Susanne Viktoria Haupt
7. September 2015

Leben, lieben, leiden

Seitenansicht: „Stoner“ von John Williams

Ein einfacher Mann und sein Leben rund um die Literatur: „Stoner“ von John Williams, Buchcover

William Stoner wächst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einfachen, wenn nicht sogar ärmlichen Verhältnissen auf. Zusammen mit seinen Eltern wohnt er auf einer kleinen Farm in Missouri und hilft seinem Vater von Kindesbeinen an bei der Bewirtschaftung der Felder. Zum Leben reicht es kaum aus, dennoch greifen seine Eltern nach einem lebensverändernden Strohhalm: William soll die University of Missouri besuchen, um dort ein Studium der Landwirtschaft aufzunehmen. Seine Eltern erhoffen sich davon, dass ihr einziger Spross dort die neuesten Techniken erlernt, damit es künftig mit der kleinen Farm besser läuft. Untergebracht wird er auf einer Farm von mürrischen Bekannten seiner Eltern, auf der er sich neben seinem Studium Kost und Logie und das Geld für die Universität verdienen soll. Alles scheint in geordneten Bahnen zu laufen. William ist zwar kein wirklich passionierter Mensch, weder für die Landwirtschaft, noch für etwas anderes, aber dennoch kommt er dem Wunsch seiner Eltern nach. Sogar neue Kleider haben sie ihm gekauft, und das Universitätsleben, und die damit verbundene Atmosphäre ziehen William in seinen Bann. Neben seinen Seminaren und Vorlesungen über die Landwirtschaft muss er jedoch auch andere Kurse besuchen, die mit seinem Fach nichts zu tun haben und so landet er beim kauzigen Professor Archer Sloane im Einführungskurs über englische Literatur. William, der es bisher noch nie so mit der Literatur gehalten hat, tappt direkt in eine Falle von Sloane und blamiert sich vor dem Kurs bis auf die Knochen. Während sich andere Studenten gedemütigt zurückgezogen hätten, leckt William aber plötzlich Blut für die Literatur und brilliert mit einem außergewöhnlichen Engagement.

Schnell ist klar, dass Williams eigentliche Berufung in der Literaturwissenschaft liegt. Ohne das Wissen seiner Eltern wechselt er den Studiengang und absolviert sogar den Magister, um anschließend unter Archer Sloane eine Doktorandenstelle anzutreten. William Stoners Weg scheint auf einmal klar zu sein. Gemeinsam mit zwei Freunden aus dem Literatur-Studium beginnt er nicht nur seine Doktorarbeit, sondern bekommt ebenfalls eine Assistenzstelle. Zudem verliebt er sich auf einer Party in die schöne, wenn auch fragile und undurchschaubare Edith. Widerwillig lässt sich Edith auf eine Heirat mit dem unscheinbaren William ein, der ihr jedoch nie das bieten kann, was sie eigentlich vom Leben erwartet. Und so mündet sein Privatleben nicht nur in einer unheilvollen Katastrophe, sondern auch seine Lehrtätigkeit wird vom Krieg überschattet. Zudem stellen sich ihm immer weitere Steine in den Weg, die er mit großer Mühe versucht, zu beseitigen…

Der Inhalt von „Stoner“ klingt so unaufgeregt wie sein Protagonist, und dennoch ist es John Williams 1965 mit diesem Roman gelungen, einen wirklich wichtigen, in schlichter, aber bezaubernder Poesie gehaltenen, großartigen amerikanischen Roman zu schreiben. Williams Sprache und sein Erzählstil sind so eindringlich, dass es den Lesern wahrlich schwer fällt, das Buch auch nur eine Sekunde aus der Hand zu legen. Seine Wortwahl wirkt wie Balsam und niveauvolles Stilmittel zugleich. Sein Protagonist erscheint im Licht eines tragischen, aber sympathischen Helden, der das Mitgefühl des Lesers stets auf seiner Seite hat. So großartig dieser Roman auch ist, so ging er dennoch nach seiner Erstveröffentlichung 1965 unter und wurde erst 2006 wiederentdeckt und neu verlegt. Womit John Williams, der 1994 verstarb, wahrscheinlich nicht mehr gerechnet hatte. Umso schöner, dass sein Roman in den vergangenen Jahren endlich den gebührenden Durchbruch erlebte und sowohl von Lesern als auch von Kritikern in den höchsten Tönen gelobt wurde. Vollkommen zu recht, denn John Williams hat mit „Stoner“ einen Roman geschrieben, der ebenso bedeutsam ist wie die Werke von John Steinbeck. Man sollte sich nicht täuschen lassen von dem nüchternen Tonfall Williams und auch nicht von der gut konstruierten Story, sondern sich einfach einfangen lassen von der greifbaren Atmosphäre, die Williams dank seiner Sätze so wunderbar transportiert. Ebenso, wie sich sein Protagonist William Stoner von der Atmosphäre der Universität hat fangen lassen. Ein großer Roman, der seinen Platz in jedem Buchregal unbedingt verdient hat.

John Williams: „Stoner“, Roman, 352 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN-13: 978-3423280150, 19,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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