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Filmgeschichte(n): „Fallen Angels“

Er ist der Godard der MTV-Generation und Quentin Tarantino sein größter Fan: Hongkong-Regie-Star Wong Kar-wai zelebriert „Gemälde in Bewegung“

Hongkong, 1995. Der junge Killer Wong Chiming (Leon Lai Ming) durchstreift einsam und antriebslos die Nächte und tötet für Geld. Seine Partnerin „Agent“ (Michelle Reis) lebt in demselben schäbigen Hotel, bereitet seine Auftragsmorde vor, kundschaftet Opfer und Tatorte aus, organisiert Logistik und Fluchtwege und beseitigt während seiner Abwesenheit die Spuren, die er in seinem Zimmer hinterlässt. Ihre heimliche Liebe erwidert Wong jedoch nicht – die beiden kommunizieren nur über Fax. Der Killer ist seines soziopathischen Lebens überdrüssig und gabelt, ohne sie wirklich zu begehren, die wirr-überdrehte „Punkie“ (Karen Mok) auf. Er will aussteigen und eine neue Existenz gründen. Doch „Agent“ bekommt durch Zufall Wind von der Sache und fasst einen teuflischen Plan…

“Fallen Angels”, Filmplakat [1]

Voller Anleihen an die Nouvelle Vague: „Fallen Angels“, Filmplakat

Fluidale Flüchtigkeit

„Fallen Angels“ (1995) sollte ursprünglich eine weitere Episode seines internationalen Durchbruchs „Chungking Express“ (1994) werden – doch mit diesem Nachfolger schuf Wong Kar-wai einen eigenständigen Film und festigte seinen Ruf als „Godard der MTV-Generation“. Und in der Tat zeigen seine Filme deutliche Anleihen an die frühe französische Nouvelle Vague: Ihre fiebrig-urbanen Mikrokosmen gleichen scharfen Angriffen auf alles Lineare, Konventionelle, Eindeutige. Die große Obsession des früheren Werbefilmers Wong (BMW, Lacoste) ist in dieser Phase seines Schaffens die brüchige Poesie des Zufalls, in der vieles gleichzeitig geschieht, und in der die Szenen und Figuren einer fluidalen Logik fragmentarischer Flüchtigkeit gehorchen. Fast scheint es, als sei dieser Stil eine direkte Folge der Produktionsbedingungen: Oft unter hohem Zeitdruck und ohne Dreherlaubnis an Originalschauplätzen gefilmt, herrschte, so will es die Anekdote, an den damaligen Sets ein improvisiertes Kommen und Gehen der Mitarbeiter, Techniker und Darsteller(!), die während der laufenden Dreharbeiten zu anderen Sets verschwanden. Ungewöhnlich vielleicht für amerikanische und europäische Filmschaffende, doch nicht für Hongkong – dort werden pro Jahr bis zu dreihundert Filme produziert.

Wong Kar-wai [2]

„Ich bin der DJ meiner eigenen Filme“: Regisseur Wong Kar-wai

Entfesselte Kamera

Dieses hohe Maß fiebrig-energetischer Konzentration, die jeden Augenblick des Films in eine bestechend-kunstvolle Bildsprache flüchtiger Eindrücke übersetzt, ist nicht zuletzt Resultat der höchst überzeugenden Arbeit des Kameramanns. Christopher Doyle, 1952 in Sydney geboren, gehört zu den stilbildenden und meistimitierten „Director‘s of photography“ der 90er-Jahre. Berühmt für seine sowohl subtile als auch knallige Farb- und Lichtgebung, bekannte er, dass es in Hongkong „so eng“ ist, „dass man mit einer statischen Kamera völlig verloren wäre. Man muss mit der Handkamera arbeiten.“ Was mit „Days Of Being Wild“ (1990), der ersten Zusammenarbeit von Wong und Doyle, begann, findet in „Fallen Angels“ seine spektakuläre Zuspitzung. Rasante Fahrten und Reißschwenks, extreme, „verkantete“ Positionen und Perspektiven, unscharfe, grobkörnige Zeitlupen und Zeitraffer, sprunghaft-assoziative Montagen, Jump cuts, Weitwinkel-Objektive, dazu der hypnotische Trip-Hop-Sound von Massive Attack („Karmacoma“): Wong Kar-wai erkundet neue choreographische Formenspiele und bemerkt: „Ich bin der DJ meiner eigenen Filme.“ Kritiker resümierten voll Bewunderung, er zelebriere „Gemälde in Bewegung“.

“Fallen Angels”, Szenenfoto [3]

Die brüchige Poesie des Zufalls: „Fallen Angels“, Szenenfoto

Profane Askese

Leider lassen Wong Kar-wais jüngeren Werke viel von dieser rauhen Energie der Neunziger vermissen. Die einst pulsierenden Stadt- und Milieustudien erstarrten zunehmend in profaner Askese. War „In The Mood For Love“ (2000) noch ein wunderbar raffinierter, ruhig fließender Gegenentwurf zu den früheren, wild wehenden Plotfetzen und berstenden Handkamera-Orgien, so erwiesen sich „2046“ (2004) und vor allem „My Blueberry Nights“ (2007) als ermüdend-hermetische Versuche, dem aufregend-urbanen Naturalismus früherer Werke einen melancholischen Modernismus entgegenzusetzen. „Warum diese Wende vom Realismus zum Modernismus – vom Milieustudium zur Abschottung von diesem Milieu? Jeder Künstler beginnt damit, dass er sich für seine Zeit interessiert – dafür, was ihn mit dem Leben der anderen verbindet. Und jeder Künstler fragt sich irgendwann später, wie er sich von dieser seiner Zeit befreien kann“ (Boris Groys). Es bleibt zu hoffen, dass sich Wong Kar-wai – wie einst vom Hongkong der 90er-Jahre – wieder von seiner Zeit gefangen nehmen lässt. Es wäre die Geburt neuer Meisterwerke aus dem Geist der Gegenwart.

nächste Folge:
„Lost Highway“ [4]
Das Kino als Medium des Unbewussten: David Lynch ist der große „Mystery Man“ und letzte Visionär des Surrealen

(Fotos: Pressefotos)

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