Heike Werner & Jörg Smotlacha
28. November 2008

Tiefe Verunsicherung

Das Kino im Sprengel zeigt eine Rekonstruktion des Monumental-Films „Nerven“ von Robert Reinert aus dem Jahr 1919

“Nerven”, Szenenfoto

Im Banne des „Großen Krieges“: Szenenfoto aus dem Spielfilm „Nerven“

Zwischen 1914 und 1918 tobte in Europa, dem Nahen Osten, Afrika und Ostasien der „Große Krieg“ – ein Ereignis, das von vielen Bevölkerungsteilen anfänglich erwartungsvoll als „Erweckung“ gefeiert wurde. Insbesondere in Deutschland empfanden neben den Machthabern auch viele Bürgerliche und Intellektuelle den August 1914, den Monat des Kriegseintritts, als Aufbruch in „bessere Zeiten“. Die Realität war brutal anders: Zahllose sinnlose Opfer, unzählige Kriegsschauplätze in allen Ecken der Welt und unvorstellbare Hungersnöte prägten den Alltag der Menschen. Auch in München – einer Stadt, die nach Kriegsende durch ihre kurze Phase einer sozialistisch geprägten Rätedemokratie (April bis Mai 1919) eine besondere Rolle im Zuge der November-Revolution von 1918 spielte. Was folgte, waren bürgerkriegsähnliche Zustände, in Folge dessen sich Bayern in eine unrühmliche Rolle als „Brutstätte“ des Nationalsozialismus begab. Begleiterscheinungen dieser Zeit, ihrer Not und Entbehrungen, waren Demonstrationen und Straßenkämpfe und eine tiefgreifende Verunsicherung der arbeitenden Bevölkerung.

Der Stummfilm „Nerven“ von Robert Reinert stellt diese Verhältnisse anhand dreier Figuren unterschiedlicher sozialer Herkunft dar, die jede auf ihre Weise unter den Folgen der inneren und äußeren Zerstörung leiden. Der Fabrikbesitzer Roloff geht als Folge des Krieges und der nicht nur für ihn zerbrochenen Welt an seinem unternehmerischen Größenwahn zu Grunde. Marja wandelt sich zur Revolutionärin und fordert den bewaffneten Kampf gegen die Herrschenden, und der Lehrer Johannes fordert in den Volksversammlungen soziale Reformen.

Reinert hat mit seinem Film im Jahr 1919 für großen öffentlichen Aufruhr gesorgt, als zahlreiche Menschen Nervenzusammenbrüche erlitten und in Kliniken eingewiesen werden mussten, nachdem sie sich den Film im Kino angeschaut hatten. Von der Zensur-Behörde wurde der Film schließlich deutlich gekürzt und zum Teil neu zusammengeschnitten, bevor er schließlich von den Nazis vollständig verboten wurde – nicht zuletzt, weil der Regisseur jüdisch war. „Nerven“ galt lange Zeit als verschollen, bis der Leiter des Münchner Filmmuseums, Stefan Drößler, damit begann, die Originalversion des Films zu rekonstruieren. Aus Fragmenten, die er aus den USA, Russland und Deutschland zusammensammelte, gelang es ihm, dieses Stück Zeitdokument zwar nicht vollständig, aber größtenteils wieder herzustellen. Das Kino im Sprengel zeigt „Nerven“ in der Reihe „November-Revolution“.

Freitag, 28. November 2008:
„Nerven“ von Robert Reinert, D 1919, 110 Minuten, Kino im Sprengel, Klaus-Müller-Kilian-Weg 1, 30167 Hannover, Beginn: 20.30 Uhr, Eintritt: 4,50 Euro

  • weiterer Aufführungstermin:
  • Samstag, 29. November 2008, 20.30 Uhr
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Kategorien: Film, Tagestipps

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