Susanne Viktoria Haupt
21. Dezember 2015

Bücher unterm Weihnachtsbaum

Seitenansicht: Empfehlungen für Last-Minute-Geschenke

Weihnachten: ein Fest der Liebe und gerne auch ein Fest der Bücher

Es gibt eine Menge Dinge, die man zu Weihnachten – und natürlich auch zu Geburtstagen – verschenken kann. Von Schmuck über Spielsachen bis hin zu Kleidung ist jedes Jahr aufs Neue alles dabei. Groß, größer, riesig – das scheint bei einigen Geschenken durchaus die Devise zu sein. Manchmal reißen diese Weihnachtseinkäufe sogar tiefe Löcher in die eigene Kasse. Sicher ist aber, dass es unglaublich viel Freude bereitet, jemanden zu beschenken. Und je näher man den Beschenkten steht, desto mehr macht man sich auch Gedanken über das, was man aussucht. Denn ein Geschenk soll möglichst zeigen, wie viel uns dieser Mensch bedeutet. Es soll ihm eine Freude bereiten und möglichst nützlich und langlebig sein.

Für ein Online-Journal, dass sich vornehmlich auf kulturelle Themen spezialisiert hat, stehen natürlich unter anderem Bücher ganz oben auf der Geschenke-Liste. Wir alle sind begeisterte Leseratten, haben unsere Vorlieben, Lieblings-Autorinnen und -Autoren und spannende Entdeckungen, die wir auch untereinander zu den unterschiedlichsten Anlässen teilen. Zwar gibt es natürlich auch Menschen, die ungern oder gar nicht lesen oder denen Bücher einfach zuwider sind. Dieser Beitrag richtet sich aber an diejenigen, deren Liebsten gerne einmal eine Seite umblättern, und denen so kurz vor dem Feste noch eine letzte Anregung fehlt. Also Stift und Zettel bereit legen, hier kommen literarische Tipps von langeleine.de und Freunden, die unsere große Leidenschaft für Bücher teilen.

Rotwein-Lektüre und gesellschaftlicher Diskurs

Volker Petri, Vertriebsleiter der Buchhandlung Decius, empfiehlt Rolf Lapperts Buch “Über den Winter”: “Ein Künstler, der sich aus seinem Geschäft zurückziehen will, ein Mann auf dem Weg zurück zur Familie auf der Suche nach ‘zu Hause’. Der Tod seiner Schwester bringt Lennard Salm zurück nach Hamburg zu seiner Familie. Was soll geschehen, wie geht es weiter? Ernüchtert von der Kunstwelt lernt er das Leben neu kennen, stellt Fragen und sucht Antworten. Ein Roman über die Mitte des Lebens, die Verwundungen der Kindheit und der Suche nach dem Sinn. Ein Roman für die trüben Monate des Winters, mit einem guten Rotwein zu genießen.”

Ein weiterer Tipp von Petri ist Jenny Erpenbecks Roman “Gehen, ging, gegangen”, der dieses Jahr auch ein heißer Favorit für den deutschen Buchpreis war: “Ein Roman zur rechten Zeit. Die Flüchtlingsproblematik steht im Mittelpunkt von Erpenbecks neuem Werk. Ein Glücksgriff, denn Literatur kann bewegen und reflektieren. Am Beispiel von Richard, einem pensionierten Professor, beschreibt die Autorin den Umgang unserer Gesellschaft mit den Flüchtlingen. Erst ungesehen, dann hilflos Hilfe bietend und dann erkennend, dass auch unsere Geschichte und Geschichten aus Flucht, Ankommen, Ablehnung und Annehmen bestehen. Literatur als Ausdruck gesellschaftlicher Diskurse. Unbedingt lesenswert, eine großartig erzählte Geschichte”.

Zwischen Tarantino und philosophischer Parabel

langeleine.de-Chefredakteur und tatkräftiger Mitspieler in Hannovers Kulturlandschaft Jörg Smotlacha hat auch ein paar Ideen: “Wer ein eher spezielles literarisches Geschenk sucht, dem kann ich ‘Das Polykrates-Syndrom’ empfehlen – einen Roman, den der österreichische Autor und Dramatiker Antonio Fian 2014 veröffentlicht hat. Das Buch erzählt eine rabenschwarze Geschicht voller Wortwitz und hintergründigem schwarzen Humor. Protagonist Artur ist ein relativ anspruchsloser Anti-Held, er verdingt sich in einem Kopierzentrum, gibt nebenbei Nachhilfe-Unterricht und ist mit der Mittelschullehrerin Rita verheiratet. Eines Tages betritt eine gewisse Alice seinen Copy-Shop und hinterlässt eine Nachricht für Artur, die dessen Leben völlig aus den Fugen geraten lässt… Was nun folgt, ist eine wahre Tour de Force, herrlich komisch und extrem rasant geschrieben. Doch Vorsicht: ‘Das Polykrates-Syndrom’ ist nichts für zarte Gemüter. Denn was Artur, Rita und Alice im weiteren Verlaufe des Plots anstellen, würde in jeden Tarantino-Film passen.”

Aber auch Smotlacha hat noch einen weiteres Ass im Ärmel: “Nicht minder gut geschrieben, aber wesentlich realitätsnäher ist der Roman “Die Versehrten” von Gonçalo M. Tavares, einem der besten zeitgenössischen Schriftsteller Portugals. Tavares erzählt die Geschichte von mehreren, sehr unterschiedlichen, aber gleichwohl vom Leben schwer gezeichneten Menschen, deren Werdegang in einer schicksalhaften Nacht aufeinandertrifft. Die Folgen sind für alle Beteiligten schmerzhaft. “Die Versehrten” ist sowohl Tragödie als auch philosophische Parabel über das Zwanzigste Jahrhundert und so vielschichtig wie mitreißend.”

Literarischer Genuss für die Jüngeren

Auch für Kinder darf es ruhig literarisch zugehen. Ins Zeug gelegt hat sich dafür der Fünftklässler Florian Johannes Haupt: “Für Kinder ab etwa acht Jahren, die gerne lesen, würde ich ‘Charlie und die Schokoladenfabrik’ von Roald Dahl empfehlen. Es geht um den Jungen Charlie und seine Familie, die wenig Geld haben. Eines Tages findet Charlie einen Dollar und kauft sich davon eine Tafel Schokolade. Darin befindet sich ein goldenes Ticket für Willy Wonkas Schokoladenfabrik und so beginnt das wilde Abenteuer. Das Buch ist sehr lustig und spannend, wie eigentlich alles von Roald Dahl.”

Für die etwas versierteren Leser hat er auch einen Vorschlag: “Für Kinder ab etwa neun bis zehn Jahren empfehle ich die Reihe ‘Artemis Fowl’ von Eoin Colfer. Es geht dabei um die Verbrecherfamilie Fowl und ihren einzigen Sohn Artemis. Artemis ist sehr intelligent und begibt sich im ersten Teil beispielsweise auf die Suche nach dem ‘Buch der Unteriridischen’, um der Familie Geld zu beschaffen. Die ‘Artemis Fowl’-Reihe ist sehr spannend – und ein bisschen Magie ist auch mit im Spiel.”

Ein richtiges Nerd-Christmas

Wer übrigens denkt, dass Nerds sich wenig mit Büchern beschäftigen, der täuscht sich. Eike Kastner, Software-Entwickler und bekennender Liebhaber der Game-Kultur, hat ein paar Vorschläge für die “nerdigen” Mitmenschen: “Wer auf düstere Mittelalter-Geschichten mit Fantasy-Elementen steht, der sollte schleunigst zu der ‘Eis und Feuer’-Reihe von George R.R. Martin greifen. Martin macht mit diesen Romanen eine ganz eigene, von Unheil geprägte Welt auf, die den Leser schneller verschluckt, als er zu glauben vermag.”

Aber auch für PC-Spieler gibt es einiges an Zubehör in Buch-Form: “Als Fan des Spiels Minecraft finde ich, dass die “Blockopedia” ein tolles Liebhaber-Geschenk ist. In typischer Block-Form erfährt der Gamer alles über die verschiedenen Blöcke und die dazugehörigen Rezepte. Schön aufgemacht ist das Buch dazu auch noch.”

New Journalism und wärmende Lektüre

Zum Schluss hat aber natürlich auch die Verfasserin dieser Zeilen noch ein paar Vorschläge, welche den Weihnachtsbaum literarisch aufhübschen können: Für Journalismus-Verliebte empfehle ich die Lektüre von Gay Taleses Reportagen-Sammlung “Frank Sinatra ist erkältet”. Gay Talese gehört zu den wichtigsten Vertretern des New Journalism und beherrscht sein Handwerk durch und durch. Sein brillanter Text über New York, in dem er die Atmosphäre in der Metropole so greifbar eingefangen hat, lässt das Herz wahre Freudensprünge machen. Genauso gründlich, sprachlich klar und ausdrucksstark geht es auch in einer großen Reportage über Frank Sinatra zu, von dem er ein ganz eigenes und sehr intimes Bild entworfen hat. Einmal angefangen, kann man fast unmöglich mit dem Lesen wieder aufhören.

Wer hingegen einfach nach einer leichten Lektüre für zwischendurch sucht, die auch etwas fürs Herz ist, dem würde ich “Die letzte Liebe von Monsieur Armand” von Françoise Dorner empfehlen. In Dormers Buch geht es um den alten Philosophen Armand, der mittlerweile im Ruhestand angekommen ist, und Pauline, die zwar vom Alter her jünger ist, aber genauso resigniert daherkommt. Das Schicksal führt die beiden in Paris zusammen und lässt sie gemeinsam die Lebensfreude wiederentdecken. Ein sanfter Kurzroman, der einem problemlos eine längere Zugfahrt oder einen Abend versüßen kann.

Für alle, die noch nach einem passenden literarischen Last-Minute-Geschenk suchen, sei aber auch noch einmal unsere Reihe Seitenansicht ans Herz gelegt. Und nicht vergessen: Die lokale Buchhandlung liefert mindestens genauso schnell und zudem menschlicher und freundlicher als große Online-Händler.

Rolf Lapper: “Über den Winter”, Roman, 384 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446249059, 22,90 Euro

Jenny Erpenbeck: “Gehen, ging, gegangen”, Roman, 352 Seiten, Knaus Verlag, ISBN-13: 978-3813503708, 19,99 Euro

Antonio Fian: “Das Polykrates-Syndrom”, Roman, 240 Seiten, Droschl Verlag, ISBN-13: 978-3854209508, 19 Euro

Gonçalo M. Tavares: “Die Versehrten”, Roman, 240 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt, ISBN-13: 978-3421045027, 19,99 Euro

Roald Dahl: “Charlie und die Schokoladenfabrik”, Kinderbuch, 160 Seiten, rororo Verlag, ISBN-13: 978-3499212116, 7,99 Euro

Eoin Colfer: “Artemis Fowl Band 1″, Kinder- und Jugendbuch, 240 Seiten, List Verlag, ISBN-13: 978-3548603209, 9,90 Euro

George R.R. Martin: “Das Lied von Feuer und Eis – Die Herren von Winterfell”, Roman, 567 Seiten, Blanvalet Verlag, ISBN-13: 978-3442267743, 15 Euro

Josef Shanel: “Minecraft – Blockopedia”, Buch, Egmont Schneiderbuch, ISBN-13: 978-3505135378, 29,99 Euro

Gay Talese: “Frank Sinatra ist erkältet: Spektakuläre Storys aus vier Jahrzehnten “, Buch, Zweitausendeins, ISBN-13: 978-3861509103, 8,90 Euro

Françoise Dorner: “Die letzte Liebe des Monsieur Armand”, Kurzroman, 160 Seiten, Diogenes, ISBN-13: 978-3257261257, 12 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

Ein Kommentar

  1. Ines sagt:

    Das sind ein paar schöne Buchtipps. Ich finde Bücher als Geschenk etwas schönes und persönliches, schließlich macht man sich Gedanken welches Buch dem Beschenkten gefällt.

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