-Rock-Manier astreine, sich entwickelnde und aufbäumende Instrumental-Tracks der alten Sphären-Schule einzubinden. Und gerade durch diese Abwechslung begeistern diese Songs ebenfalls, weil sie eben herausstechen und nicht im ansonsten nicht selten üblichen Gesamt-Sound-Geniedel vieler Mitbewerber untergehen. Hervorzuheben seien hier beispielsweise der vom Titel her programmatische Album-Opener „Awake The Sleeping Dogs“, der sich langsam zum Ende hin aufbäumende Sechsminüter „Ruins“ und das an die Frühphasen von Masarati und Long Distance Calling zu „Inventions For The New Season“ beziehungsweise „Sattelite Bay“-Zeiten erinnernde, sphärische „The Aqualung II“.

Dass The Aqualung verschiedene Welten durchaus nachhaltig kombinieren, zeigen nicht zuletzt die melodiösen Riff- und Sound-Tieftöner „One Last Time“ und „Erase“, sowie das abschließende, bombastische Dynamik- und Groove-Finale „Hold On“. Gerade diese selbstbewusste, eigenständige Kombinaton verpasst „We Bare All“ schließlich das eingangs zitierte Alleinstellungsmerkmal, das The Aqualung zu erkennbar eigenen Vertretern ihres Genres werden lässt, von denen man in naher Zukunft definitiv noch ordentlich hören wird. Beeindruckend.

The Aqualung: „We Bare All“, CD, 11 Songs, 64 min., SpinnUp / Universal

  • Am Freitag, dem 15. Mai, stellen The Aqualung ihr neues Album übrigens live im Béi Chéz Heinz vor. Der Eintritt kostet 8 Euro, das Konzert beginnt um 20 Uhr
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Kategorien: Musik

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