Susanne Viktoria Haupt
21. September 2015

Eine poetische Dystopie

Seitenansicht: „Das Licht der letzten Tage“ von Emily St. John Mandel

Schon das Cover lädt dazu ein, die Nase zwischen die Seiten zu stecken: „Das Licht der letzten Tage“ von Emily St. John Mandel

Dystopische Romane liegen spätestens seit „Die Tribute von Panem“ voll im Trend. Und auch, wenn ich weder von der Roman-Reihe, noch von der Verfilmung sonderlich begeistert war, so schrecken ähnlich gelagerte Romane eingefleischte Bücherwürmer wie mich keinesfalls ab. Bei Emily St. John Mandels Roman „Das Licht der letzten Tage“ gab es gar eine fast magische Zusammenführung. Es gibt nun mal diese Momente, in denen man von einem Roman hört oder ein Bild einer Autorin oder eines Autoren sieht und unmittelbar dieses Gefühl von „Das muss ich lesen“ bekommt. Dass Emily St. John Mandel mit ihrem vierten Roman auch bei meiner Lieblings-Buchhandlung Shakespeare & Company zu Gast war, galt als kleines, aber nicht minder bedeutendes Qualitätsmerkmal. Und ihr aktueller Roman hat es tatsächlich in sich, vor allem an Vielschichtigkeit.

Zusammenbruch der ganzen Welt

Die Geschichte beginnt in einer Welt, die so ist, wie die, die wir kennen. Es ist ein kalter Abend, eine Theateraufführung von Shakespeares Stück „König Lear“ steht bevor, und Arthur, ein zwar mittlerweile betagter, aber nicht weniger passionierter und hervorragender Schauspieler hat die Hauptrolle inne. Doch er kommt nicht weit in dem Stück, denn mitten auf der Bühne bricht er leblos zusammen. Jeevan, ein im Publikum sitzender, junger Sanitäter, versucht noch, erste Hilfe zu leisten, scheitert aber. Am Rande der Bühne entdeckt er die achtjährige Kirsten, die ein großer Theater-Fan ist. Jeevan verlässt das Theater, überladen mit den Eindrücken, und wird von noch mehr fürchterlichen Neuigkeiten eingeholt. Sein guter Freund Hua ruft ihn aus dem Krankenhaus an und berichtet von einer tödlichen Grippe-Epidemie. Jeevan weiß schnell, dass die Zeichen wirklich schlecht stehen. Und er behält mit seiner Vermutung recht. In Windeseile verbreitet sich die mysteriöse Grippe und reißt 99 Prozent aller Menschen in den Tod. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Die Form von Zivilisation, wie wir sie kannten, bricht ein für allemal zusammen. Es bleibt Jeevan, der sich mit seinem Bruder und Unmengen von Lebensmitteln in dessen Wohnung verschanzt.

Licht in aller Dunkelheit

Zwanzig Jahre nach der alles verändernden Epidemie zeichnet Emily St. John Mandel im Folgenden eine Welt, die nicht einmal mehr nur auf das Nötigste reduziert zu sein scheint. In ihr lebt auch die mittlerweile erwachsene Kirsten, die mit einer Gruppe von Menschen umherreist und Theaterstücke aufführt. Nun hätte St. John Mandel sich schlicht und einfach auf das Leben nach der Katastrophe konzentrieren können, dabei jedoch ihre Leser konsequent mit einem unwohlen Gefühl beladen. Schön ist ihre Vision nämlich ganz und gar nicht. Allerdings hat sich die Autorin glücklicherweise dazu entschlossen, immer wieder erzählstarke Rückblenden einzubauen, die nicht nur das Leben vor der Katastrophe im Allgemeinen, sondern auch das der Protagonisten im Besonderen beleuchtet. Arthur, dem die Autorin zu Beginn einzig und allein die Rolle des „Opener“ zugeschrieben hatte, taucht immer wieder auf, und St. John Mandel zeichnet ein intensives Bild über die Vergangenheit des mittlerweile verstorbenen Schauspielers. Positiv wirkt sich aus, dass sich die Autorin der Multiperspektivität bedient und die verschiedenen Charaktere gedanklich mit all ihren Eindrücken und Geschichten zu Wort kommen lässt. Eine Technik, die nicht gerade einfach zu meistern ist, aber von ihr mit Bravour umgesetzt wird.

Viel mehr als nur Post-Apokalypse

In „Das Licht der letzten Tage“ erfahren die Leser viel mehr, als nur die Geschichte einer Katastrophe, sondern erleben eine unglaublich reichhaltige Sammlung von Sehnsüchten und Erinnerungen der Protagonisten und ihren ganz eigenen persönlichen Gedanken. „Das Licht der letzten Tage“ ist ein Roman, der zwar unglaublich viel Spannung in sich trägt, aber wenig davon hält, sich nur an der dargestellten Katastrophe aufzuhalten. Gerade durch die Rückblenden und die sehr persönliche und verdichtete Erzählweise entsteht ein überaus poetischer Roman, der es in Deutschland literarisch durchaus in die vorderen Ränge schaffen sollte. Bleibt nur noch abzuwarten, ob die vorherigen drei Romane von Emily St. John Mandel ebenfalls bald ins Deutsche übersetzt werden. Verdient hätte es die Autorin allemal.

Emily St. John Mandel: „Das Licht der letzten Tage“, Roman, 416 Seiten, Piper Paperback, ISBN-13: 978-3492060226, 14,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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