Susanne Haupt
4. Januar 2016

“Diese Leute haben doch ganz andere Krankheiten”

Seitenansicht: “Gute Geister” von Kathryn Stockett

Blick hinter die Kulissen: “Gute Geister” von Kathryn Stockett, Buchcover

Darf man auch Bücher rezensieren, die schon ein paar Tage alt sind? Als Rezensentin stellt man sich diese Frage häufiger, als die Leserschaft vielleicht glauben mag. Ich finde die Frage aber irrelevant, denn auch Bücher, die schon ein paar Jahre alt sind, können wahre Schätze sein. Und Neuentdeckungen werden. Erinnern wir uns doch mal an “Stoner” von John Williams. Wenn niemand nach all den Jahren sein Buch wieder in die Hände genommen und darüber geschrieben hätte, dann wäre uns ein ganz dicker literarischer Fisch durch die Lappen gegangen.

“Gute Geister” von Kathryn Stockett ist zwar kein “Stoner”, aber dennoch lesbar und von spannender Brisanz. Jackson, Mississippi in den 1960er Jahren. Seit sie denken kann, arbeitet Aibileen als Hausmädchen für weiße Familien. Ihren eigenen Sohn hat sie auf tragische Weise verloren und seitdem erscheint ihr ihr Leben noch trister und unbedeutender als je zuvor. Dennoch kehrt sie jeden Tag bei der Familie Leefolt ein, um ihre Arbeit zu verrichten. Ihre beste Freundin Minny ist ebenfalls Hausmädchen und zudem als beste Köchin des ganzen Staates bekannt. Was sich eigentlich als Vorteil auf ihren Job auswirken könnte, wird jedoch durch ihr vorlautes Mundwerk in den Schatten gestellt. Minny kann, trotz aller Vorzüge froh sein, wenn sie eine Anstellung bekommt. Die beiden Frauen halten zusammen und finden Trost im Glauben und in der Freundschaft.

Ganz anders Eugenia Phelan, die von allen nur Skeeter genannt wird. Skeeter wuchs auf einer Baumwoll-Plantage auf, betreut durch ihr farbiges Hausmädchen Constantine. Skeeter hat sich selbst nie als wirklich schön wahrgenommen. Sie wuchs schnell in die Höhe und erreichte 1,80 Meter. Ihre Haare sind wild und unbändig und ihre Nase viel zu groß. Für ihre Mutter ist das fürchterlich, möchte sie doch ihre Tochter am liebsten so schnell wie möglich vor dem Traualtar sehen. Skeeter versucht jedoch gar nicht erst, ihre vermeintlichen Makel zu verstecken und geht ihren eigenen Weg. Sie studiert und beschließt, einmal Schriftstellerin oder Journalistin zu werden. Mit einem Kopf voller Flausen, und jeder Menge moderner Ansätze kehrt sie nach dem Studium vorerst zu ihren Eltern zurück.

Was Skeeter aber gar nicht erwartet hatte, war die Entwicklung, die ihre beiden ehemals engen und besten Freundinnen Hilly Holbrook und Elizabeth Leefolt durchgemacht haben. Beide sind längst verheiratet, haben Kinder und pflegen ihr kleines, behütetes und vor allem weißes Leben. Dort trifft Skeeter auch auf Aibileen, die sich bei Elizabeth um Haus, Hof und Kind kümmert. Schnell wird klar, dass Farbige alles andere als menschlich behandelt werden. Eigene Toiletten sollen her, da “diese Leute doch ganz andere Krankheiten” mitbringen. Und vor allem Hilly wettert und hetzt konsequent gegen die anderen. Für sie sind Farbige billige Arbeitskräfte, die eine Bedrohung für die Gesellschaft darstellen und daher kleingehalten werden müssen. Skeeter will das ändern und sucht den direkten Kontakt zu Aibileen…

In “Gute Geister” erzählen Skeeter, Minny und Aibileen in multiperspektiven Kapiteln von ihren – fiktiven – Erlebnissen und Erfahrungen, die sie in Jackson gemacht haben. Jede einzelne Protagonistin kommt gleichmäßig zu Wort und gewährt den Leserinnen und Lesern Einblicke in relativ authentische Szenarien, die wir uns heute fast gar nicht mehr vorstellen können. Kathryn Stockett hat mit ihrem Roman 2009 einen bemerkenswerten literarischen Welthit gelandet. “Gute Geister” erschien in 35 Ländern und stand rund 40 Wochen auf der Bestseller-Liste der New York Times. Obgleich fiktiv, erschien die Geschichte um Aibileen und Minny so greifbar, dass sie beim Lesen wehtat. Dabei waren es sowohl das Verhalten der Arbeitgeber gegenüber ihren Hausmädchen als auch die kruden und krummen Definitionen von Familie und Aufrichtigkeit, die einem nahezu mittelalterlich erscheinen. Verfilmt wurde “Gute Geister” auch – und zwar 2011 mit Emma Stone, Allison Janney und Octavia Spencer. Mit mehrfachen Nominierungen und Auszeichnungen, unter anderem für den Oscar und den Golden Globe, wurde der Film “The Help” zum Hit und büßte dabei keinerlei Qualität der Romanvorlage ein.

Inspiration bekam Stockett, die 1969 in Jackson aufwuchs und von einem farbigen Kindermädchen behütet wurde, durch ihre eigenen Erfahrungen und das Hausmädchen ihres Bruders, Aibileen Clark. Clark diente als Vorbild für “Gute Geister”, konnte jedoch trotz Einspruch nichts von Stocketts finanziellen Lorbeeren abgreifen. Moralisch eine durchaus zweifelhafte Angelegenheit – ein guter und runder Roman ist “Gute Geister” dennoch geworden. Zudem hat das Thema Rassismus leider nach wie vor nichts an Bedeutung verloren.

Kathryn Stockett: “Gute Geister”, Roman, 608 Seiten, btb Verlag, ISBN-13: 978-3442752409, 9,99 Euro

“Seitenansicht” erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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