Susanne Viktoria Haupt
5. Oktober 2015

Wo Glück zur Utopie wird

Seitenansicht: „Die Freien“ von Willy Vlautin

Eine Flagge, die einst einmal bedeutungsvoll für Freiheit stand: „Die Freien“ von Willy Vlautin, Buchcover

Leroy Kevin ist aus dem Irak zurückgekehrt. Nicht in einem Sarg aus Holz, aber gefangen im Trauma-Kokon des Krieges und seiner schweren Verwundungen. Seitdem vegetiert Leroy in einer betreuten Wohngruppe vor sich her, überflutet von Flashbacks, dissoziativen Empfindungen und Träumen, die die Kriegserlebnisse und seine Vergangenheit davor miteinander zu einem fast unerträglichen Sumpf vermischen. In einem kurzen klaren Moment packt Leroy der klare Wunsch, seinem Leben ein Ende zu setzen. Gerettet wird er jedoch von Nachtwächter Freddie, der ihn ein Krankenhaus bringen lässt. Und Freddie hat es auch nicht einfach. An Geld fehlt es vorne und hinten. Er ist kaum dazu in der Lage, die Krankenversicherung für seine Tochter zu zahlen. Vom Strom ganz abgesehen. Sein Job nachts in der Wohngruppe ist nur einer von vielen. Freddie kämpft wie so viele Amerikaner.

Leben als Kampf

So wie Freddie kämpft auch Pauline, eine Krankenschwester im besten Alter, die im Krankenhaus Patienten wie Leroy betreut und sich in ihrer kargen Freizeit um ihren pflegebedürftigen Vater kümmert. Pauline hat nichts von dem, was sich eine Frau wünschen würde. Sie ist für andere da, stopft Löcher, die sofort wieder zerreißen. Aber ihr Herz ist groß. So groß, dass sie sich der jungen Ausreißerin Jo annimmt. Denn auch Jo kämpft. Ums Überleben und vor allem auch ums Gesehenwerden. Leroy, Freddie, Pauline und Jo – sie alle verbindet der bittere Kampf. Dabei geht es nicht um den großen Traum vom Tellerwäscher, der durch Fleiß und Stärke zu Ruhm und Reichtum kommen könnte, sondern um diejenigen, die irgendwie einfach wirklich ganz miese Karten erhalten haben. Und mit einem schlechten Blatt lässt es sich nun mal nur schlecht spielen. Ruhm und Reichtum sind für die Protagonisten in Willy Vlautins neuen Roman „Die Freien“ genau wie Zufriedenheit und Glück reine Utopien. Von Freiheit lässt sich auch nur in ganz hoffnungsvollen und raren Momenten träumen. Denn stets lungert hinter der nächsten Ecke wieder die genickbrechende Realität.

Geschichten, die das Leben leider oftmals schreibt

Es gibt wenige Autoren, die ich gerne über den grünen Klee lobe. Zu dieser kleinen Gruppe zählt jedoch uneingeschränkt der Amerikaner Willy Vlautin. 2011 bekam ich seinen Roman „Northline“ in die Hände und habe mich auf der Fahrt von Deutschland nach Frankreich mit diesem Roman auf die Rückbank eines kleinen Autos zusammengekauert und fürchterlich mitgelitten. Logisch war, dass ich mir anschließend seine beiden weiteren Romane „Motel Life“ und „Lean on Pete“ besorgte und diese ebenso verschlang. Schon in seinen bisherigen Romanen verfolgte Vlautin die Geschichte von Menschen, die sich in einem unendlichen Balanceakt zwischen Normalität und Abgrund befinden. Sie leben nicht, sie überleben nur. Ihre Geschichten kommen dabei so trostlos daher wie ein besonders karger November- oder Februar-Tag. Ihre Probleme sind aber so greifbar wie die Tasse Tee, die man nebenbei trinkt. Ihre Leiden so real wie der Sessel, in dem man sitzt. Jeder der drei bisherigen Romane von Willy Vlautin war ein Akt voller Menschlichkeit. Nichts darin wirkte aufgesetzt, nichts inszeniert. Vlautin schreibt aus dem Blickwinkel des Teils der Gesellschaft, der sich noch unter der unteren Mitte befindet. Stets hat er die im Blick, die in ihrem Leben zu schwere Päckchen mitbekamen und deswegen auch ihr Leben lang daran zu knabbern haben. Es sind Geschichten, die nicht vergessen lassen.

Stark vorgelegt, noch stärker nachgelegt

Als im Februar 2014 Vlautins neuer Roman „Die Freien“ im englischen Original herauskam, war der Begeisterungssturm erheblich. Die internationale Presse überschlug sich mit Lob und versuchte in ihren Kritiken dem monumentalen neuen Werk gerecht zu werden. Nun ist der Roman endlich auf Deutsch erhältlich und ich mag nur hoffen, dass die deutschen Kritiker Vlautins aktuellen – und wahrlich besten – Roman dieselbe Anerkennung zollen, wie es internationale Kritiker schon taten. Denn das, was Vlautin mit „Die Freien“ nachgelegt hat, übertrifft in vielerlei Hinsicht seine bisherigen ebenfalls nicht zu verachtenden schriftstellerischen Leistungen. Erstmalig setzt er mehrere Protagonisten ein und widmet sich jedem auf die gleiche aufmerksame Art und Weise. Keine Figur fällt dabei hinten herunter und alle werden sie mittelbar und unmittelbar miteinander verwebt. „Die Freien“ zeigt beispielhaft, wie sehr es sich für Schriftsteller lohnen kann, simplen und dennoch intensiven Konstrukten Zeit zu geben, sich zu entwickeln. Ein durch und durch wichtiger Roman, der die amerikanische Gesellschaft auf ganz eigene und reale Art und Weise nachzeichnet und sich nicht zu schade ist, sich hier und da auch in die Brennesseln zu setzen. Willy Vlautin glänzt als aufmerksamer Beobachter mit einer kühlen und emotionslosen Sprache, die den Leserinnen und Lesern hier und da die Nackenhaare zu Berge stehen lässt. Prädikat besonders lesenswert!

Willy Vlautin: „Die Freien“, Roman, 320 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3827011763, 22 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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