Susanne Viktoria Haupt
3. August 2015

Unter dem Sonnenschirm

Seitenansicht Spezial: Sommerlektüre 2015

Bücher für den Urlaub: Auch mit Alfred Döblin lag ich schon am Strand

Jeden Sommer schnappe ich mir mein Zelt, eine Luftmatratze, eine starke Sonnencreme und eine Tasche voller Bücher und suche mir irgendwo im Süden einen Platz an der Sonne, auf dem ich mein Zelt für zwei bis drei Wochen aufschlagen kann. Da liege ich dann unter Palmen mit Sand zwischen den Zehen und lese mich durch all die Bücher, für die ich Zuhause im Alltagsstress keine Zeit gefunden habe, oder nehme mir die vor, die mir kurz vorher von einem meiner liebsten Buchhändler wärmstens ans Herz gelegt wurde. Auf jeden Fall ist die Büchertasche bei mir immer üppiger als die mit der Kleidung, wenn ich verreise. Und während meine geneigten Leser diesen Artikel hier studieren, liege ich mit David Sedaris, John Williams, Dorothy Parker und anderen unter meinem Sonnenschirm und höre den Wellen zu.

Ein herzzerreißendes Werk für die „Summertime Sadness“

Kurz vor der Abreise war es wie immer eine echte Herausforderung, meine Tasche zu füllen und eine Auswahl zu treffen. Ich streifte durch Buchhandlungen, klaute meinen langeleine-Kollegen ihre Bücher aus dem Regal oder löcherte belesene Freunde nach ihren letzten Entdeckungen. Nun habe ich eine feine Sammlung an literarischen Werken, die sich besonders gut unter dem Sonnenschirm machen, bei mir, und diese möchte ich Euch keinesfalls vorenthalten. Meine vielbelesene Freundin Julia greift zum Beispiel gerade im Sommer zu Büchern, die dramatisch, traurig oder anderweitig schwer verdaubar sind. Einfach, weil die Sommersonne dann doch einiges leichter macht. Wer es Julia gleichtun möchte, und es also mal etwas Trauriger und Dramatischer haben möchte, der könnte sich zum Beispiel einfach mal das monumentale Debüt-Werk von Dave Eggers vornehmen. Bevor Eggers sich gesellschaftspolitischen Themen wie zuletzt der Macht von Social Networks widmete, hat er sich mit seiner eigenen Biographie befasst. „Ein herzzerreissendes Werk von umwerfender Genialität: eine wahre Geschichte“ heißt sein Buch und in ihm behandelt der Autor den frühen Verlust seiner beiden Eltern und beschreibt seine anschließende Flucht nach vorne, nach Kalifornien. Mit gerade einmal 22 Jahren übernahm er in der neugewählten Heimat die alleinige Verantwortung für seinen 8-jährigen Bruder. Ein Buch, bei dem man etliche Tränen vergießen kann und in dem sich auch das Erzähltalent von Eggers von seiner brillantesten Seite zeigt.

Lachen, bis einem die Kokosnuss auf den Kopf fällt

Wer lieber herzhaft lachen möchte und auch etwas grenzwertigen Humor mag, der könnte sich mit David Sedaris an den See legen. Während ich mir diesen Sommer „Sprechen wir über Eulen – und Diabetis“ zu Gemüte führen werde, schlage ich Euch einfach mal ganz frech „Ich ein Tag sprechen hübsch“ vor. In seinen Essays, die allesamt autobiographischer Natur sind, führt Sedaris einen durch die wilde Welt der Kommunikationsprobleme. Mal schildert er humorvoll seine Erfahrungen als Kind mit einer Logopädin, mal versucht er sich mittels Konzeptkunst auszudrücken – und scheitert am dazugehörigen Lebensstil. Auch seine Familie nimmt er immer wieder auf die Schippe und beleuchtet sie so humorvoll wie auch liebevoll. Neben „Ich ein Tag sprechen hübsch“ kann man sich aber auch das vielgelobte „Naked“ von Sedaris besorgen. Auch hier plaudert der amerikanische Autor aus dem Nähkästchen. Aber Vorsicht: Egal, welches Werk man von Sedaris wählt, die Lachmuskeln werden auf jeden Fall trainiert.

Auf den Pfaden alter Größen

Etwas mehr inhaltliche Power bietet die Essay-Sammlung „Pulphead“ von John Jeremiah Sullivan. Der Amerikaner wird schon seit Jahren als neuer Hunter S. Thompson oder Tom Wolf gehandelt. Ich muss sagen: Seine Stories haben es auch in sich. Mal befindet er sich auf den Pfaden eines christlichen Rock-Festivals, und mal berichtet er über den schicksalhaften Tag, an dem sein älterer Bruder einen Stromschlag erlitt. Vor allem bei dieser Geschichte gelingt Sullivan ein bemerkenswert stimmiger, tragisch-komischer Tonfall. Sullivan beherrscht auf alle Fälle die hohe Kunst der literarischen Ethnographie und gewährt uns damit einen weiteren Einblick in die amerikanische Gesellschaft – wobei er stets objektiv bleibt. Wem das dann noch nicht genug sein sollte, der kann sich dann immer noch auf Thompson und Wolf stürzen.

Ein Meister der Kinderliteratur

Auch für die kleinen Leser soll den Sommer über gesorgt sein. Ein ganz großer Favorit von mir ist Roald Dahl. Der ein oder andere mag die Verfilmungen einiger seiner Werke kennen, beispielsweise „Charlie und die Schokoladenfabrik“, „James und der Riesenpfirsisch“ oder „Matilda“. Vor allem letztes Kinderbuch lässt bei Jung und Alt die Herzen deutlich höher schlagen. Hierbei geht es um die 7-jährige Matilda Wurmwald, die als absolutes Wunderkind in eine völlig geistig minderbemittelte Familie hineingeboren wurde. Während ihr Wissen, und vor allem ihre große Liebe zu Büchern in der Familie auf Ignoranz und Ablehnung stossen, erhält sie in der Schule von der liebevollen Lehrerin Frau Honig die notwendige Anerkennung. Aber auch Frau Honig hat ihre Kämpfe auszutragen, und schlussendlich müssen sowohl Matilda als auch Frau Honig den Kampf gegen die üble und bösartige Direktorin Frau Knüppelkuh aufnehmen. Ein Buch, dass nicht nur voller Weisheit und Fantasie steckt, sondern die Lust aufs Lesen zusätzlich fördert. Geeignet ab acht Jahren.

Ein Sommer im Nimmerland

Einen letzten Tipp habe ich noch: Im Juli ist das Kult-Werk „Peter Pan“ von James M. Barrie in vollständig überarbeiteter Taschenbuch-Neuauflage erschienen. Während man im Buchhandel bisher oft gekürzte Versionen fand, von denen einige auch noch miserabel illustriert waren, brachte der Insel Verlag nun die ersehnte Originalversion heraus, die zwar keine Illustrationen aufweisen kann, dafür jedoch die ungekürzte Fassung enthält. Ein Highlight für alle, die mit Peter Pan aufgewachsen sind, und ein großer Spaß für kleine Leser ab etwa zehn Jahren, die sich an der Seite von Wendy und Peter den Abenteuern und Herausforderungen im Nimmerland stellen wollen.

Egal, für welches Buch ihr Euch entscheidet, und auch egal, ob ihr weit wegfahrt, oder den Sommer auf dem heimischen Balkon genießt: Es ist immer Platz für ein gutes Buch! Oder für zwei. Oder auch für drei. Ich wünsche Euch auf alle Fälle einen wunderbaren Lese-Sommer mit viel Spannung, Spaß, Romantik und fesselnden Geschichten.

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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(Foto: Susanne Haupt)

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Kategorien: Literatur

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