Susanne Viktoria Haupt
28. Dezember 2015

Golden girls

Seitenansicht: „Old School“ von John Niven

Auf der Flucht vor der Altersarmut: „Old School“ von John Niven, Buchcover

Julie ist 60 Jahre alt geworden und auch, wenn sie früher einen durchaus ausschweifenden Lebensstil hatte, haben einige Schicksalsschläge dafür gesorgt, dass ihr Leben nun wesentlich ruhiger und bescheidender aussieht. Sie lebt in einer Sozialwohnung und verdient sich als Aushilfs-Pflegekraft etwas dazu. Ihre beste Freundin Susan, die sie schon seit Schultagen kennt und ebenfalls im selben kleinen Dorf in Süd-England wohnt, führt ein bürgerliches Leben als Haus- und Ehefrau. Ihrem Mann Barry hat sie stets loyal den Rücken freigehalten. Und dann gibt es noch Ethal, eine humorvolle und schräge 90-Jährige im Pflegeheim, die wahrlich nicht auf den Mund gefallen ist. Als Susans Ehemann Barry eines Tages tot aufgefunden wird, und herauskommt, dass er neben seinem Leben als Ehemann auch das eines Swingers geführt hat, und Susan nun auf einem Berg an Schulden sitzt, muss schnell eine Lösung her. Für die Damen steht völlig außer Frage: Helfen tut jetzt nur noch ein Banküberfall. Schon beginnt eine wilde Flucht vor der Polizei, die darüber „not amused“ ist, dass ihnen das Omi-Trio immer wieder entwischt. Mit viel Witz, gnadenlosen Aktionen der verbrecherischen „Golden girls“ und jeder Menge erzählerischer Power begleiten die Leserinnen und Leser in John Nivens neuem Roma „Old School“ die Erlebnisse von drei Frauen, deren Leben noch alles andere als zu Ende erscheint.

John Niven ist bekannt durch seinen schwarzen Humor und seiner Furchtlosigkeit gegenüber schrägen und zwielichtigen Charakteren und Handlungen. Gerne geht es in seinen Romanen – beispielsweise in „Kill Your Friends“ – blutig zur Sache. Düster oder deprimierend sind seine Werke dadurch aber niemals. Eine schwere Kost auch nicht und Literatur darf gerne auch einfach mal nur unterhalten. Mit „Old School“ hat John Niven einer Generation einen Raum gegeben, die in der Literatur ansonsten nur selten, oder wenn, dann sehr mit Klischees beladen, auftaucht. Als Gangster-Schwestern sieht man ältere Frauen jedenfalls selten. Genau das war es, was der Schotte offensichtlich wollte: weg vom Klischee, und zudem einen Roman schreiben, der die Generation 60 plus zum Lachen bringt. „Mission erfüllt“ sagen wir und empfehlen das Buch allen, die eine wilde Verfolgungsjagd richtig „old school“ erleben wollen.

John Niven: „Old School“, Roman, 400 Seiten, Heyne Verlag, ISBN-13: 978-3453269453, 19,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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