Susanne Viktoria Haupt
16. November 2015

Der Letzte eines ganz Großen

Seitenansicht: „In Andrews Kopf“ von E.L. Doctorow

„Es gibt keine Fiktion oder Nicht-Fiktion – es gibt nur das Erzählen“: „In Andrews Kopf“ von E.L. Doctorow, Buchcover

Er galt als einer der größten Schriftsteller Amerikas: E.L. Doctorow. Mit seinen Schlüsselwerken „Ragtime“ und „Billy Bathgate“ erlangte er internationale Bekanntheit. Im Laufe der Jahre wurde Doctorow mit mehreren wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet, inklusive des National Book Critics Circle Awards und des PEN/Faulkner Awards. Der 1933 geborene Autor verstarb erst diesen Sommer und „In Andrews Kopf“ ist sein letzter Roman. E.L. Docotorow inspirierte unzählige Autoren, seine Romane wurden von Kritikern gelobt und von den Lesern eifrig verschlungen. Jeder einzelne seiner Romane hatte eine ganz eigene Stimme und Stimmung. Und so auch „In Andrews Kopf“, der sich durchaus von seinen Vorgängern abhebt.

Statt einen breiten Einblick in die Geschehnisse zu geben, sitzt man beim Roman „In Andrews Kopf“ nämlich im Prinzip wirklich in Andrews Kopf. Dem Kopf eines Kognitionswissenschaftlers, in dessen Leben mehr als einmal etwas schief ging. Andrew berichtet alles seinem Analysten. Er berichtet vom Tod seiner Tochter, an dem er sich die Schuld gibt, von der Trennung von seiner ersten Frau Martha, von dem Tod seiner zweiten Frau und von vielen weiteren Momenten, die dazu führten, dass Andrew sein Leben keineswegs so im Griff hat, wie er es gerne hätte. Monologartig fließen der Roman und Andrews Geschichte durch die Hände des Lesers. Auf Satzzeichen für die wörtliche Rede wird verzichtet und auch auf die Aufklärung darüber, ob der Analytiker nur Fiktion ist oder aber tatsächlich existiert. Kein einziges Mal kommen die Leserinnen und Leser aus Andrews Kopf heraus – dabei werden sie zwischen den persönlichen Erinnerungen und wissenschaftlichen Abhandlungen hin und her geworfen.

Mit „In Andrews Kopf“ hat E.L. Doctorow ein ungefähr 200 Seiten starkes Meisterwerk hingelegt. Er hat dabei einen Stil geprägt und eine neue Handlungsform gefunden, von der wir gerne noch viel mehr gehabt hätten, aber gleichzeitig etwas erschaffen, was seinen Platz im Kanon der US-amerikanischen Literatur nur noch mehr in Zement gegossen hat. Ein humorvoller Roman voller Satire, politisch subtilen Statements und einer ordentlich philosophischen Note. Ein Roman, der einen länger beschäftigt, als es seine 200 Seiten zunächst vermuten lassen. Danke E.L. Doctorow.

E.L. Doctorow: „In Andrews Kopf“, Roman, 208 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462048124, 18,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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