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Untwerwegs mit dem Whiskey-Rabbi

Der Akkordeon- und Whiskey-Weirdo Geoff Berner zu Gast in Hannover. Ein Interview.

Durch unermüdliche Tourneen durch die ganze Welt hat sich der aus Vancouver stammende kanadische Songwriter Geoff Berner auch hierzulande mittlerweile eine nicht unbeträchtliche Fangemeinde erspielt. Die charismatischen Live-Shows des kleinen glatzköpfigen Mannes, bewaffnet nur mit schwarzem Anzug, Akkordeon und dem niemals leer werdenden Whiskey-Glas, sind schweißtreibende Partys aus Trinkliedern und politischen Statements, absurden Geschichten aus aller Welt und sarkastischem Humor. Höchste Zeit also für ein Interview mit Geoff Berner anlässlich seines bevorstehenden Auftritts im feinen Lindener Keller-Club Feinkost Lampe am kommenden Samstag, dem 30. Oktober.

Geoff Berner, Whisky trinkend [1]

Kleiner Mann mit großem (Auf-)Fassungsvermögen: Geoff Berner

langeleine: Geoff, schön, dass Du mal wieder in Hannover bist – ich glaube, Du hast etwas ambivalente Erinnerungen an Deine diversen Auftritte hier in den letzten Jahren…

Geoff Berner: Nun, wenn man ein reisender Troubadour ist wie ich, sind die Shows manchmal toll, manchmal aber auch nicht so. Als ich das letzte Mal bei Feinkost Lampe spielte, war es eine große, betrunkene, untergründige Party. Und ich glaube, das wird es diesmal wieder.

ll: Ich kenne wenige Künstler, die so intensiv touren und so viele Gigs spielen wie Du. Ist das Reisen ein Teil Deines Lebens, der Deine Kreativität und Deinen individuellen Blick auf das Leben prägt?

G.B.: Das Touren erlaubt mir, ohne irgendeinen Boss im Nacken die Welt zu bereisen. Ich spiele jeden Song, den ich will, sage, was immer ich will, und es ist mir sogar erlaubt, auf der Arbeit zu trinken. Es fühlt sich gut an, keiner bestimmten gesellschaftlichen Klasse anzugehören, also kann ich mich frei durch sie alle hindurch bewegen. Ganz unterschiedliche Menschen kommen zu meinen Shows, wirklich interessante Leute, und sie erzählen mir ihre Geschichten, und all dieser Stoff fließt in meine Lieder ein.

Der Berner-Geoff mit Akkordeon [2]

Geoff Berner – Suchender nach den Ausfahrten ins Außergewöhnliche

ll: 2004 bist Du mit Deiner Band durch Rumänien getourt, um die Wurzeln der Klezmer-Musik zu finden. Darüber hinaus liegen auch Deine eigenen familiären Wurzeln in Osteuropa. Siehst Du Dich selbst ein bisschen als Mittler zwischen der europäischen und nordamerikanischen Kultur oder ist Dir dieser Aspekt eher egal?

G.B.: Nein, das ist mir schon wichtig. Ein bisschen bin ich ein Reisender in dieser Angelegenheit. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich in Europa Aspekte der kanadischen Weltsicht erkläre (Es gibt so etwas wirklich, glaube es oder nicht!), besonders diese Ideen eines „kulturellen Mosaiks“, in dem die Staatsangehörigkeit zu einer Nation nicht an ethnische Fragen geknüpft ist. Und wiederum in Kanada oder den USA bin ich oft damit beschäftigt, Elemente der europäischen Politik zu beschreiben, zum Beispiel Eure besseren Sozialsysteme, öffentlichen Personenverkehr oder das Bier.

ll: Seit ich Deine Auftritte in Europa verfolge, hab ich Dich meistens als Solo-Künstler gesehen, zum Beispiel auf Tour mit großen Acts wie Billy Bragg oder Kaizers Orchestra. Was ist Dein persönliches Geheimnis, Dein Trick, die Aufmerksamkeit einer Masse von Leuten an die Performance eines einzelnen kleinen Mannes, noch dazu Akkordeon-Spielers, zu fesseln? Geht es um den Mann oder die Botschaft?

G.B.: Das Kaizers-Publikum ist meist sehr jung und sehr energiegeladen. Als Performer muss man mit dieser Energie irgendwie umgehen, sonst richtet sie sich gegen Dich. Also gibt man den Leuten etwas zu tun – lässt sie mitsingen, ihre Hände heben, ihre Bäuche rubbeln und herumhüpfen. Ich glaube, bei den Shows der Kaizers ging es immer darum, die Geister des Faschismus der Kriegszeit in Europa auszutreiben. Also ist das Publikum dort von vornherein in einer Stimmung, Dinge zusammen zu tun, als Masse in einer Person – das ist manchmal schon ein wenig beängstigend. Doch was ich tue, ist so etwas wie ein Löwenbändiger zu sein. Du gehst raus und benimmst dich wie jemand, der von den Leuten erwartet, was ihnen gesagt wird – und dann tun sie es erstaunlicherweise auch. Aber natürlich werden Löwenbändiger manchmal auch von den Löwen gefressen. Die Schwierigkeit bei all dem ist, durch die komplexen Ideen und subtilen Facetten der Songs zu gehen, während all dies gleichzeitig passiert. Zum Glück, nach all den Gesprächen, die ich nach meinen Shows hatte, funktioniert das bei mir anscheinend ganz gut. „They seem to get it“.

Geoff Berner live [3]

Der „Löwenbändiger“ live und in Farbe

ll: Im Eröffnungsstück von „Whiskey Rabbi“, dem ersten Album Deiner Klezmer Punk-Trilogie, schreist Du „Ich muss am Leben, betrunken und arbeitslos bleiben“ – sieht aus, als wärst Du immer noch in dieser Mission unterwegs. Erzähl ein bisschen über das Konzept Deiner drei Klezmer-Alben und was wir von ganz neuen „Klezmer Mongrels“ erwarten dürfen. Und was bedeutet Klezmer überhaupt für Dich?

G.B.: Klezmer ist nur ein passendes Wort für jüdische Folkmusik aus Osteuropa. Früher nannte man „Klezmer“ die armen, umherziehenden autodidaktischen Musiker, die auf Hochzeiten und anderen Feiern spielten. Die Leute nannten das nicht „Klezmer-Musik“, sondern einfach nur „Musik“. Es war eine Mixtur aus jüdischer und türkischer Musik, Melodien der lokalen Nichtjuden, sogar mit Tango und Blues-Einflüssen aus Amerika. Die Idee dieser Trilogie war, eine neue Art von Klezmer auszudrücken, mit Wurzeln in der Vergangenheit, aber mit neuen Liedern über Dinge, die heute und hier passieren. Sie sind in Englisch statt Jiddisch gesungen, so dass mehr Leute sich mit den Texten identifizieren können. Ich wollte gern eine punkige, dreckige Energie in die Musik zurückbringen, denn manche der heute populären Klezmer-Musiker spielen mir viel zu zivilisiert, als ob es Klassik oder zuckersüßer Freejazz wäre. Mein erstes Album, „Whiskey Rabbi“, handelte zum größten Teil vom Trinken, eine Feier menschlicher Schwächen. Das zweite „The wedding dance of the widow bride“ war zumeist über Frauen, meditierte über die Braut als Sinnbild für Glück oder Wohlstand, und die Art, wie Glück oftmals auf dem Unglück anderer aufbaut. Das dritte behandelt schließlich, was passiert, wenn man diese Dinge mixt – wie können wir im vollen Bewusstsein der Dinge leben, die um uns passieren und trotzdem ein glückliches Leben führen? Über all dem steht die Frage: Ist Glück nur für die Dummen und Ignoranten erreichbar, wie in unserer gewissenlosen westlichen Mainstream-Kultur? Oder können wir bewusst und trotzdem glücklich leben? Darum geht es soviel um Drogen und Alkohol in den Texten.

Geoff Berner - Whiskey Rabbi, Albumcover [4]

Geoff Berner: „Whiskey Rabbi“, Albumcover 2005

ll: Zuletzt: Sag unseren Lesern, warum sie die Show am 30. Oktober bei Feinkost Lampe keinesfalls verpassen sollten!

G.B.: Ich kann Euch ehrlich sagen, dass Ihr so etwas noch nie gesehen habt. Und es ist eine gute Ausrede, sich die Rübe vollzuknallen.

Geoff Berner live: Klezmer Mongrels
Donnerstag, 30. Oktober 2008
Einlass: 20 Uhr, Beginn: 21 Uhr
Feinkost Lampe, Eleonorenstraße 1, 30449 Hannover

Achtung: Die Redaktion empfiehlt ausdrücklich den Besuch der Website www.geoffberner.com [5]. Wer sich auf den Geoff Berner-Newsletter setzen lässt, bekommt monatlich umfangreiche und höchst unterhaltsame persönliche Berichte von Berners Leben unterwegs.

(Interview: Kersten Flenter, Fotos: Jessica Eaton (1,2), flickr.com (3))

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