Susanne Viktoria Haupt
1. Juni 2015

Ganz groß in der Liebe

Seitenansicht: „Eleanor & Park“ von Rainbow Rowell

Eine der stärksten Liebesgeschichten, die das Genre Jugendroman seit langem gesehen hat: „Eleanor & Park“, Buchcover

Wir schreiben das Jahr 1986. Park ist fast so etwas wie ein gewöhnlicher Teenager. Er ist 16 Jahre alt, seine Noten sind passabel, mit seinem jüngeren Bruder Josh eckt er gerne mal an, seine Mutter empfindet er als liebenswert und mit seinem Vater trägt er gewöhnliche Streitereien aus. Für den ist Park ab und an einfach mal eine „Pussy“. Vornehmlich, weil er sich mit dem Fahren von Autos mit Gangschaltung schwertut und sich nur zu gerne in seiner Musik verkriecht. The Smith und Joy Division, nur bei Bon Jovi dreht er das Radio ab. Park hatte bisher eine Freundin, Tina, das beliebteste Mädchen der Schule, was ihm beinahe einen Welpenschutz auf dem Schulhof verpasste. Nur hatte er mit Tina nie viel gemeinsam, nicht mal so wenig, dass es irgendwie dadurch interessant hätte werden können. Park ist halber Koreaner und hat jeden Mittwoch Taekwondo-Training. Alles läuft in geordneten Bahnen. Bis zu diesem einen Tag. Dem Tag, an dem Eleanor in den Bus einstieg…

Familiäres Desaster

Eleanor ist 16 Jahre alt, und lieber wäre sie Godzilla, denn Godzilla war zwar groß und sperrig, aber nicht dick. Und sie, Eleanor ist eher rundlich. Und dazu hat sie auch noch wilde rote Haare, die sich nicht bändigen lassen. Das wären eigentlich alles Probleme, mit denen sie noch zurecht käme, wenn da nicht ihr Stiefvater Richie wäre. Der hat sie vor einem Jahr aus der Wohnung geschmissen, und sie lebte dann lange Zeit bei Freunden ihrer Mutter, getrennt von ihren jüngeren Geschwistern, die zwar alle etwas merkwürdig sind, aber dennoch liebenswert. Nach einem Jahr fast ohne jeglichen Kontakt, holt ihre Mutter sie wieder nach Hause, geändert hat sich aber nichts. Richie hasst nicht nur Eleanor, sondern auch die Mutter, seine eigene Frau. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht trinkt, flucht, beschimpft, gewalttätig wird und Eleanor das Leben zur Hölle macht. Und nun lebt sie auf einmal mit ihrer Familie in einem neuen Haus, das noch viel kleiner ist und indem sie sich das Zimmer mit all ihren Geschwistern teilen muss. Aber nicht nur das. Es mangelt an allem. Selbst an einer Zahnbürste. Und dann kommt sie auch noch auf eine neue Schule, das hat gerade noch gefehlt.

Keine Liebe auf den ersten Blick

Als Eleanor am ersten Schultag in den Bus steigt, weiß sie, dass sie alle anstarren werden. Wegen ihrer Leibesfülle, wegen ihrer Haare, wegen ihrer Kleidung, die eher zu einem Jungen passt. Widerwilig setzt sie sich neben einen Jungen, der sie erst missmutig anblickt und schlussendlich ignoriert. Dass aber genau dieser Junge zu ihrer ersten, und wahrscheinlich wirklich großen Liebe wird, damit hat weder Eleanor gerechnet noch Park. Denn auf einmal sitzt sie jeden Tag neben ihm im Bus, auf der Hin- und auf der Rückfahrt. Und irgendwann wandern ihre Augen immer wieder in eines seiner Comic-Hefte, mit denen er sich auf der halbstündigen Fahrt die Zeit vertreibt. Bis Park beschließt, ihr wortlos ein paar Hefte auszuleihen. Und damit auch zwangsläufig sein Herz herzugeben…

Lieben heißt: nicht weglaufen

Ich habe schon vor vielen Monaten ein Auge auf dieses Buch geworfen: Von der amerikanischen Presse wurde „Eleanor & Park“ hochgelobt, und obgleich es eigentlich ein Jugendroman ist, erreicht das Buch alle Leser, die sich für diese herzerwärmende Geschichte öffnen können. Denn „Eleanor & Park“ ist keine Geschichte über eine Jugendliebe, wie wir sie aus herkömmlichen Jugendromanen kennen. Die Story von Park und Eleanor ist viel echter und erwachsener, als man es sonst von diesem Genre kennt. Denn auch die beiden Protagonisten sind ihrem eigentlichen Alter weit voraus und haben mit Dingen in ihrem Leben zu kämpfen, mit denen sich manch Erwachsener noch schwertun würde. Schließlich ist Eleanor durch ihre familiären Zustände schwer traumatisiert, und auch wenn Park eigentlich ein normaler Teenager ist, so ist es sein reifes und großes Herz, das eine umfassende Liebe erst möglich machen kann. Während manch Erwachsener sich zurückzieht, wenn es in der Beziehung kompliziert wird oder der Partner mit heftigen Problemen zu kämpfen hat, wird Park ganz selbstverständlich zum Fels in der Brandung und gibt mehr Liebe und weise, wahre Worte von sich, als man es sonst gewohnt ist. Dass es dennoch zu einigen Momenten kommt, die man selbst aus dem Alter in Bezug auf die erste romantische Beziehung kennt, ist den Charakteren nicht vorzuwerfen. Und dennoch: Bei jeder Szene, die sich anmutig in das verklärte Licht der ersten großen Liebe taucht, sticht sofort auch die Realität in die Seite.

Realität und Hoffnung

Rainbow Rowell ist zumindest auf dem englischsprachigen Markt keine Newcomerin mehr. Die 1973 geborene Amerikanerin veröffentliche 2011 mit „Attachments“ ein verdammt gutes und lesenswertes Debüt. 2013 schob sie mit „Fangirl“ und „Eleanor & Park“ zwei Jugendromane auf den Markt, die in dem Bereich als Meilensteine gefeiert wurden. Die talentierte junge Frau weiß einfach, wie man Träume und Wunschdenken geschickt in die Realität einbindet und damit nichts in seinen Leserinnen und Lesern unberührt lässt. Während viele andere Autoren ihren Charakteren ein Leben zuschreiben, um das diese sie beneiden, und ihnen nur dem Plot zuliebe Steine in den Weg werfen, die sich dann auf wundersame Weise stets in Luft auflösen, beharrt Rowell darauf, dass nichts rosig und einfach ist, aber dennoch Liebe und Träume von der Liebe ihren Platz haben. Und eben auch solche Geschichten wie die von Eleanor und Park. Rainbow Rowell ist mit diesem Roman nahe an der Realität und verteilt dennoch genug Hoffnung an die jungen (und auch älteren) Leser, so dass man nicht anders kann, als das Buch in einem Zug durchzulesen.

„Eleanor & Park“ erinnert nicht nur an die erste Liebe, nicht nur an die erste große Liebe oder die einzig wahre Liebe, sondern auch daran, was Liebe für Kräfte freisetzen kann – und wo sie auch in der steinigsten Wüste noch fruchtbaren Boden erschaffen kann. Zu lieben und geliebt zu werden, das kann aus Menschen wahre Helden machen. Unabhängig vom Alter.

Rainbow Rowell: „Eleanor & Park“, Roman, 368 Seiten, Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446247406, 16,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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