Susanne Viktoria Haupt
29. Juni 2015

Ein Stück Literaturgeschichte

Seitenansicht Spezial: die Buchhandlung „Shakespeare & Company“ in Paris

Schon allein die Fassade lädt ein: die legendäre Buchhandlung Shakespeare & Company in Paris

Wer nicht nur gerne liest, sondern Bücher auch wirklich liebt, der bestellt nicht bei irgendwelchen anonymen Online-Versandhändlern. Als Buchliebhaber sich ein Buch auszusuchen, ist ein bewusster Akt, der mit viel Herzblut durchgeführt wird. Man betritt eine Buchhandlung, schaut sich in aller Ruhe um, sagt sich „Never judge a Book by its Cover“ und liest Klappentexte ohne Ende. In richtig guten Buchhandlungen, von denen wir natürlich auch einige in Hannover haben, denn das soll keineswegs unter den Teppich gekehrt werden, lässt man sich auch gerne auf einen Plausch mit den Händlern ein und sich hier und da etwas empfehlen. Gerade durch die Empfehlungen von Buchhändlern habe ich so einige Schätze gefunden. Obwohl es eigentlich heißt, dass man seine lokalen Händler unterstützen soll, zieht es mich aber mindestens einmal im Jahr nach Paris in eine der schönsten und berühmtesten Buchhandlungen der Welt: „Shakespeare & Company“.

Eine Geschichte, die vor fast 100 Jahren begonnen hat

Gegründet wurde die erste Version dieser schönen Buchhandlung bereits 1919 von der Amerikanerin Sylvia Beach. Beach kam nach Paris und nichts brannte in ihr mehr, als der Wunsch nach einer eigenen Buchhandlung, die sich der englischsprachigen Literatur widmet. Was als Leih-Buchhandlung begann, entwickelte sich in den 1920er- und 1930er-Jahren zum Treffpunkt einiger der dort lebenden und mittlerweile weltberühmten Schriftsteller. Größen wie Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald, James Joyce und Gertrude Stein gingen in dem ehemaligen Laden in der Rue de l’Odéon ein und aus. Sylvia Beach, motiviert und voller Leidenschaft, begnügte sich nicht nur mit dem Handel, sondern engagierte sich auch in der Förderung von Literatur. Ohne sie hätte James Joyce sein monumentales Werk „Ulysses“ wahrscheinlich nie gedruckt bekommen. Noch heute erinnert an der Hausfassade des ehemaligen „Shakespeare & Company“-Ladens eine Plakette an das Erbe von Beach. Lediglich die Nazis, die während des zweiten Weltkriegs Paris besetzten, konnten Beach dann in die Knie zwingen. Sie drohten, alle Bücher zu verbrennen, und die Literaturliebhaberin zog sich zurück. Obgleich Ernest Hemingway, eingekleidet in seiner alten Uniform, nach Ende des zweiten Weltkriegs die kleine Buchhandlung symbolisch befreite, konnte sich Sylvia Beach nicht zu einer Wiedereröffnung bewegen lassen. Man kann es verstehen.

Lassen jedes bibliophile Herz höher schlagen: die hohen Holzregale im „Shakespeare & Company“, bestückt mit wertvollen Werken der englischsprachigen Literatur

Aber das Erbe von Sylvia Beach, der Grundstein, den sie mit ihrer Arbeit gelegt hatte, sollte zum Glück nicht umsonst gewesen sein. Der US-Amerikaner George Whitmann, 1913 geboren, kam nach Paris und eröffnete 1951 in der Rue de la Bûcherie, nahe der Kathedrale Notre Dame, die Buchhandlung „Le Mistral“, die er nach seiner ersten Freundin benannte. Auch er legte sein Augenmerk auf die englischsprachige Literatur und deren Förderung. In der Wohnung über der Buchhandlung konnten schon vor 60 Jahren Schriftsteller kostenfrei übernachten – sie mussten lediglich dabei helfen, den Laden in Stand zu halten und etwas zu Papier zu bringen. Und auch Beach, die ganz begeistert von dem neuen Laden war, war ein gern gesehener Gast bei „Le Mistral“. Während sie in ihrem alten Laden die Autoren der „Lost Generation“ betreute, war Whitman derjenige, der den Autoren der Beat Generation einen Ort gab. Und Whitman war angetan von Beachs Erfahrungen und alldem, was sie mit ihrer kleinen Leihbücherei erreicht hatte. So begeistert, dass er ihr zu Ehren und mit ihrem Einverständnis seinen Laden 1964 – zwei Jahre nach ihrem Tod – in „Shakespeare & Company“ umbenannte. Georg Whitman verstarb 2011, doch seine Tochter Sylvia Beach Whitman, die er nach Sylvia Beach benannte, führt den Laden nun in seinem Namen weiter.

Förderung auf direktem Wege

Man kann also getrost sagen, dass „Shakespeare & Company“ einen beachtlichen Teil zur Literaturgeschichte beigetragen hat. Noch heute findet man Aufzeichnungen von Hemingway und anderen über ihre Zeit an der Seite von Sylvia Beach. Es existiert ein Buch, das nur aus dem Briefwechsel zwischen James Joyce und Beach besteht. Was sie anfing, das hat Whitman weitergeführt und so auch seine Tochter. Und noch heute tummelt sich das Who is Who der englischsprachigen Schriftsteller in den heiligen Räumen in Paris. Mal ist es die Jury vom Man Booker Price, die dem Publikum Rede und Antwort steht, dann Dave Eggers, Zadie Smitz, Jonathan Safran Foer oder Emily St. John Mandel. Und noch immer gibt es die „Writers in residence“, die oben in der Wohnung über der Buchhandlung wohnen, leben, schreiben und unten Bücher einsortieren und den Teppich wieder festkleben. Sie kommen von überall her und jeder von ihnen lässt etwas Selbstverfasstes dort. Mehrfach im Monat gibt es kostenlose Lesungen und jeden Montagabend treffen sich Schreibwütige zu einer Art Schreibwerkstatt.

Kommt in jedes Buch – egal ob vor Ort gekauft oder bestellt: der Shakespeare-Stempel

Selbstverständlich hat sich die Buchhandlung schnell zur Touristen-Attraktion entwickelt und an einigen Tagen muss man sogar ein wenig warten, bis man herein darf. Meistens hält es sich jedoch in Grenzen. Kleine gemütliche Ecken laden zum Lesen ein – und es sind gerade die schmalen und verwinkelten Gänge und Räumlichkeiten, die den Charme von „Shakespeare & Company“ ausmachen. Von Klassikern wie zum Beispiel „The Great Gatsby“ lassen sich gleich mehrere Ausgaben finden, von der eine schmuckhafter ist als die andere. Neben den Klassikern findet man aber auch alle begehrten Neuerscheinungen der englischsprachigen Literatur, liebevoll sortiert in den hohen Holzregalen, für die man ab und an sogar auf die Leiter steigen muss. Die Werke der Beat Generation lassen sich genauso gut und vollständig finden, wie die der Lost Generation. Und selbst für die Kleinen hält die Buchhandlung im oberen Geschoss einen Bereich parat, wo sich „The Wizard of Oz“ und „Mathilda“ befinden. Und zwar in ausgesprochen schönen und erschwinglichen Ausgaben. Wer von allem nicht genug bekommt, der kann sich dort einen der begehrten Jute-Beutel kaufen, Postkarten mit historischen Fotografien erstehen oder sogar kleine Poster und Notizhefte. Für das Souvenir-Herz ist also ebenfalls gesorgt – und das glücklicherweise in einem völlig erträglichen Maße.

Tradition bewahren, aber auch mit der Zeit gehen

Seit letztem Jahr hat aber auch „Shakespeare & Company“ einen weltweiten Online-Versandhandel – und gerade dort lassen sich handsignierte Ausgaben zum normalen Ladenpreis erstehen. Auch die Souvenirs sowie kleine Polaroids und die selbstverfassten Gedichte der „Writers in Residence“ lassen sich über diese Seite ordern. Einfach, um ein wenig „Shakespeare & Company“ zu Hause zu haben. Besser aber ist es, vor Ort in Paris zu sein. Denn diese kleine Buchhandlung, die jeden Tag von 10 bis 23 Uhr geöffnet hat, verlässt niemand ohne ein Buch oder Andenken. Das durchweg englisch- und französischsprachige Personal steht seinen Kunden mit Rat und Tat zur Seite. Selbst zu Stoßzeiten werden die gewünschten Bücher in Eilgeschwindigkeit und voller Freundlichkeit aus dem Lager geholt. So viel Trubel dort auch manchmal herrscht, so entspannt und zuvorkommend sind sie, die Angestellten in einer der schönsten Buchhandlungen der Welt.

Wer also in Paris sein kann oder sich ein wenig davon nach Hause holen möchte, der besucht entweder die Buchhandlung direkt oder nutzt den Online-Versand. Man mag es der fleißigen Autorin der Seitenansichten daher nachsehen, dass es sie mindestens einmal im Jahr nach Paris zieht, um wieder endlos lange zwischen den Regalen umherzuwandern und schlussendlich vollbepackt wieder herauszupurzeln. Denn schließlich muss jeder Liebhaber auch seine Orte haben, an denen er oder sie sich in seiner Lust und Leidenschaft völlig befriedigt fühlt. Wie Ernest Hemingway in seinem autobiographischen Roman „Paris – Ein Fest fürs Leben“ schrieb: „We would be together and have our Books and at Night be warm in Bed together with the Windows open and the Stars bright“. Genau so soll es sein.

(Fotos: Susanne Viktoria Haupt)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur, Lokalitäten

Kommentiere diesen Artikel