Susanne Viktoria Haupt
15. Juni 2015

Voller Hoffnung

Seitenansicht: „Die Schneekönigin“ von Michael Cunningham

Kitsch und Niveau: „Die Schneekönigin“ von Michael Cunningham, Buchcover

Kaum einer kennt dieses Märchen nicht: „Die Schneekönigin“ vom dänischen Dichter und Schriftsteller Hans Christian Andersen. Schon viele Male wurde es auf unterschiedliche Art und Weise adaptiert. Entweder in ebenfalls literarischer Form oder aber als Theaterstück oder Film. Mittendrin: Immer der Spiegel, der auch das Schönste nur hässlich erscheinen lässt. Wer einen Splitter von diesem Spiegel ins Auge bekommt, sieht fortan nichts Gutes mehr. Traf es einem im Herzen, so wird dieses zu Eis. Und genau dieser Geschichte bedient sich der amerikanische Pulitzer-Preisträger Michael Cunningham in seinem neuesten literarischen Geniestreich, den er auch einfach direkt „Die Schneekönigin“ nannte.

Vier Menschen, die etwas sein wollen

In Cunninghams „Schneekönigin“ dreht sich alles um vier Menschen, deren Leben auf unterschiedliche Art und Weise miteinander verwoben sind. Da wäre einmal die kranke und blasse Beth, die die Hoffnung auf Heilung ihrer Krebserkrankung aufgegeben hat. Tyler ist eigentlich ein begnadeter Musiker, und dennoch gescheitert. Beth ist seine große Liebe, und er wünscht sich nichts mehr, als sie zu heiraten. Und dafür den perfekten Song zu komponieren. „Unterstützung“ sucht er sich dabei beim Kokain, seiner Form des Schnees. Sein Bruder Barrett, hochintelligent und ein Yale-Mann, jobbt in einem Second-Hand-Laden. Barrett hat im Zuge eines außergewöhnlichen Schneefalls eine Art Lichterscheinung und befindet sich fortan auf der Suche nach dem tiefen und bedeutsamen Sinn der Liebe. Und dann wäre da noch Liz, die Besitzerin des Ladens, in dem Barrett und auch Beth jobben. Eine langsam ergrauende Dame, die noch von ihrer Zeit als Punk schwärmt und dieser hinterherhängt. Sie alle wohnen im New Yorker Stadtteil Buschwick, haben ihre Jugend schon lange hinter sich – und alles, was bleibt, ist einzig und allein die Hoffnung auf die Erfüllung ihrer Träume. Während Beth hofft, doch wieder gesund zu werden, träumt Tyler davon, endlich erfolgreich zu werden, Barrett will die Liebe finden und Liz möchte einfach, dass nicht immer die Bösen siegen.

Einfühlsam ohne Plüsch

Dass Michael Cunningham wirklich gut schreiben kann, hat er mit seinem mehrfach ausgezeichneten Buch „Die Stunden“ gezeigt. Und auch bei seiner Adaption von Andersens „Die Schneekönigin“ fährt er wieder alle schriftstellerischen Geschosse auf, die er besitzt. Einfach sind weder seine Protagonisten noch ihre Lebenswege, und Cunninghams athmosphärischer, aber zum Teil verschachtelter Erzählstil paat kongenial zu dieser Schwierigkeit. Kein leichter Stoff ist das, den der amerikanische Autor da abreißt, allerdings hält diese Geschichte auch viel Raum für Kitsch bereit, und genau diesen weiß Cunningham auf einem so hohen Niveau zu bedienen, wie man es kaum einem anderen zutrauen würde. Vielleicht sind es die gescheiterten und bangenden Figuren, die trotz allem nicht in die seichte Plüsch-Falle tappen, oder es ist einfach Cunninghams großes erzählerisches Geschick, Kitsch rund um Hoffnung und Verzweiflung literarisch salonfähig zu machen und seine eigenen Figuren dabei nie zu verlieren.

So begleitet der Leser die Figuren auf knapp 300 Seiten durch das verschneite New York und leidet mit. Nein, „Die Schneekönigin“ ist kein Buch für den Sommer, es sei denn man möchte ihn ausschließen. Aber für diejenigen, die ein hohes literarisches Niveau wünschen und dabei dennoch auf Hoffnung nicht verzichten möchten, die können sich von der „Schneekönigin“ ein wenig treiben lassen. Summertime Sadness, you are welcome.

Michael Cunningham: „Die Schneekönigin“, Roman, 288 Seiten, Luchterhand Literaturverlag, ISBN-13: 978-3630874586, 21,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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