Jörg Smotlacha
17. August 2015

Die unschuldige Pampa

Seitenansicht: „Der unerträgliche Gaucho“ von Roberto Bolaño

Zwischen Realität und Fiktion: Roberto Bolaños „Der unglaubliche Gaucho“, Buchcover

Es gibt verstorbene Autoren, deren Werk hinlänglich bekannt ist, und Autoren, bei denen sich auch posthum immer noch neue Perlen entdecken lassen. Zumindest dann, wenn man nicht auf antiquarische, fremdsprachige Originalausgaben zurückgreifen kann. Der cilenische Schriftsteller Roberto Bolaõ ist so ein Fall. Die Flut an neuen deutschsprachigen Veröffentlichungen des 2003 viel zu früh an einer Leberzirrhose verstorbenen Autors ist noch immer beachtlich. So ist jetzt die lange vergriffene Erzählungs- und Essay-Sammlung „Der unerträgliche Gaucho“ endlich als Taschenbuch im Fischer Verlag neuerschienen. Und ohne zu viel vorwegzunehmen: Auch dieser Bolaño-Band bietet wieder eine wahre Fundgrube an skurrilen und phantasievollen Beispielen für die Erzählkunst des Autors, insbesondere für Freunde der lateinamerikanischen Literatur. Denn wie Bolaño Realität und Fiktion vermischt, ist immer wieder aufs Neue eine große Freude.

In der Titelgeschichte, die zur Zeit der argentinischen Wirtschaftskrise spielt, flüchtet der Rechtsanwalt Pareda vor dem Chaos in Buenos Aires und flieht auf einen alten Familiensitz, der tief in der Pampa liegt. Fortan verliert er sich in Kneipengesprächen, Schwärmereien von der „unschuldigen“ Pampa, die das wahre Argentinien sei, ist umgeben von kannibalistischen Kaninchen und endet in düsterem Wahnsinn. Das alles ist natürlich ein Spiegel der historischen Ereignisse in Argentinien und bei Bolaño wie immer voller Anspielungen auf die Literaturgeschichte und die politischen Geschehnisse, so zum Beispiel den Militärputsch von 1976, auch wenn „Der unerträgliche Gaucho“ eigentlich im späten 19. Jahrhundert spielt.

In der Fantasy-Story „Der Rattenpolizist“ hingegen gibt sich Bolaño eher kafkaesk. Die titelgebende Ratte José lebt in einem Labyrinth voller Kanalrohre. Angesichts einer blutrünstigen Mordserie ermittelt José in einem unwirklichen System von Tunneln, toten Nebenleitungen und alten Abwasserrohren. Er findet ein ermordetes Ratten-Baby mit einem Knebel im Mund und Ratten-Leichen mit Bisswunden. Den schrecklichen Verdacht, den er hat, darf er allerdings nicht aussprechen, denn seine Vorgesetzten untersagen es ihm: Ratten töten keine Ratten.

Weniger düster, dafür aber umso amüsanter ist „Die Reise des Alvaro Rousselot“, in der Bolaño sowohl die lateinamerikanische als auch die französische Literatur und ihre Protagonisten parodiert. In der Geschichte sucht der argentinische Autor Rousselot in Paris nach einem Filmemacher, der ungefragt zwei seiner Romane verfilmt hat und sich dabei sowohl als Plagiator als auch als größter Fan des Argentiniers geoutet hat. Es ist äußerst lesenswert, mit wieviel Phantasie Bolaño die diversen Bücher des imaginären Autors beschreibt und über deren Erfolg oder Misserfolg sinniert. Dass der dröge Schriftsteller Alvaro Rousselot ganz nebenbei in der „Stadt der Liebe“ auch noch zum Latin Lover wird, ist da nur eine weitere hübsche Anekdote.

Dass Bolaños Geschichte immer wieder von der Literatur und den Literaten handelt, ist nicht neu. Folgerichtig heißt eine weitere Story „Literatur + Krankheit = Krankheit“. In ihr kommt Bolaño zu einer Erkenntnis, die sein Werk geprägt hat: „Die Bücher sind endlich, die sexuellen Begegnungen sind endlich, aber das Verlangen, zu lesen und zu vögeln, ist unendlich.“ Hoffentlich ist die Fülle der weiteren Veröffentlichungen dieses Ausnahme-Autors ebenfalls unendlich.

Roberto Bolaño: „Der unerträgliche Gaucho“, Roman, 192 Seiten, Fischer Taschenbuch

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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