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Auf ins Ungewisse!

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: der Bundesliga-Auftakt beim SV Darmstadt 98

Mit einem Fassungsvermögen von 17.000 Zuschauern das zweitkleinste Stadion der Bundesliga: das Merck-Stadion am Böllenfalltor

Heute Abend startet die Bundesliga in ihre 53. Spielzeit. Den Auftakt machen die Bayern gegen den arg gebeutelten Hamburger SV, der wie schon im Vorjahr nur mit Ach und Krach die Klasse halten konnte. Hannover 96 hingegen spielt am Samstagnachmittag pünktlich um 15.30 Uhr beim Aufsteiger Darmstadt 98. Und auch wenn man als 96-Anhänger am Ende der letzten Saison massiv ins Zittern kommen musste: Hannover 96 ist erstklassig geblieben und hat, gemeinsam mit den Fans, den Karren noch aus dem Dreck ziehen können.

Umbruch in der Offensive

In der Zwischenzeit ist viel passiert in Hannover. Der Ende August scheidende Sportdirektor Dirk Dufner hat im Sommer viele Spielertransfers getätigt und dabei quasi eine neue Offensive geformt. Joselu, Didier Ya Konan, Leonardo Bittencourt, Jimmy Briand und Jan Schlaudraff verließen den Club ebenso wie Torhüter Robert Almer und die Defensivspieler Christian Pander, Joao Pereira und Marius Stankevicius. Doch so schwer wie der Transfer von Kapitän Lars Stindl zu der Gladbacher Borussia wiegt keiner dieser Abgänge. Stindl war Antreiber, Dirigent, Kämpfer und loyaler Leitwolf der Mannschaft – ohne ihn wäre Hannover 96 vermutlich längst nicht mehr erstklassig. Ihn in der neuen Saison eins-zu-eins zu ersetzen, ist nkaum möglich. Die Last wird sich daher auf mehreren Schultern verteilen müssen, unter anderem auf der des neuen Kapitäns Christian Schulz. Ansonsten heißt es: Auf ins Ungewisse!

Vorhang auf für die Neuen

Strategie der Roten war es ganz offensichtlich, in diesem Sommer nur junge Spieler mit Perspektive zu verpflichten. Als kurzzeitig Gerüchte um den Ex-Bayern-Stürmer Claudio Pizarro aufkamen, wiegelte die Klubführung direkt ab – mit Verweis auf das Alter des Spielers. Den eingeschlagenen Jugendstil verfolgte Dufner ziemlich konsequent: Wie ich erhofft hatte, wilderte der Sportdirektor endlich bei seinem abgestiegenen Ex-Klub SC Freiburg. Mit Oliver Sorg für die defensiven und Felix Klaus für die offensiven Außenbahnen kamen zwei entwicklungsfähige, aber bundesligaerprobte Spieler aus dem Breisgau an die Leine. Desweiteren wurde Charlison Benschop aus Düsseldorf verpflichtet, der mit 13 Toren und vier Vorlagen in der Zweiten Liga ein ordentliches Bewerbungsschreiben abgab. Ebenfalls neu im Team ist der 22-jährige, quirlige Däne Uffe Bech sowie der Torhüter Philipp Tschauner. Zudem wurde lange nach einem torgefährlichen Stürmer Ausschau gehalten. Ihn fand Dufner in dem 28-jährigen Türken Mevlüt Erdinc. Erdinc kommt vom AS St.Etienne, spielte bereits bei Paris St. Germain und hat in der Ligue 1 eine bemerkenswerte Quote von 110 Torbeteiligungen aus 256 Spielen. Und noch einen Spieler aus Frankreich konnte Dufner zu einem Engagement bei den Roten bewegen: Allan Saint-Maximin. Der 18-jährige Flügelflitzer kam per Leihe und zeigte in den Testspielen bisher gute Ansätze, wirkte aber noch etwas zu verspielt.

Euphorisierte Lilien

In der Vorbereitung haben sich die Spieler von Hannover 96 allerdings noch nicht mit Ruhm bekleckert. In vier der fünf Testspiele konnten die Roten keinen eigenen Treffer erzielen. Die neuformierte Offensive muss sich augenscheinlich noch finden. Im Pokal wurde die Pflichtaufgabe bei Hessen Kassel mit 2:0 erledigt, aber ein schönes Spiel war das nicht. Nun trifft Hannover auf den durchmarschierenden Überraschungs-Aufsteiger SV Darmstadt 98. Die Darmstädter wandten vor zwei Jahren eine drohende Insolvenz und den damit verbundenen Zwangsabstieg ab aus der Dritten Liga gerade noch so ab und stiegen in der Folgesaison überraschend auf. Doch den Lilien war das nicht genug und so sorgte das Team von Trainer Dirk Schuster nur ein Jahr später für die nächste Sensation – den ersten Aufstieg in die Bundesliga seit 33 Jahren. Doch damit es Darmstadt nicht so ergeht, wie manch anderen überraschenden Aufsteigern der letzten Jahre, die an ihren Aufstiegshelden festhielten, wurde kräftig an der Mannschaft gebastelt. Mehrere gestandene und bundesligaerfahrene Akteure wurden geholt. Aufgrund dieser Konstellation ist es noch ziemlich schwierig, einzuschätzen, was diese Mannschaft zu leisten in der Lage ist. Im Pokal setzten sich die Lilien bei TuS Erndtebrück mit einem klaren 5:0 durch. Und in der Zweiten Liga hatte das Team das Abwehrbollwerk schlechthin: 17 Zu-Null-Spiele und insgesamt nur 26 Gegentore.

Droht ein Stotterstart?

In Hannover ist man nach der ernüchternden letzten Saison weit davon entfernt, wie früher von Europa zu sprechen oder gar zu träumen. Im Gegenteil: Bei manchen Experten stehen die Roten hoch im Kurs, wenn es um die Vergabe der Abstiegsplätze geht. Trainer Michael Frontzeck wird wohl schon früh in der Saison unter Druck stehen, wenn die Ergebnisse nicht stimmen sollten. Und genau das befürchte ich, da sich die Offensive scheinbar noch finden muss und der Abgang von Stindl ein sehr großes Loch hinterlassen hat. Momentan sehe ich in Salif Sané den einzigen Spieler, der dieses Loch ansatzweise füllen kann, jedoch fehlt es ihm noch an Torgefahr. Dennoch wird sich Sane zum Führungsspieler entwickeln. Klar scheint, dass 96 in den ersten Wochen der neuen Bundesligasaison keinen spektakulären Hurra-Fußball zelebrieren wird, sondern viel mehr Wert auf die defensive Stabilität setzt und sein Glück im schnellem Umschaltspiel sucht. Quasi Slomka-Fußball reloaded. Das morgige Spiel in Darmstadt könnte also eine zähe Partie werden, bei der 96 auf zwei alte Bekannte trifft: Konstantin Rausch und Jan Rosenthal spielen für die Lilien. Drei Punkte wären eigentlich Pflicht, wenn man 96 nichts mit dem Abstiegskampf zu schaffen haben will, doch Darmstadt ist zum Auftakt ein äußerst unangenehmer Gegner: Am Böllenfalltor wird noch die Aufstiegseuphorie zu spüren sein. Ich ahne nichts Gutes und tippe auf eine 1:2-Auftaktniederlage für Hannover 96. Die Reise ins Ungewisse kann beginnen.

Samstag, 15. August 2015, 15.30 Uhr:
SV Darmstadt 98 – Hannover 96

(Foto: Thorsten Halm/Wikipedia, Copyright: CC BY-SA 3.0 [1])

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