Susanne Viktoria Haupt
19. Oktober 2015

Danke!

Seitenansicht: „The Art of Asking: Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und lernte, mir helfen zu lassen“ von Amanda Palmer

Musikerin, Künstlerin, Inspirationsgeberin und nun auch Schriftstellerin: Amanda Palmers „The Art of Asking“, Buchcover

Obgleich wir Menschen dazu gemacht sind, in Gruppen zu leben, Partnerschaften einzugehen, Freundschaften zu pflegen und durch sie zu wachsen, fällt es uns dennoch oft so schwer, uns diesen Umständen zu beugen. Schlechte Erfahrungen mit anderen mindern unser Vertrauen. Wer zeigt, dass er Hilfe benötigt, wird als schwach angesehen. Oder empfindet sich selbst als schwach. Wir sind spätestens durch die neuen Medien extrem vernetzt, aber dennoch existieren große Lücken zwischen uns, die sich kaum schließen lassen. Ob das vor Facebook und Co. anders oder sogar schwerwiegender war, mag ich nicht beurteilen.

Wer kennt das nicht: Man sitzt zu Hause, hat ein Problem, das einen mit aller Macht zu überfluten scheint, aber man kommt nicht auf die Idee, zum Telefon zu greifen und jemanden anzurufen. Wir fressen Liebeskummer und familiäre Sorgen genauso in uns hinein, wie den Schmerz von Verlusten oder finanzieller Not. Bloß keine Blöße geben. Und hat man sich einmal dazu durchgerungen, einen Therapeuten aufzusuchen – eine Sache, die sich stets zwischen „schick“ und „schwach“ bewegt -, so denkt manch einer, dass nun einzig und allein der Therapeut für alles zuständig wäre. Wer privat dennoch ein Wort über seine Sorgen verliert, der wird scharf angeschaut. Denn dafür wird doch jetzt endlich einer bezahlt. Wir neigen dazu, Menschen mit Sätzen wie „Reiß Dich mal zusammen!“ zu quälen und geben ihnen damit das Gefühl, dass sie Hilfe nicht so dringend verdienen würden und ihre Probleme ohnehin belanglos wären. Wir tun uns schwer damit, die Sorgen und Nöte anderer anzuerkennen, weil wir unsere eigenen Krisenherde auf ein nahezu unerreichbares Podest stellen. Schließlich haben wir natürlich immer viel mehr Arbeit und Stress als die anderen. Und wir können gar nicht verstehen, warum jemand anderes sich häufig beschwert oder vielleicht Unterstützung benötigt. Wir sind doch viel ärmer dran. Und auch, wenn es wichtig ist, seine eigenen Probleme und Belange keinesfalls zu bagatellisieren und man sich mit der Hilfe für andere auch nicht übernehmen sollte, so könnte man dennoch bei vielen einfach mehr Feingefühl erwarten, mehr Weitblick. Denn mit unseren Einstellungen manifestieren wir auch die Unfähigkeit und Hemmung vieler, um Hilfe zu bitten. Und gleichermaßen zeigen wir ein erschreckend egozentrisches Bild von uns selbst. Keine gute Basis würde ich sagen. Zumindest nicht, wenn jemand Hilfe braucht und eigentlich gerne danach fragen würde. Nach Hilfe zu fragen, um Hilfe zu bitten, macht einen Menschen fürchterlich angreifbar. Obwohl es eigentlich eines der mutigsten Dinge ist.

Um genau dieses Thmea dreht sich Amanda Palmers Buch „The Art of Asking – Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und lernte, mir helfen zu lassen“. Palmer hat mit ihren 39 Jahren bereits einen beeindruckenden Werdegang hinter sich. Im Jahre 2000 gründete sie mit dem Schlagzeuger Brian Viglione das Duo The Dresden Dolls. Vorher arbeitete sie unter anderem als übergroße, auf einer Holzkiste stehenden Braut, Stripperin, Party-Veranstalterin und Service-Kraft in Deutschland. Amanda Palmer kennt nach eigenen Aussagen das Gefühl sehr gut, dass das Geld nicht reicht, die Ambitionen für die Kunst aber schier unersättlich sind. Da decken sich dann eben die Einnahmen nicht mit der Miete und dann kommt noch ein Strafzettel drauf.

Doch Amanda lernte schon mit Anfang Zwanzig, dass man ruhig um Hilfe bitten darf. Glücklicherweise, denn sonst wäre Amanda Palmer nicht Amanda und außerdem würde sie mit ihrer Kunst, ihrer Musik und ihren inspirierenden Essays wesentlich weniger Menschen erreichen, als sie es mittlerweile tut. Aber die Künstlerin weiß eben auch, wie schwierig das ist, wie viel Scham man empfindet, wenn man sich Geld leihen muss oder aber einfach nur eine Schulter zum Ausweinen braucht. Dennoch sprang sie immer wieder über ihren eigenen Schatten und bewies dort Mut, wo andere Schwächen sehen. Und genau deswegen startete sie 2012, einige Zeit, nachdem der Vertrag mit ihrer alten Plattenfirma aufgelöst wurde, eine Kickstarter-Kampagne. Sie wollte losgelöst von allen Ketten ein Album aufnehmen und dafür brauchte sie Geld. Durch ihren herzerwärmenden Aufruf und ihre warmen Worte kamen tatsächlich insgesamt rund 1,2 Millionen Dollar zusammen. Viel mehr, als sich Palmer erhofft hatte. Für die Musik-Industrie war dies ein Schlag ins Gesicht. Nicht nur, weil Palmer ihre Musik allen Hörern frei zur Verfügung stellen wollte, da sie der Auffassung war, dass jeder das geben sollte, was er zu geben hatte. Auch sollte ihr neues Album eben von ihren Fans getragen werden. Von den Menschen, die schlussendlich ein neues Album in der Hand halten sollten. Amanda Palmer bat um Hilfe und sie bekam sie, sie bedankte sich in der wohl schönsten Form: mit der Kunst.

All das, all diese Geschichten und kleinen Anekdoten, Highlights genauso wie offen dargelegte Tiefpunkte, versammeln sich in „The Art of Asking“ – Amanda Palmers aktuellem Roman. Das Ergebnis ist ein ehrliches Buch. Wenig literarisch, hier und da etwas holperig, aber immer authentisch und warm. Man folgt Palmer gerne durch ihre Vergangenheit, kann sich vorstellen, wie sie sich als Braut in den Fußgängerzonen und auf öffentlichen Plätzen fühlte. Oder wie es für sie war, als ihr bester Freund Anthony ihr stetig mit Geld aushalf, aber auch mit vielen, unzähligen Dingen mehr, die nicht mit Geld aufzuwiegen sind. Und sie spricht über ihre tiefe Liebe zu ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Neil Gaiman. Ein Paar, dass sich vollständig der Kunst und der gegenseitigen Liebe verschrieben hat.

„The Art of Asking“ lässt einen ein paar Tränen verdrücken. Entweder, weil man hier und da selbst so wunderbare Erfahrungen gemacht hat, wenn man mutig genug war, um Hilfe zu bitten, oder aber weil man sich wünscht, dass Amanda doch bitte in der Nähe wohnen sollte. Damit man wenigstens einen richtig guten Menschen um sich herum hat. Auf alle Fälle ist „The Art of Asking“ ein Buch, das einen aufhorchen lässt. Was ist möglich, wenn ich mutig bin, „Schwäche“ zu zeigen? Was ist möglich, wenn ich meine Passion finde und dieser voll und ganz nachgehe? Was ist möglich, wenn ich wirklich alles gebe und meine Stärke daraus ziehe, eben auch mal verletzbar zu sein? Was wäre möglich, wenn noch mehr Menschen so denken und handeln würden? Was ist möglich, wenn ich mutig genug bin, Menschen an mich heran zu lassen und offen und herzlich an sie heran trete? Amanda Palmer zeigt, dass unglaublich vieles möglich wäre, wenn auch natürlich mit einigen Niederlagen verbunden. „The Art of Asking“ ist inspirierend, Mut machend und wärmend. Danke Amanda.

Amanda Palmer: „The Art of Asking: Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und lernte, mir helfen zu lassen“, Buch, 448 Seiten, Eichborn Verlag, ISBN-13: 978-3847905974, 16,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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