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„Wir alle haben unsere Narben, unsere Schäden“

Seine Sprache ist klar und wirkungsvoll. Seine Geschichten sind Abbildungen des Lebens und sein neuer Roman eine vielschichtige Wucht: der amerikanische Autor Willy Vlautin im Gespräch

Begnadeter Musiker und Schriftsteller: Willy Vlautin

langeleine.de: Willy, im Oktober ist Dein vierter Roman „Die Freien“ auf Deutsch erschienen, in dem Du auch unmittelbar das Leiden von heimgekehrten Soldaten aufgreifst. Wie hast Du dich auf Leroys Geschichte vorbereitet?

Willy Vlautin: Es begann mit Schuldgefühlen. Nach sieben Jahren, in denen die USA in Afghanistan und im Irak involviert waren, erkannte ich, dass niemand, mit dem ich in Kontakt kam, über den Krieg oder über die verwundeten, heimgekehrten Soldaten sprach. Das war nichts, was den Bürgern außerhalb des Militärs bewusst war. In den USA ist das Militär fast eine abgetrennte Gesellschaft. Die Kriege machen für mich keinen Sinn – und wie gewöhnlich trägt die Arbeiterklasse den Hauptanteil des Elends und der Belastung. Das Militär besteht aus einigen unserer ärmsten Bürger. Und als die USA sich mit den Kriegen übernommen hatten, fingen sie an, die Nationalgarde einzusetzen. Das sind Teilzeit-Soldaten, Soldaten, die hauptsächlich in Notfallsituationen auf US-amerikanischem Boden eingesetzt werden. Diese Soldaten, wie Leroy, sind keine Vollzeit-Soldaten. Weil das Militär personell ausgelastet war, wurden diese Teilzeit-Soldaten plötzlich in Kriegsgebiete geschickt. Meine Recherche bestand hauptsächlich aus dem Lesen und Nachforschen von Lokalberichten. Ich war nie beim Militär und ich glaube auch nicht, dass ich die richtige Person bin, um über Krieg zu schreiben, aber jeder weiß, wie es ist, sich um einen geliebten Menschen zu kümmern, der krank ist. Ich wollte Krieg aus dem Blickwinkel einer Krankenschwester behandeln, in seinen Nachwirkungen. Das Buch ist dem Schutzheiligen der Krankenschwestern gewidmet.

„Ich wollte meine eigene Rede zur Lage der Nation schreiben“

ll: In „Die Freien“ stellst Du erstmalig nicht nur einen Protagonisten in den Fokus. Wie groß war diese Herausforderung für Dich, mehrere Figuren möglichst gleichberechtigt zu bedienen?

Vlautin: Als Fan von Romanen mag ich Geschichten, wo ich in Welten verschwinden kann. Oft finde ich Romane, in denen die Perspektive gewechselt wird, und fange an über den Autor nachzudenken. Warum hat der Autor das getan? Warum der Wechsel der Zeit, der Wechsel der Perspektive? Ich mag diese Art von Romanen, aber ich denke oft über das Handwerk nach, während ich sie lese. Ich denke über die Ideen und Absichten des Autors nach. Meine Lieblingsromane lassen mich einfach in eine Welt fallen und behalten mich dort. Und die Ideen, wer der Autor ist und sein Handwerk kommen mir dabei nicht in den Sinn. Mit diesem Roman jedoch wollte ich in allgemeinerer Form über die Lage der Arbeiterklasse in den USA schreiben. Der Titel „The Free“ ist aus unser Nationalhymne entnommen. Ich wollte meine eigene Rede zur Lage der Nation schreiben. Um das zu machen, musste ich mehr Charaktere, mehr Perspektiven einbringen.

ll: Die Figuren in Deinen Romanen „Northline“, „Motel Life“, „Lean on Pete“ und „Die Freien“ haben immer einiges im Leben zu tragen und zu verkraften und wirken dabei absolut authentisch. Woher nimmst Du die Ideen dafür?

Vlautin: Ich hatte schon immer ein Interesse an der Arbeiterklasse, weil ich selbst dort herkomme. Als Kind wollte ich Geschichten lesen, die in meiner Stadt spielen, vielleicht sogar mit Menschen wie mir oder meiner Familie als Fokus. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens danach gesucht und als ich anfing, zu schreiben, wollte ich immer genau darauf meine Aufmerksamkeit richten. Woher meine Ideen kommen? Ich bin mir nicht sicher. Sie sind einfach in mir drin – meine Sorgen, meine Ängste, meine Sehnsüchte. Wir alle haben unsere Narben, unsere Schäden. Ich bin an den Schäden interessiert. Wie Menschen mit schwerer Last und Narben und einem Hinken weitermachen.

Setz auch mit seinem vierten Roman Maßstäbe: „Die Freien“ von Willy Vlautin, Buchcover

ll: Deine Romane sind durchweg geprägt von einem sehr nüchternen und fokussierten Erzählstil. Blumige Umschreibungen oder Szenen, die nur wenig zur Story beitragen, sind bei Dir nicht zu finden. Arbeitest Du viel an deinen Manuskripten oder ist die erste Fassung im Prinzip auch schon die finale?

Vlautin: Ha, ich habe es jahrelang überarbeitet. Der erste Entwurf von „The Free“ stand nach sechs Monaten – und ich verbrachte drei weitere Jahre damit, daran zu arbeiten. Ich überarbeitete und überarbeitete. Ausdauer ist eine meiner wenigen Gaben. Ich liebe es, an Stories herumzubasteln. Mein Schreibstil ist der, von dem ich ein Fan bin – saubere und klare Sätze. Sätze, die Sinn machen, nachdem Du den ganzen Tag gearbeitet hast oder wenn Du müde bist. Ich möchte Bücher schreiben, die jeder lesen kann, so dass ein Mensch nach einem harten Arbeitstag dazu in der Lage ist, in mein Buch hineinzufinden, ohne es zur Seite zu legen oder den Fernseher anzuschalten.

ll: Besonders begeistert war ich neben „Die Freien“ auch von „Northline“. Zwar hast Du Allisons Geschichte natürlich auch ein Ende gegeben, aber – was ich persönlich auch sehr stimmig fand – eines, das im Prinzip nur den Beginn von potentiell besseren Tagen für sie zeigt. Wie sehr beschäftigen Dich die Geschichten Deiner Figuren auch noch nach Beendigung der eigentlichen Romane?

Vlautin: Allison Johnson hat mich fast umgerbacht. Ihre Geschichte, jedoch dramatischer und brutaler, ist in vielen Teilen die Erfahrung meiner Mutter, meiner Großmutter, meiner eigenen. Es ist ein Roman über den Preis, schwach zu sein. Es ist ein Roman über Schwäche. Schwach sein in Bezug auf Beziehungen, Rasse, Selbstwert. Allison Johnson oder meine Charaktere Charley Thompson und Frank und Jerry Lee leben immer noch mit mir. Die Ideen hinter ihnen sind Ideen, mit denen ich mich herumschlage, um die ich mich immer noch sorge, oder die ich noch nicht beiseite gelegt habe.

„Ich glaube ich schrieb ungefähr fünfzehn Jahre nur zu meinem eigenen Vergnügen“

ll: Du bist Musiker und hast erst später zur schriftstellerischen Tätigkeit gefunden. Gab es für Dich eine Art Schlüsselerlebnis, das dich dazu brachte oder hast Du auch schon früher längere Texte geschrieben?

Vlautin: Ich fing an Romane zu schreiben, als ich 20 war. Ich tat es einfach, um zu flüchten. Als ein Fan konnte ich nicht die Geschichten finden, die ich lesen wollte, also schrieb ich sie selbst. Ich konnte keine Geschichten finden, die in meiner Heimatstadt spielten, also schrieb ich Geschichten, die dort spielten, in meinen Bars, in meinen Restaurants und so weiter Aber ich schrieb sie für mich selbst. Ich denke ich habe fünf Stück beendet, bevor ich im Alter von 35 Jahren „Motel Life“ herausbrachte. Ich glaube, ich schrieb ungefähr fünfzehn Jahre nur zu meinem eigenen Vergnügen.

ll: Gibt es Autoren oder Romane, die Dich in Deinem Schaffen beeinflusst haben?

Vlautin: Ich mochte schon immer Arbeiterklasse-Autoren. Ich neige dazu, amerikanische Autoren wie Flannery O’Conner, Larry Brown and William Kennedy immer wieder zu lesen – eine weitere meiner Schwächen. Ich liebe aber auch die irischen Schriftsteller und lese immer wieder Romane von Roddy Doyle.

ll: „Die Freien“ ist zwar erst vergangenes Jahr veröffentlicht worden, aber dennoch brennt mir die Frage nach weiteren Romane unter den Nägeln. Arbeitest Du bereits an einer neuen Geschichte oder widmest Du dich momentan erst einmal wieder der Musik?

Vlautin: Ich bin fast mit einem Roman fertig, musste ihn aber beiseite legen, um mit meiner Band The Delines ein Album aufzunehmen. Aber ich hoffe, dass ich den Roman nach Weihnachten beenden kann.

ll: Deutschland ist zwar weit weg, aber besonders „Die Freien“ wurde von der hiesigen Presse einstimmig positiv aufgenommen. Wie hoch ist die Chance auf eine Lesung in Deutschland?

Vlautin: Ich liebe Deutschland und ich werde jede Chance nutzen, um wiederzukommen. Mein Lieblingsessen ist deutsch, mein Lieblingsbier ist deutsch, ich liebe meinen Verlag „Berlin Verlag“ und Berlin selbst ist einfach erstaunlich.

ll: Willy, vielen Dank für das Interview!

(Foto: Pressefoto)

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