Jörg Smotlacha
2. November 2015

Merkels Apfelkuchen

Seitenansicht: „Das gibt’s in keinem Russenfilm“ von Thomas Brussig

Ehrlicher als manche Fernseh-Dokumentation: „Das gibt’s in keinem Russenfilm“ von Thomas Brussig, Buchcover

„Ich habe mich keiner Verfolgung ausgesetzt, in keiner Bürgerinitiative verschilssen – obwohl es immer Menschen sind, die irgendwann den Staat erschüttern, und noch kein Roman je ein System einstürzen ließ. Bücher sind so wichtig für den einzelnen, aber so ohnmächtig gegenüber dem Ganzen. Trotzdem schreibe ich den großen Windmühlen-Roman. Wo bin ich? Nach dreihundert Seiten noch nicht mal am Anfang.“

Mit diesen Worten beschließt Thomas Brussig seinen Wenderoman „Das gibt’s in keinem Russenfilm“, der die deutsche Wiedervereinigung auf eine höchst originelle Art und Weise abhandelt: Sie hat nicht stattgefunden! Sahra Wagenknecht verliest die Nachrichten der „Aktuellen Kamera“, Günter Grass wird Olympia-Botschafter, Jan-Josef Liefers spielt den Kommissar im „Polizeiruf 110“, Angela Merkel backt hervorragenden Apfelkuchen und Gregor Gysi muss als Anwalt den Schriftsteller Thomas Brussig aus einem Stasi-Komplott raushauen.

Der Clou dabei ist, dass Brussig sich selbst als Hauptfigur präsentiert, einen kleinen erfolglosen Autoren aus dem Osten der Republik, der gerne ein Dissident wäre und sich zu den Worten hinreißen lässt, er werde solange nicht in den Westen ausreisen, solange es nicht alle könnten, solange kein Telefon besitzen, bis alle eines hätten und Kunderas „Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ erst lesen, wenn alle es könnten.

Von einem Tag auf den anderen wird Brussig berühmt und medienwirksam augeschlachtet, denn natürlich steht das West-Fernsehen Schlange. Und so wird sein Roman gleichsam zur äußerst unterhaltsamen Mediensatire. Natürlich hat all das etwas von einer Nummernrevue, wenn der Autor plötzlich eine Liebschaft nach der anderen hat, die Stasi um die Ecke schaut, deren Verdacht aber in einem persönlichen Gespräch mit Egon Krenz ausgeräumt werden kann oder die DDR plötzlich von aller Welt bewunderte Elektro-Autos herstellt.

Doch ist der Einfallsreichtum des Autoren enorm, was einen Großteil des Lesevergnügens von „Das gibt’s in keinem Russenfilm“ ausmacht. Dass es dennoch nicht zu einem ganz großen Gesellschaftsroman ausreicht, liegt daran, dass Brussig in seiner Satire letztendlich zu harmlos bleibt. Lafontaine ist Kanzler und Merkel backt Apfelkuchen. Nett, aber harmlos. Man denke nur an Michel Houllebeqs so böse wie treffende Visionen zum Zustand der französischen Gesellschaft. Trotzdem ist Brussigs Buch allemal originell, zwar nicht der zitierte „Windmühlen-Roman“, aber eine „humoristische Auseinandersetzung“ mit der deutschen Geschichte, die laut Frankfurter Rundschau „oft ehrlicher vorkommt, als so manche ernstgemeinte Fernseh-Dokumentation“. Deswegen sei sie empfohlen.

Thomas Brussig: „Das gibt’s in keinem Russenfilm“, Roman, 208 Seiten,S. Fischer, ISBN-13: 978-3462048124, 19,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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