Matthias Rohl
28. Oktober 2008

Filmgeschichte(n): „Lost Highway“

Das Kino als Medium des Unbewussten: David Lynch ist der große „Mystery Man“ und letzte Visionär des Surrealen

Zerfressen von Eifersucht und Impotenz, verdächtigt der Free-Jazz-Saxophonist Fred Madison (Bill Pullman) seine Frau Renee (Patricia Arquette), ihn zu betrügen. Unter dem Verdacht, sie auf bestialische Weise ermordet zu haben, wird er plötzlich verhaftet. Während er in der Todeszelle auf seine Hinrichtung wartet, ereignet sich eine unglaubliche Transformation: Fred verwandelt sich in Pete Dayton (Balthazar Getty), einen jungen Automechaniker…

“Lost Highway”, Filmplakat

Verstörendes Meisterwerk: „Lost Highway“ von David Lynch

Im Garten von Lynchville

Mit „Lost Highway“ (1996) ging David Lynch weiter als in all seinen Regiearbeiten zuvor. An diesem verstörend-intensiven Meisterwerk konnten in den 90er-Jahren Heerscharen dekonstruktivistisch geschulter Edelfedern ihre Interpretationskünste einer Feuertaufe unterziehen. In seinen besten Momenten war Lynch schon immer ein begnadeter Apologet der Rätselhaftigkeit – und schrieb seinen Kritikern einst ins Stammbuch: „Im Leben ist manches nicht zu verstehen, aber wenn es im Film so ist, werden die Leute unruhig.“ Im Garten von Lynchville treibt die Schizophrenie seltene Blüten – und Lynch, der versierte Leinwandmagier zwingt uns, das alles auszuhalten. David Lynch, geboren 1946, ist der vielleicht letzte große „Mystery Man“ und Surrealist des Kinos. „Lost Highway“ ist seine cineastische Möbius-Schleife. Zu Beginn des Films erhält Fred Madison durch die Gegensprechanlage seines Hauses die mysteriöse Nachricht eines Unbekannten: „Dick Laurent ist tot.“ Der Schluss des Films hält den beunruhigenden Verdacht in der Schwebe, dass Fred selbst sich die Todesnachricht überbrachte.

“Lost Highway”, Filmszene mit Bill Pullman

Wartet auf seine Hinrichtung: Fred Madison (Bill Pullman)

Dunkle Albtraumkosmen

Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek resümierte einst voll Bewunderung: „Der Künstler, der heute von der Einbildungskraft in ihrer ungeheuerlichen präontologischen Dimension am meisten besessen ist, ist David Lynch.“ Gemeint war damit vor allem die singuläre Meisterschaft, mit der David Lynch seine dunkel dräuenden Albtraumkosmen in einer visuell bestechenden Sprache formuliert, in welcher er beispielsweise seine Bilder nicht, wie Georg Seeßlen treffend beobachtet hat, in der üblich gleichbleibenden Geschwindigkeit von 24 Bildern pro Sekunde einsetzt, sondern für jede Einstellung eine eigene Geschwindigkeit nutzt – es ist dies eines jener handwerklichen Geheimnisse des berüchtigten „Sogs“, welche seine Visionen entfalten. Und Lynch ist ein Genie der Tonspur, in der – neben der Filmmusik seines langjährigen „Hauskomponisten“ Angelo Badalamenti – die enervierenden Klangpartikel oder unterschwellig dumpfen Frequenzen eine ungeheuere Tiefenwirkung entfalten. Lynch-Filme sind derart intensive audiovisuelle Grenzerfahrungen, dass man sich als Zuschauer sogar ertappt, noch Geräusche zu hören, wenn in Wahrheit im Bild schon Stille herrscht (in der Tat gibt es bei David Lynch immer wieder völlig tonlose Szenen, die dadurch nur umso beklemmender wirken).

David Lynch

Apologet der Rätselhaftigkeit: David Lynch 2001 in Cannes

Dekonstruktive Zitat-Maschine

Der Filmtheoretiker Thomas Elsaesser hat jüngst den reizvollen Vorschlag gemacht, Filme wie „Lost Highway“ als „Mind Game Movies“ (Gedankenspielfilme) zu betrachten, in denen der „Clou“ darin bestehe, „dass die Bilder mindestens zwei Seiten haben und den Zuschauer dauerhaft in eine ‚Schizo-Logik‘ verwickeln, die sich wenn überhaupt, erst am Ende auflöst, aber dadurch keineswegs gebändigt wird.“ Was also zeigt uns „Lost Highway“? Einen Traum? Eine schizophrene Phantasie? Reale Ereignisse? Lacansche Imaginationen? Sorgt die Fiktion bei Lynch für das Irrealwerden des Realen – und das Realwerden des Imaginären? Oder ist es doch einfach nur eine riesige, dekonstruktive Zitat-Maschine, in der Klassikern wie „Alice im Wunderland“, „Der Schrei“ oder „Der Zauberer von Oz“ huldigend die Referenz erwiesen wird?

“Lost Highway”, Filmszene mit Patricia Arquette und Balthazar Getty

Schizo-Logik sondergleichen: Der als Pete (Balthazar Getty) zurückgekehrte Fred trifft Alice (Patricia Arquette), die der ermordeten Renee extrem ähnelt

Genius oder Dämon?

Und was sagt der Regisseur selbst? „Lost Highway“ sei „eine Art Horrorfilm, eine Art Thriller, aber im Grunde ein Geheimnis. Das ist er. Ein Geheimnis“, so Lynch. Dass er polarisiert, ist indes nicht das Schlechteste, was sich über einen zeitgenössischen Filmkünstler sagen lässt: Beim Sundance Festival verschmäht, stimmten Frankreichs Cineasten hingegen Hymnen der Begeisterung an: „Teleskopie aus der Ferne, virtueller Koitus: David Lynch stößt mitten ins Herz der zeitgenössischen Filmkunst, mit gewaltiger Poesie, die uns als Zuschauer in die Avantgarde versetzt“ (Cahiers du cinema). In all ihrer narrativen Komplexität lassen sich die jüngeren Werke von David Lynch – neben „Lost Highway“ vor allem „Mulholland Drive“ (2001) und „Inland Empire“ (2006) – vielleicht als grandios verschachtelte Variationen auf die alteuropäische Einsicht Immanuel Kants lesen, nach der Phantasie unser guter Genius oder unser Dämon ist.

PS: David Lynchs Privathaus zeigt eine frappierende Ähnlichkeit mit dem Interieur des Filmhauses von „Lost Highway“, das in derselben Straße liegt.

nächste Folge:
„Uhrwerk Orange“
Erst einen Moloko, und dann was Ultra-Brutales: Wie Stanley Kubrick den perfekten 70er-Jahre-Film erschuf

(Lynch-Foto: Rita Molnár/Wikipedia, Filmfotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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