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Zwei Mann im Abseits

Abseits – Hannover 96 vor dem Spieltag. Morgen: das erste Saison-Heimspiel gegen Bayer 04 Leverkusen. Zeit für einen Fußball-Talk in der langeleine-Redaktion

Hannover 96 hofft morgen auf gute Stimmung – auch in der vollbesetzten Nordkurve

Jörg Smotlacha: Marcel, Hannover 96 ist mit einem wilden 2:2 in Darmstadt in die neue Saison gestartet. Nicht Fisch, nicht Fleisch sozusagen. Doch es war nicht alles schlecht, und Du hattest vor dem Spiel eine Auftaktpleite vorausgesagt. Stimmt Dich der gewonnene Auswärtspunkt optimistischer?

Marcel Seniw: In der Tat! Meine größte Sorge galt der Offensive – ohne Tore keine Punkte. Doch gegen die Darmstädter zeigte sich, dass 96 überraschend wohl eher in der Defensive Aufholbedarf hat. Bei beiden Gegentoren hat unser Copa America-Meister Miiko Albornoz nicht unbedingt gut ausgesehen. Beide Mannschaften hätten siegen können, doch am Ende geht das Remis gegen die aufstiegseuphorisierten Lilien in Ordnung. Wäre da nicht der fade Beigeschmack des verschossenen Elfmeters von Mevlüt Erdinc.

Jörg Smotlacha: Es gab immerhin eine ganze Reihe guter Ansätze. Im Gegensatz zu den Testspielen strahlten die Roten durchaus Torgefahr aus, die Standards waren brandgefährlich und Charlison Benshop traf direkt nach seiner Einwechslung. Trotzdem gab es auch Abstimmungsschwierigkeiten. Könnten Sportdirektor Dufner und Trainer Frontzeck richtig gelegen haben, wenn sie der Auffassung sind, die Mannschaft braucht einfach ein bisschen Zeit?

Marcel Seniw: Das sehe ich auch so. An Torgefahr mangelte es nicht, was meiner Meinung nach auch an der Umstellung in der Habzeit auf die Doppelspitze lag. Mit Charlison Benschop, der heute übrigens seinen 26. Geburtstag feiert, kam mehr Zug zum Tor ins Spiel. Neben seinem Treffer steuerte Benshop ja auch noch die Flanke zum Elfmeter bei. Doch zurück zur Frage: Ja, die sportliche Leitung liegt mit ihrer Einschätzung richtig. Noch fehlt einfach das vielzitierte „blinde Verständnis“. Was jedoch Mut machen dürfte, ist die Tatsache, dass man gegen einen tief und kompakt stehenden Gegner dennoch Antworten gefunden hat.

Jörg Smotlacha: Der Zeitpunkt, zu dem Dufner seinen Abschied verkündet hat, ist zumindest ungewöhnlich. Ist der Mann einfach nur mutig oder liegt da bei Hannover 96 strukturell etwas im Argen?

Marcel Seniw: Liegt bei 96 nicht schon seit Ewigkeiten etwas im Argen? Warum hat es den erfolgreichsten Manager der jüngere Vereinsgeschichte, Jörg Schmadtke, von Hannover an den Rhein verschlagen? Wohl auch wegen der Familie, aber in erster Linie würde ich sagen: wegen Martin Kind. Ein entspanntes Arbeiten ist bei Hannover 96 einfach nicht möglich, da der Präsident seinen Angestellten nicht nur ständig im Nacken sitzt, sondern auch gern mal Interna in die Fußballwelt hinausposaunt und seine Leute an den Pranger stellt. Dirk Dufner wurde das nächste Opfer. Ständig musste Dufner sich mit seiner Zukunft im Verein von den Medien konfrontieren lassen, so dass er gefühlt schon vor dem letzten Spieltag der vergangenen Saison vom Hof gejagt wurde. Der Zeitpunkt kommt mir nun zwar auch komisch vor – warum einen scheidenden Sportdirektor noch auf Shopping-Tour schicken, wenn er sowieso den Verein verlässt? -, doch ich stelle mal die These auf, dass 96 sich aufgrund des Rufes von Martin Kind nicht mit einem Nachfolger einigen konnte. So wurde Dufner verklickert, dass er doch bitte noch eine neue Offensive zusammenbasteln soll und dann seinen Rücktritt erklären darf. Anders kann ich mir den wirklich sehr seltsamen Zeitpunkt seines Rücktritts nicht vorstellen. Zumindest wahrt er so sein Ansehen.

Jörg Smotlacha: Morgen beim Spiel gegen Bayer Leverkusen kann 96 – im Gegensatz zu weiten Teilen der letzten Saison – immerhin wieder mit der Unterstützung seiner Fans rechnen. Hält der Deal zwischen den Ultras und Martin Kind? Oder bricht der Burgfrieden irgendwann?

Marcel Seniw: Ich hoffe Martin Kind hat verstanden, dass sich die Ultras einfach nicht ersetzen lassen. Wurde anfangs noch großspurig die Meinung nach außen getragen, dass andere Fan-Gruppierungen einspringen würden, musste dies zum Ende der Saison korrigiert werden. Die Stimmung war unterirdisch und nach jedem Gegentor kam Gegenwind in Form eines Pfeif-Konzertes. So unterstützt man kein verunsichertes Team. Mit den Ultras kam das Aufbäumen gegen den Abstieg – und ich rechne ihnen einen großen Anteil am Klassenerhalt zu. Dennoch bin ich mir sicher, dass es nicht das letzte Kapitel des gestörten Verhältnisses zwischen den Ultras und Martin Kind bleiben wird. Vielleicht wird es eine ruhigere Saison, aber der nächste große Knall steht sicher bevor. Spätestens 2018, wenn Martin Kind dank seines 20-jährigen Engagements bei Hannover 96 die „50 plus 1“-Regelung umgehen und Mehrheitseigner der Profi-Abteilung werden kann.

Jörg Smotlacha: Kommen wir zum morgigen Gegner: Auch Bayer Leverkusen startete ein bisschen holprig in das neue Jahr. Es gab einige enttäuschende Testspiel-Niederlagen und dem knappen 2:1-Auftaktsieg gegen Hoffenheim folgte ein 0:1 bei Lazio Rom, das Bayer 04 die Champions League kosten könnte. Kann es 96 morgen gelingen, mit der Werkself auf Augenhöhe zu spielen?

Marcel Seniw: Auch wenn ich das in der letzten Woche noch nicht geglaubt hätte: Ja, Hannover 96 kann an diesem Samstag mit Bayer 04 auf Augenhöhe agieren. Die Leverkusener sind speziell in der Defensive von Verletzungen arg gebeutelt. Und nun hat sich auch noch der absolute Wunschspieler Charles Aranguiz die Achillessehne gerissen. Für Leverkusen läuft es nicht gerade rund, und ich gehe stark davon aus, dass der eine oder andere Stammspieler in Hannover auf der Bank sitzen wird, da es am kommenden Mittwoch im Rückspiel gegen Rom um viel Champions Laegue-Geld geht. Ein Aus wäre gleichbedeutend mit einem hohen Einnahmeverlust von rund 20 Millionen Euro und deshalb wird Leverkusen seine Stars eventuell schonen. Ebenso ist aber auch denkbar, dass Roger Schmidt seine beste Elf aufs Feld schickt, damit diese Rhythmus aufnehmen kann. Das würde bedeuten, dass der quirlige Nationalspieler Karim Bellarabi über die Seite des am letzten Wochenende enttäuschenden Miiko Albornoz angreift. Ebenfalls ein interessantes Duell wird das von Mevlüt Erdinc und/oder Carlison Benschop gegen Jonathan Tah.

Jörg Smotlacha: Last but not least: Dein Tipp für morgen?

Marcel Seniw: Wir sollten wieder den Mittelwert aus unseren Tipps bilden, Jörg. Das hat ja letzte Woche auch geklappt! Also gut, ich probiere es aufs Neue. Ich gehe von einer intensiven Partie mit einigen Toren auf beiden Seiten aus. Mit den Ultras im Rücken, der Verletztenmisere der Leverkusener und aufgrund der Tatsache, dass Bayer nächste Woche gegen Rom ein ganz wichtiges Spiel vor der Brust hat, tippe ich auf ein packendes 3:2 für Hannover 96.

Jörg Smotlacha: Damit das mit dem Mittelwert so bleibt, tippe ich ebenfalls optimistisch. Hannover gewinnt 2:1. Ich freue mich auf das Spiel, Marcel. Wir sehen uns im Block!

Samstag, 22. August 2015, 15.30 Uhr:
Hannover 96 – Bayer 04 Leverkusen

(Foto: Marcel Seniw)

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