Jörg Smotlacha
20. Juli 2015

„Im besten Falle ist das Geschriebene so umwerfend, dass ich es mir an die Wand hänge“

Die Seitenansichten werden fünf Jahre alt. Zeit für ein Interview mit Susanne Haupt, der Verantwortlichen für unsere Literatur-Reihe

Sichtet seit rund fünf Jahren den Bücher-Wald für langeleine.de: Literatur-Kritikerin Susanne Haupt

langeleine.de: Susanne, unsere Reihe „Seitenansichten“ feiert dieser Tage fünfjähriges Jubiläum. Wir haben weit über einhundert Literaturkritiken veröffentlicht und dabei im Wald der guten Worte bestimmt tausende Neuerscheinungen und alte Bestseller gesichtet. Gab es echte Überraschungen und was waren Deine Highlights dabei?

Susanne Haupt: Überraschung wäre das falsche Wort, da ich ohnehin erst einmal völlig unvoreingenommen auf ein Buch zugehe. Es gab aber durchaus etliche Highlights in diesen fünf Jahren. Oftmals waren es dabei auch Romane, die eigentlich gar nicht auf meiner Rezensions-Liste standen, sich aber anderweitig einen Platz bei mir erschleichen konnten. So hatte ich 2012 diesen sagenhaften Glücksgriff bei Julian Barnes‘ „Vom Ende einer Geschichte“ oder auch – erst kürzlich – der Lektüre von Rainbow Rowells‘ Jugendroman „Eleanor & Park“. Allerdings richte ich meinen Blick derzeit ganz konkret auf das Herbst-Programm, da im September und Oktober ein paar Werke erscheinen, die ich bereits auf englisch gelesen und geliebt habe. Da freue ich mich momentan sehr darauf, diese unglaublichen Romane mit unseren Lesern zu teilen. Mehr wird aber noch nicht verraten.

ll: Als Online-Journal für Hannover haben wir unser Augenmerk auch immer mal wieder auf lokale Veröffentlichungen gelegt. Wo steht Hannovers Literatur in Deinen Augen?

Haupt: Schwierige Frage. Es gibt einige Autoren aus Hannover, die ich sehr schätze, wie zum Beispiel Kersten Flenter. Er überzeugt nicht nur menschlich, sondern einfach auch literarisch. Hannover ist ansonsten nun mal eine Poetry Slam-Hochburg. Und ja, das ist auch Literatur, ohne Zweifel, aber das ist eben Live-Literatur und keine, mit der man sich abends aufs Sofa kuschelt. Da spielen die Faktoren Performance und Publikumslaune mit hinzu. Gebundene Poetry Slam-Texte sind nette Andenken oder toll für Fans – es ist jedoch ganz selten der Fall, dass ein Slam-Text auch gelesen wirkt. Allerdings gibt es ein paar literarische Perlen in Hannover, die sich derzeit auf dem Sprung zur Veröffentlichung befinden, und die ich schon seit einigen Jahren verfolge und faszinierend finde. Ich hoffe, dass sich da Verlage herantrauen, denn so könnte Hannover in den kommenden zwei Jahren noch das ein und andere Highlight zum deutschen Buchmarkt beitragen.

ll: Wenn man ständig so viele Bücher um sich hat, verliert man dann nicht irgendwann den Überblick? Wo sind die wirklichen Perlen? Und was ist einfach das Papier nicht wert, auf dem es steht?

Haupt: Nein, die Latte wird nur höher gelegt, das ist alles. Ich werde genauer, ohne jedoch dabei irgendwie vernichtend zu werden. Jedes Buch, jeder neue Roman ist in erster Linie ein ganz eigenständiges Erlebnis. Anschließend vergleiche ich natürlich innerhalb des Genres. Dennoch gab es in den fünf Jahren natürlich ein paar Bücher, die meine Geduld und meine Nerven wirklich überstrapaziert haben. Allerdings ist dies seltener der Fall, wir haben einen ganz guten Riecher in der Hinsicht.

ll: Und was passiert zum Beispiel, wenn man ein Buch rezensieren soll, bei dem man schon nach 30 Seiten merkt, „das ist jetzt mal komplett nicht meins“. Wie kann man dem Anspruch trotzdem noch gerecht werden, eine ausgewogene Kritik zu schreiben?

Haupt: Es darf nicht den Fall geben, dass etwas „komplett nicht meins“ ist. Es kann der Fall sein, dass es literarisch eine wackelige Nummer ist, aber ich selbst darf im Genre nicht eingeschränkt sein. Ich lese auch Fantasy-Romane, Thriller und Krimis – auch wenn ich dann manchmal nicht mehr gut schlafe – und auch sonst alles andere, was mir in die Finger kommt. Privat widme ich mich natürlich den Sachen, die ich persönlich bevorzuge. Aber gerade bei den „Seitenansichten“ achte ich darauf, dass es eine breite Palette ist. Meine persönlichen Präferenzen spielen dabei nur bedingt eine Rolle. Natürlich ordere ich mir auch Bücher von Autoren, die ich ohnehin toll finde. Das ist dann der Luxus in dem Moment. Wenn ein Buch aber mal wahnsinnig langweilig ist, dann ist es schon schwierig, bis zum Schluss durchzuhalten. Wenn es hingegen wirklich richtig schlecht ist, dann ist es einfacher, weil es mich dann häufig zum Lachen bringt. Eine Form von Galgenhumor. Aber Kritiken werden nicht nur geschrieben, um etwas zu loben, sondern auch, um mal dezent und sachlich auf die Finger zu klopfen. Nur muss jede Kritik auch stets begründet sein.

ll: Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt: „Der Kritiker ist kein Richter, er ist der Staatsanwalt oder der Verteidiger.“ In welcher Rolle siehst Du Dich eher?

Haupt: Das wechselt stetig, je nachdem, was ich lese. Es gibt beispielsweise den Fall, dass immer sehr abwertend über die sogenannte „Chick-Lit““ (Frauen-Literatur) gesprochen wird. Davon halte ich wenig. Auch, wenn ein Buch – oder ein Genre – mir persönlich nicht zusagt, muss ich doch schauen, an welche Leserschaft es adressiert ist, und wie es sich im Verhältnis zu anderen Werken aus dem Bereich verhält. Schnell ist man dann an dem Punkt, dass man sagen kann: „Hey, das ist vielleicht für Euch keine hohe Literatur, allerdings bedient es das Genre ganz ausgezeichnet und ist für seine Adressaten auch wirklich mit Mehrwert verfasst.“ Da verteidige ich natürlich auch mal ganz gerne. Allerdings gibt es dann auch wieder Fälle, in denen ich von der Lektüre sichtlich angenervt bin und auch mal gerne angriffslustiger im Tonfall werde. Demnach würde ich mich konkret in keine Schublade stecken lassen wollen.

ll: Im digitalen Zeitalter wird Kritik zwar demokratischer, aber auch beliebiger, da jeder seine Meinung online kundtun kann. Welche Rolle hat die gute alte Literatur-Rezension da für Dich?

Haupt: Sie hat im Grunde genommen dieselbe Rolle wie immer. Zumindest hat die Literaturkritik in Deutschland ohnehin nie viel Platz eingenommen, wenn man es mal ganz streng betrachtet. Ich befürworte es absolut, dass Menschen sich im Internet über Literatur austauschen, ihre Meinung kundtun. Einfach, weil dadurch Literatur so viel lebendiger wird. Das Lesen an sich vor allem, denn im Grunde genommen ist es ansonsten eine sehr einsame Tätigkeit. Dennoch hebt sich eine durchdachte Literaturkritik natürlich von Buch-Blogs oder anderen Formaten ab. Man kann ganz viel schwarz malen oder aber diesen Ruck einfach mit offenen Armen empfangen. Zudem habe ich erst vor kurzem einen tollen Artikel auf boersenblatt.net gelesen – von der Bloggerin Caterina Kirsten. Es gibt leider dieses weit verbreitete Missverständnis, dass Blogger sich selbst als Kritiker begreifen, obwohl sie einfach nur auf ihre Art und Weise über Literatur schreiben wollen. Und genau das ist auch ihr gutes Recht.

ll: Über einhundert Folgen der „Seitenansichten“ liegen hinter uns. Was denkst Du – wo stehen wir bei Folge 200? Können wir unseren Leserinnen und Lesern noch neue Perspektiven bieten? Wohin könnte sich unsere Kolumne entwickeln? Gibt es Schwerpunkte?

Haupt: Also irgendwann muss ich mir eine größere Wohnung suchen, damit ich weiter meiner neurotischen Lesesucht – und der Erweiterung meiner Privatbibliothek – nachgehen kann. Das steht schon mal fest. Um es aber ernsthafter auszudrücken: Die Seitenansichten bleiben definitiv erhalten, jedoch habe ich natürlich noch einige weitere Pläne. Seit Juni diesen Jahres gibt es nun monatlich ein Special, das sich mit Literatur beschäftigt, und ich habe das alles thematisch schon bis Ende 2015 durchgeplant. Darunter finden sich dann Interviews, etwas längere Artikel über bestimmte literarische Zeitabschnitte, konkrete Genres oder Institutionen, die einmal ein fester Bestandteil des literarischen Lebens waren. Oder es noch immer sind. So wie eben der Artikel über die Buchhandlung „Shakespeare & Company“. Die Möglichkeit, die Kolumne als Spielwiese zu benutzen, um einfach noch viel mehr über Literatur zu schreiben, und nicht nur in der Kritik zu versacken, ist ganz wunderbar und bringt unseren Lesern hoffentlich auch noch einen Mehrwert. Schließlich lese ich nicht nur Bücher, sondern beschäftige mich mit Literatur auch im Großen und Ganzen sehr viel. Diese spannenden Themen und Diskussionen, auf die ich treffe, unseren Lesern vorzuenthalten, wäre aus meiner Sicht ein Fehler. Was mögliche Schwerpunkte angeht, kann ich jedoch sagen, dass ich auch mehr Kinder- und Jugend-Literatur einbinden möchte, da ich dort wirklich eine Grauzone erkenne. Leider wird gerade den jungen Lesern oft so viel Mist vor die Nase gesetzt, und es ist auch relativ schwierig, sich über Kinder- und Jugend-Literatur angemessen zu informieren. Wobei doch gerade diese den Grundstein legt. Das ist eine kleine, aber klare Herzensangelegenheit für mich, mehr gute Kinder- und Jugend-Bücher ausfindig zu machen und diese dann zu empfehlen.

ll: Letzte Frage an Dich als Literatur-Liebhaberin: Was macht für Dich ein gutes Buch aus?

Haupt: Das ist eine sehr schwierige Frage, zumal ich mit den Lese-Jahren unglaublich pingelig geworden bin, was Bücher angeht. Gewisse Dinge müssen einfach stimmen. Dazu gehört, dass mir sprachlich eine Welt eröffnet wird, zu der ich auch Zugang finde. Dann sollte mir das Niveau auch zusagen. Das heißt nicht, dass ich keine Geschichte lesen will, in der nicht auch mal gepflegt „ficken“ und „saufen“ steht, aber die Ausdrucksweise muss sich der Geschichte, dem Inhalt anpassen. Dann darf und soll es auch gerne mal ordentlich dreckig werden. Die Geschichte muss etwas in mir auslösen. Im besten Falle ist das Geschriebene so umwerfend, dass mich ganze Sätze so beeindrucken, dass ich sie mir aufschreibe und an die Wand hänge. Wenn ich ein wirklich gutes Buch lese, dann merkt man es daran, dass ich entweder laut lache, bitterlich weine, oder einfach für Stunden gar nichts mehr sage, weil die Geschichte so tief ging. Ich liebe davon auch wirklich jeden Zustand.

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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(Foto: Susanne Haupt)

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Kategorien: Literatur, Menschen

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