Anastasia Marie Kobisch
30. Januar 2016

Schmuddelecke mit Charme wird 25

Steht man Samstagabend vor der Frage, wo man feiern gehen möchte, fällt früher oder später der Name Faust. Doch das beliebte Kulturzentrum bietet viel mehr als das

Feiert im April 2016 mit einem großen Festival seinen 25. Geburtstag: das Kulturzentrum Faust

Seit einem Vierteljahrhundert zieht es viele Menschen in die Faust im Herzen von Linden. Doch auf dem Gelände der ehemaligen Bettfedernfabrik “Werner und Ehlers” gibt es nicht nur die – besonders bei jungen Leuten sehr geschätzten – Partys, sondern beispielsweise auch Ausstellungen, Theater-Aufführungen und Poetry Slam-Battles. Außerdem sieht sich Faust auch als soziokulturelles Zentrum, das sich besonders mit dem Stadtteil Linden und dessen Geschichte beschäftigt. “Der Name ist bei uns Programm”, erklärt Ingrid Lange. Die ehemalige Bürgermeisterin ist seit 2011 dabei und arbeitet im Vorstand. Faust bedeutet “Verein für Fabrikumnutzung und Stadtteilkultur” und wurde von Vereinen und Einzelpersonen, die als ABM-Kräfte in einem “Arbeitslosenladen” arbeiteten, gegründet. Sie suchten für ihre Veranstaltungen Räume und fanden diese auf dem ehemaligen Fabrikgelände, welches 1989 Konkurs anmeldete. Pastor Peter Schulz, damaliges Vorstandsmitglied des Kulturvereins, mietete daraufhin zuerst eine Garage, mit der Zeit kam immer mehr dazu. “Zuerst war es nur dieses Fabrikgelände, dann kamen viele Vereine, ein paar Veranstaltungen und irgendwann gab es die erste Party – der Ursprung von dem, was man jetzt kennt”, meint Jörg Smotlacha, Verantwortlicher für die Öffentlichkeitsarbeit.

Seit über zehn Jahren ein voller Erfolg: der Poetry Slam “Macht Worte!” im Kulturzentrum Faust

Verbindung aus Soziokultur und Kultur-Location

25 Jahre Kulturzentrum Faust bedeutet auch: 25 Jahre kulturelle Arbeit im Herzen des Szene-Viertels Linden, Beratung für Flüchtlinge und Migrantinnen und Menschen, die von Gewalt und/oder Zwangsheirat betroffen sind, Bildungsangebote und ein Außengelände mit dem gewissen Etwas. “Faust bedeutet Raum für neue Kultur und Veranstaltungen, die es sonst so nicht gibt”, sagt Smotlacha. Ein besonderer Schwerpunkt ist die Füchtlingsarbeit. Die Homepage “Welt in Hannover” wurde in 14 Sprachen übersetzt, Ehrenamtliche organisieren Sprach- und Kulturveranstaltungen. Wichtig sind außerdem Projekte für Frauen und Jugendliche und die soziokulturelle Arbeit des Stadtteilzentrums. “Wenn wir denken, dass ein Projekt spannend ist, dann wollen wir das auch unbedingt machen”, erklärt Geschäftsführer Hans-Michael Krüger, der Faust seit den Anfängen begleitet. Dafür muss es nicht unbedingt groß angelegt sein, er schätze besonders die kleineren Veranstaltungen – Ausstellungen, Lesungen oder Theater. “Wir sind jetzt zwar 25 Jahre alt, haben aber immer wieder neue Anregungen, die wir aufnehmen können”, freut sich Lange. Neu ist zum Beispiel der “Tanz-Ort Linden”, den der Tänzer und Choreograf Felix Landerer und seine Company als Probe-Bühne nutzen und bei dem in Zukunft obendrein Workshops angeboten und “eine Verbindung aus Kunst und Tanz” geschaffen werden sollen. Außerdem will die Faust demnächst auch die Tradition der Open-Air-Festivals wieder aufnehmen.

Seit neuestem nicht nur Schauplatz für Kunstausstellungen, sondern auch Tanz-Ort: die Kunsthalle Faust

Ohne Ehrenamt wäre der Erfolg kaum möglich

Doch ohne die zahlreichen Ehrenamtlichen wäre das alles nicht möglich. Zwischen 50 und 100 Menschen aller Altersgruppen kümmern sich neben der Vereinsarbeit auch um die vielen Projekte und Veranstaltungen. Besonders toll findet Lange die Feierlichkeiten am 1. Mai. Dabei gibt es neben einem vielfältigen Programm auch zahlreiche Stände von Vereinen und Parteien. “Hier zeigt sich ein buntes Hannover. Und das sieht man auf unserem Gelände am 1. Mai sehr gut”, so die 78-jährige Hannoveranerin. Smotlacha ergänzt: “Ein anderes gutes Beispiel dafür, dass hier tolle Formate entstehen, ist der Poetry Slam.” Er ist einer der Organisatoren bei “Macht Worte!” – der Poetry Slam-Reihe, die mittlerweile weit über die Grenzen des Fabrikgeländes und der Landeshauptstadt hinweg bekannt ist. Er sehe den Grund für den starken Zuwachs bei der immer größer werdenden YouTube-Szene. Deshalb wird der Schüler-Poetry Slam “SPAM” auch so gut angenommen. Die Faust ist ein besonderer Ort. “Es gibt den Raum, immer wieder interessante, neue Sachen zu entwickeln und sich auszuprobieren”, so Krüger. Lange gefällt, dass man sich auch mal streiten kann. “Es ist gut, andere Meinungen zu hören. Ich werde dadurch angeregt, auch mal andere Ansichten zu hören.” Sie lacht: “Engagement hält jung!”

Treffpunkt im Herzen von Linden: Der Nachbarin Café in der Faust

Geburtstags-Party mit allen Facetten

Der Geburtstag des Kulturvereins soll natürlich auch gebührend gefeiert werden. Bei einem Jubiläums-Festival werden am Samstag, dem 16. April, alle Facetten der Faust gezeigt: Von Poetry Slam über Theater und Tanz-Vorführungen bis hin zu Konzerten mit Bands aus Hannover und Umgebung. Besoderer Höhepunkt werden die Auftritte von Egotronic und den Abstürzenden Brieftauben sein. Und das alles für schlappe 10 Euro! “Viele junge Leute kennt vor allem die 60er-Jahre-Halle, bei dem Festival kann man aber auch mal die anderen Seiten kennenlernen“, kündigt Smotlacha an. Viele Feierwütige seien nicht aus Hannover und wüssten deshalb nichts von den anderen Veranstaltungen und Möglichkeiten.

Ein beliebter Ort zum Feiern: die 60er-Jahre Halle des Kulturzentrums

Es würde etwas fehlen!

25 Jahre Faust. Ingrid Langes Wunsch für die “Schmuddelecke mit Charme”: “Noch mal 25 Jahre. Und dann noch mal.” Ihr gefällt dieses Industrie-Brache-Flair, welches stark an Szene-Treffs in Hamburg oder Köln erinnert. “Wenn die Faust nicht da wäre, würde hier etwas fehlen”, so Smotlacha. Das Stadtteilzentrum ist ein Teil Lindens geworden und mit dem alternativen Programm und der außergewöhnlichen äußeren Erscheinung eine Besonderheit in Hannover und über die Stadtgrenzen hinaus. Die Faust ist ein Ort, an dem sich unterschiedliche Generationen, Kulturen und Menschen treffen und alltägliche Strukturen hinter sich lassen können. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Kunst, Literatur, Lokalitäten, Musik

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