Sebastian Albrecht
4. Januar 2016

Flanörheads

Der erste Montag im Januar ist gesetzesmäßig der erste des neuen Jahres: Bei den “Teilzeit-Flaneuren” in der Cumberlandschen Galerie gastiert heute die Autorin und Journalistin Mely Kiyak

MelyKiyak

Kann selbst rassistischen Leserbriefen etwas Satirisches abgewinnen und ist damit der perfekte Gast für die “Teilzeit-Flaneure”: Mely Kiayk

Gegen Ende hin hat das schwindende Jahr 2015 noch einmal alles aufgefahren, was es an Stress und Hektik zu bieten hatte. Mit den Weihnachtstagen und Silvester gab es den ultimativen Marathon der Verpflichtungen, der einem manchmal so vorkommen konnte, als dauerte er nicht nur etwas länger als eine Woche, sondern gleich mehrere Monate lang, und für manchen eher einem Spießrutenlaufen gleichkam. Obwohl eigentlich das Fest der Besinnlichkeit und einer der wenigen Momente im Jahr, in dem die ganze Familie zusammenfand, war das Konfliktpotenzial an Weihnachten hoch. Das fing beim Geschenkekauf an und hörte bei der Wahl der Gesprächsthemen nach dem Festessen noch lange nicht auf. Die wenigen Tage danach gingen dann schnell für weihnachtliche Nachzügler, Heizungsableser, Klassentreffen und etwaige Planungen für Silvester drauf. Von Silvester selbst gar nicht zu reden.

Diese Zeit abgeschieden auf einer einsamen und möglichst menschenleeren Insel zu verbringen, ist eine Möglichkeit, sich dem ganzen Stress zu entziehen. Mindestens genauso bewährt hat sich das Flanieren, obwohl es von vielen noch immer sträflich unterschätzt wird. Wer beispielsweise drei, vier Tage vor Heiligabend noch immer nicht alle Geschenke beisammen hat, sollte die kurze Zeit nicht etwa dafür nutzen, die Geschäfte für einen geeigneten Artefakt auf den Kopf zu stellen, der sich dann doch als bereits ausverkauft herausstellt, um dann verschwitzt und zähneknirschend einen Gutschein ausstellen zu lassen. Helfen kann, durch die Einkaufszentren zu schlendern und den Leuten beim panischen Schnellschuss – “Das kann doch auch umgetauscht werden, oder?” – zuzuschauen, denn das wirkt nicht selten Wunder und für die passende Idee, die leuchtende Augen bei der Bescherung verheißt. Und nach dem gemeinsamen Weihnachts-Kaffeetrinken mit den Verwandten und dem Aufkommen unangenehmer Diskussionen oder auf der Silvesterparty gegen drei Uhr morgens, wenn die ersten den Großteil ihrer Vorsätze längst gebrochen haben, ist ein Spaziergang allein, zu zweit oder zu dritt sowieso nicht verkehrt…

Wie Hartmut El Kurdi, C-Punkt Stein-Schneider und B-Man Major Schulz die Festtage verbracht haben, und ob es ihnen gelungen ist, alle Ärgernisse zu umschiffen, kann an dieser Stelle nur spekuliert werden. Es ist jedoch anzunehmen, dass die hartgesottenen “Teilzeit-Flaneure” den einen oder anderen Augenblick für einen Spaziergang zu nutzen wussten. Ebenfalls sehr wahrscheinlich: Die drei scharren bereits wieder mit den Hufen respektive Füßen, denn auch den ältesten Hasen gelingt es meist nicht gänzlich, sich vor dem Herumsitzen zu drücken, und insbesondere das geistige Flanieren kommt bei den ganzen Festlichkeiten oft zu kurz. Und so trifft es sich gut, dass die satirische Lese-Show “Teilzeit-Flaneure” am ersten und nicht letzten eines Monats stattfindet und somit nun auch gleich den ersten Werktag des Jahres 2016 ziert. Mit dabei ist diesmal die Autorin und Journalistin Mely Kiyak. Ihre journalistischen Texte erscheinen unter anderem in der Welt, der Zeit und bei der Taz, dazu veröffentlichte Kiyak einige Bücher, wie beispielsweise “Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an”, ein Buch über ihren Vater, der an Lungenkrebs erkrankte und dessen Lebensgeschichte sie gemeinsam mit ihm in Gesprächen am Krankenbett rekonstruierte. Außerdem ist Kiyak eines der Gründungsmitglieder der Literatur-Veranstaltung “Hate Poetry”, bei der Journalisten mit “nicht bio-deutschem Namen” rassistische Leserbriefe vorlesen, die sie bekommen haben. Zusammen kann dann angemessen in das neue Jahr spaziert werden.

Montag, 4. Januar 2016:
“Teilzeit-Flaneure”, Reihe für Satire, Pop, Polemik und komische Literatur, Gast: Mely Kiayk, Cumberlandsche Galerie, Prinzenstraße 9, 30159 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 17,50 Euro

  • Achtung: Die heutige Veranstaltung ist leider ausverkauft, eventuell gibt es Restkarten!
  • nächster Termin: Montag, 1. Februar 2016
  • zu Gast: Hans Zippert, Ex-Titanic-Chefredakteur

(Foto: Pressefoto/Niedersächsisches Staatstheater/Dan Zoubek)

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Kategorien: Literatur, Tagestipps

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