Matthias Rohl
26. August 2008

Filmgeschichte(n): „Blade Runner“

Die Mensch-Maschine, die vom Einhorn träumt: Ridley Scott schuf in postmoderner Bricolage eine futuristische Film-Noir-Vision der Extraklasse

Los Angeles, November 2019. Grell leuchtende Flug-Reklame-Fahrzeuge durchschneiden den regensatten Nachthimmel, Nebelschwaden wabern über feuerspuckenden Maschinenparks, beklemmender Industrie-Müll-Dunst legt sich über die sterbende Techno-Kerker-Hölle dieses Future-Noir-Molochs. Ex-Polizist Rick Deckard (Harrison Ford) wird angeheuert, vier geflohene Replikanten zu töten, die aus Weltraum-Kolonien geflohen und auf die Erde zurückgekehrt sind, um von ihrem Schöpfer Eldon Tyrell (Joe Turkel) mehr Leben zu verlangen. Ihrem Anführer Roy Batty (Rutger Hauer), synthogenetisches Elite-Modell der Nexus-6-Serie, läuft die Zeit davon, denn seine Programmierung wird ihn in den nächsten Stunden sterben lassen – ein perfider Mechanismus, den Tyrell einst erdachte, um die Menschen vor der Überlegenheit der biomechanischen Androiden zu schützen. Auf dem Dach eines verotteten Hauses, hoch über den Straßenschluchten der Stadt, begegnen sich Deckard und Batty zum Showdown, den nur einer überleben kann…

“Blade Runner”, Filmplakat

Feuerwerk der kulturgeschichtlichen Zitate: „Blade Runner“, Filmplakat

Sehnsucht nach Computerwelt

„Blade Runner“ (1982) gehört zu den beeindruckendsten Werken der Kinogeschichte und ist das Opus Magnum des Regisseurs Ridley Scott. Von Alan Parker geadelt als „the greatest visual stylist working today“, gelang Scott mit diesem Film das seltene Kunststück, die visuellen Paradigmen früherer Dekaden zuzuspitzen und zu einer neuen, aufregenden Synthese zu verschmelzen: „Es ist der Versuch, das naive direkte Kino der großen Meister des alten Hollywood (Hawks, Ford) mit den durch das Kino-Bewusstsein getrübten Träumen der jungen französischen Regisseure der sechziger Jahre (Godard) und diese wiederum mit der modernen Welt der Computer und der wiedererwachten Sehnsucht nach Märchen und nach Poesie zu verbinden“ (Tagesspiegel). Scott, Absolvent des „London’s Royal College of Art“ und früherer Werbefilmer, entfacht ein Feuerwerk der kunstgeschichtlichen Zitate, philosophischen Diskurse, biblischen Anspielungen und cineastischen Referenzen – eine wahre Leistungsschau postmoderner Bricolage inmitten des „No-Future“-Lebensgefühls der 80er-Jahre.

“Blade Runner”, Szenenfoto

In höchster Not: Harrison Ford als Rick Deckard

Das Auge, Organ der Erkenntnis

Schon die ersten Sequenzen verraten indes die Schlüsselmetapher des Auges als Organ der Erkenntnis, die den gesamten Film durchzieht. Die Kamera schwebt auf einen pyramidenhaften Bau zu, Hauptsitz der Tyrell-Corporation, die das Geschäft der Replikanten-Produktion betreibt. Die Pyramide weckt Assoziationen des göttlichen Auges, das alles sieht. „Gott der Biomechanik“ – so wird Dr. Tyrell, ein postmoderner Wiedergänger Dr. Frankensteins, genannt. Die Eingangsszenerie spiegelt sich in der Iris eines blauen Auges, das über die gesamte Leinwand erstrahlt. Und – das Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Maschine liefert der Voight-Kampff-Test, bei dem die Iris-Reaktionen des Befragten beobachtet werden: das Auge als Fenster der Seele. Als Rachael (Sean Young), die Deckard aus Liebe das Leben rettet, von ihm erfährt, dass auch sie eine Replikantin ist und ihre menschlichen Erinnerungen nur Implantationen der Nichte Tyrells sind, weint sie. Im Bewusstsein um ihre Künstlichkeit nimmt ihr Verhalten immer menschlichere Züge an (sie öffnet ihre Haare, spielt Klavier, lernt Küssen) – im theologischen wie ästhetischen Sinne eine faszinierende „Transfiguration“ (Josef Früchtl). Es sind die Maschinen, die humanoide Züge annehmen, während ihre menschlichen Schöpfer deutliche Insignien unterkühlt-sadistischer Maschinen tragen.

“Blade Runner”, Szenenfoto

Die Maschine nimmt menschliche Züge an: Rurger Hauer als Roy Batty

Tränen der Erinnerung

Als Rick Deckard – dessen Name eine phonetische Anspielung auf Rene Descartes ist, den Begründer der neuzeitlichen Philosophie („cogito ergo sum“) – im Finale rettungslos am Abgrund einer Häuserschlucht hängt, rettet ihn Roy Batty, der blond-blauäugige No-Future-Siegfried, in letzter Sekunde. Wir erleben die Verwandlung von der mordenden, kybernetischen Maschine zur verletzlich-trauernden Existenz. Batty sucht nach einer Erklärung für sein Dasein und dessen Verlängerung. Die Entdeckung des Todes, der Endlichkeit, erzeugt einen Sinnüberschuss auf ein „Noch-nicht“, der in seiner Virtualität mit Bedeutung aufgeladen werden muss. Die Szene, in der Batty seinen „Vater“ (Tyrell) ermordert, inszeniert Scott referenzreich als mythisch-biblischen Akt des „Auge um Auge“. Jetzt aber, im Angesicht des nahenden Todes zeigt der Maschinen-Mensch jene Sensibilität, die ihn in den Stand der moralischen Würde erhebt. Er wurde menschlicher, je länger er lebte, denn seine Erinnerungen begannen ein Eigenleben. Und so tritt er ab mit einem ergreifenden Schlussmonolog, der Deckard Staunen und Achtung abringt: „Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkel, nahe dem Tannhäuser-Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit. So wie Tränen im Regen. Zeit zu sterben.“

PS: Warum Rick Deckard im „Director’s Cut“ des Films vom weißen Einhorn träumt, wird an dieser Stelle selbstverständlich nicht verraten!

nächste Folge:
„Fallen Angels“
Er ist der Godard der MTV-Generation und Quentin Tarantino sein größter Fan: Hongkong-Regie-Star Wong Kar-wai zelebriert „Gemälde in Bewegung“

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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