Matthias Rohl
29. Juli 2008

Filmgeschichte(n): „City Of God“

Regisseur Fernando Meirelles erzählt vom Bandenkrieg in den Favelas von Rio de Janeiro und kreiert ein Meisterstück des neuen lateinamerikanischen Kinos

In stroboskopisch kurzen Sequenzen wetzt die blau schimmernde Klinge über einen Schleifstein. Auf der Tonspur pulsieren laszive Salsa-Rhythmen. Flinke Männerhände greifen Caipirinha-Gläser. Die Klinge wandert über die Haut eines Huhns. Federn fallen. Das Huhn wandert kopfüber in den Topf, unter dem schon die Flammen züngeln. Schlachten und Lebenslust. Doch plötzlich: Ein zweites Huhn, das die Szene beobachtet hat, flieht – und wird jetzt von der Bande bewaffneter Jugendlicher johlend durch die Straßen des schäbigen Viertels gejagdt, die entfesselte Kamera folgt dem Huhn in Bodennähe…

“City Of God”, Filmposter

Einer der aufregendsten Filme des neuen Jahrtausends: „City Of God“ von Fernando Meirelles

Die Stadt Gottes

Atemlos, packend, virtuos – so beginnt „City Of God“ (2002), eine der aufregendsten Kino-Produktionen des jungen Jahrtausends. Schon die grandiose Exposition zieht alle Register – und uns hinein in eine Welt, in der ein Menschenleben nicht mehr zählen wird als ein Huhn, und in der das Motiv des Stroboskops dem Film die später entscheidend-tragische Wende geben wird. Und spätestens, wenn der Off-Kommentar einsetzt, wissen wir, dass das Hühnerschlachten als Metapher der „Cidade de Deus“, der „Stadt Gottes“, dient. Wer hier aufwächst, in einer der 120 Favelas von Rio de Janeiro, der weiß, dass die Kindheit allzu früh stirbt: „Wenn Du wegläufst, fangen sie Dich, wenn Du bleibst, fressen sie dich.“ Chicken Run – ein Hühnerleben.

“City Of God”, Szenenfoto

Seltener Moment der Ruhe: ein Drogenthriller, der auch visuell besticht

Enthüllung der Schattenwirtschaft

Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles verfilmte mit seinem bisher besten Werk den 1996 erschienen Roman „Cidade de Deus“ von Paulo Lins, der selbst in den Favelas aufwuchs – und mit diesem Buch zum ersten Mal den Machtkampf in den Barackensiedlungen und die Entwicklung des Drogenhandels zum wohl bedeutendsten Faktor der Schattenwirtschaft Rios im Zeitraum der 60er- bis 80er-Jahre enthüllte. Meirelles und Co-Regisseurin Katia Lund, die vorher bereits eine Dokumentation über Drogendealer produziert hatte, entfachten die geniale Idee, den Film nahezu komplett mit Laiendarstellern der realen „Stadt Gottes“ zu besetzten – um so ihrer „Langzeitstudie“ eine gehörige Dosis episch-authentischer Wucht zu verleihen.

“City Of God”, Szenenfoto

Kongenial mit Laiendarstellern besetzt: „City Of God“

Casting als Tour de Force

In einem Casting, das einer Tour de Force gleichkam, filmten die beiden 2000 potentielle Kandidaten, formten davon in einem fünfmonatigen Schauspiel-Workshop 200 zu beachtlichen Laiendarstellern. So sind vor allem die Making-of-Sequenzen des Films ein Kleinod des jüngeren Filmschaffens geworden, denn sie gewähren tiefe Einblicke in eine zunächst schier unmöglich erscheinende Aufgabe. Und was Lamartine Ferreira, der Workshop-Organisator, und vor allem Fatima Toledo, die mit allen Wassern gewaschene Schauspiel-Trainerin mit der Aura der kaltblütigen Streetworkerin leisten, ist überaus eindrucksvoll. Ihnen vor allen verdankt der Regisseur den Erfolg des waghalsigen Projekts – und das grandiose Gelingen der Idee, unbekannte Gesichter zu besetzen, um sich des „Prominenz-Filters“ zu entledigen, damit „der Zuschauer direkten Zugang zum Schauspieler findet und so auch direkt zur Figur“. (Meirelles)

“City Of God”, Szenenfoto

Die pure Gewalt: „Wenn Du bleibst, fressen sie Dich“

Scarface im Samba-Gewand

Schließlich ist Fernando Meirelles, geboren 1955 in Sao Paulo, ein großer Wurf gelungen. Der Architekt und frühere Experimental- und Werbefilmer hat einen an De Palma, Scorsese, Tarantino und die Clip-Ästhetik geschulten, visuell bestechenden Drogenthriller kreiert, einen „Scarface im Samba-Gewand“ (FAZ), in der die inszenierte, explodierende Gewalt so unter die Haut geht, weil sie nicht von Mafiosi oder coolen Killern verübt wird, sondern von Straßenkindern, die im Bandenkriegsspiel ahnungslos mit echten Waffen fuchteln – und: töten. Sicher, Meirelles berauscht sich sehr an seinem Können: das ausgetüftelte Lichtdesign, Vor- und Rückblenden, rasante Kamerafahrten, schroffe Schnitte, Jump-Cuts, Reißschwenks, Split-Screens – der Mann hat seine Lektionen gelernt und weiß sie virtuos zu nutzen. Das ist beileibe nicht das Schlechteste, was man von einem Regisseur sagen kann. Was auch immer uns dieser Hochbegabte noch zu sagen hat – mit diesem „brillanten Film“ (Steven Spielberg) ist ihm bereits ein Platz im cineastischen Pantheon Brasiliens sicher.

nächste Folge:
„Blade Runner“
Die Mensch-Maschine, die vom Einhorn träumt: Ridley Scott schuf in postmoderner Bricolage eine futuristische Film-Noir-Vision der Extraklasse

(Fotos: Pressefotos/César Charlone)

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Kategorien: Film

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