Sebastian Albrecht
27. Januar 2016

Oh! You Pretty Things

Die begehrteste Boygroup der letzten zwanzig Jahre gastiert heute Abend in Hannover. Take That? Die Backstreet Boys? Nein! Die Rede ist natürlich von der Titanic Boygroup

Titanic Boygroup

Sehen vielleicht nicht so aus, aber sind noch taufrisch im Oberstübchen: Marty, Olly und Thommy von der Titanic Boygroup

Auch wenn manche unserer Mütter schon bei den Bay City Rollers aus dem Kreischen gar nicht mehr herauskamen, so wurden doch erst die Neunziger Jahre wirklich zum Jahrzehnt der aufkommenden Boygroups. Während die einen noch den Niedergang der synthie-verseuchten Achtziger und der unzähligen Michael-Jackson-Hits und das Aufkommen der wüsten Säge-Gitarren und der Flanell-Hemden des Grunges feierten und von einem musikalisch ähnlich glorreichen Jahrzehnt träumten, wie es damals die Fünfziger, Sechziger und Siebziger Jahre waren, tauchte am Horizont bereits der nächste Trend der Musik-Industrie auf, der Eltern-Ohren und Kinder-Sparschweine gleichermaßen knechten sollte.

Man nehme eine Handvoll klebrigsüßer Jungs, höchstens Anfang zwanzig, verpasse jedem ein eigenes Image vom smarten Schwiegersohn bis hin zum Bad Boy – aber nicht zu bad! – und schon geht’s los. Die Backstreet Boys und Take That dürfen als Pioniere gelten, es folgten weitere beliebte Bands wie *NSYNC. Einige Jahre mit Drogenproblemen und mal weniger, mal mehr erfolgreichen Solo-Karrieren später wagte die eine oder andere Gruppe ihr Comeback, gealtert zwar, aber immer noch in der Lage, ein paar weibliche Fans zum Kreischen zu bringen. Inzwischen hatte ihnen jedoch die jüngere Generation den Poster-Platz an der Tür abgelaufen.

Lastwagen-Ladungen voller Liebesbriefe

Doch während die meisten Boy-Bands eine begrenzte Halbwertszeit zu haben scheinen, war der Stern der Titanic Boygroup niemals im Sinken begriffen. Thommy Gsella, Marty Sonneborn und Olly Maria Schmidt, die drei feschen Jungen von der Titanic-Crew, sahen nicht nur verteufelt gut aus, sie waren dazu auch noch so charmant, dass selbst Schwiegerväter reihenweise in Ohnmacht fielen, und ihr Humor war das Gegenbild zu Mario Barths Witzigkeit. Beste Voraussetzungen also, um Ruhm, Ehre, Preise und ganze Lastwagen-Ladungen Liebesbriefe von schmachtenden Mädchen zu bekommen. Alle drei einte ihre Tätigkeit als Chefredakteur der Titanic – zu unterschiedlicher Zeit natürlich. Ihr Badboy-Image lässt die Herzen dann noch einmal doppelt so hoch schlagen als sowieso schon: Sei es der Papst, McDonald’s, der DFB oder der Bundespräsident – Thommy, Marty und Olly hatten sie alle. Wenigstens als Klageschrift auf dem Schreibtisch. Nichts deutete auf ein Ende dieser glorreichen Gruppe hin, bis sie sich 2012 schließlich doch auflösten und auf eine letzte Abschiedstour gingen.

Von der Bildfläche verschwand jedoch keiner von ihnen, denn jeder der drei hatte seine Solo-Projekte am Laufen: Gsella blieb der Bühne treu, Schmidt kandidierte nebenbei als Oberbürgermeister Offenbachs und scheiterte mit 1,8 Prozent nur ganz knapp, und nur Sonneborn backte kleinere Brötchen und zog ins EU-Parlament ein. Seriosität war eingezogen, aber nach wie vor wurde alles zu Gold, was die drei anfassten. Allerdings flickte das die vielen gebrochenen Fan-Herzen nur sehr dürftig. Zu gut passte das Zusammenspiel der drei. Es waren Jahre des Hoffens und des Banges, aber nun sind sie endlich wieder zurück und auf gigantischer und gefeierter Comeback-Tour durch die ganze (deutschsprachige) Welt.

20 Jahre Krawall für Deutschland

Zwar sind sie “zu alt, zu dick, zu unmodern”, wie sie von sich selbst sagen, aber das hindert sie natürlich nicht daran, die Satire-Kuh bis auf den letzten Tropfen Milch auszumelken – so wie es sich für jede anständige Band gehört, die sich zur Reunion zusammengefunden hat. Rechtzeitig warfen sie im Herbst 2015 auch ihr Greatest Hits-Buch “Titanic Boygroup Greatest Hits: 20 Jahre Krawall für Deutschland” auf den Markt. Der Unterschied zu anderen Bands? Hier macht der Ausverkauf noch Spaß, denn mögen die Tränensäcke bereits auffällig nach unten gerutscht sein, die Pointen und Geschmacklosigkeiten sitzen nach wie vor sattelfest. Heute Abend machen sie mit “Comeback – Die Rückkehr der Satire-Zombies” auch im Pavillon Hannover Station, eine Pflichtveranstaltung für eigentlich alle. Ausreden zählen nicht. Und das Beste ist: Bei Nichtgefallen kein Geld zurück. Schöner war Geldausgeben nie!

Mittwoch, 27. Januar 2016:
“Comeback – Die Rückkehr der Satire-Zombies”, Titanic Boygroup, Pavillon Hannover, Lister Meile 4, 30161 Hannover, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 18 Euro, ermäßigt: 15 Euro

(Foto: Pressefoto/Pavillon/Thomas Hintner)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Bühne, Tagestipps

Kommentiere diesen Artikel