Jörg Smotlacha
2. Februar 2016

Eine Stadt, um sich zu verlieren

Melancholisch und facettenreich: Ben Hopkins Dokumentarfilm “Hasret – Sehnsucht” im Kommunalen Kino

Ein Ort für Imaginationen: Istanbul, Szenenfoto aus “Hasret – Sehnsucht”

Istanbul als Stadt der Träume? Im Jahr 1991 tritt der finnische Regisseur Mika Kaurismäki aus dem Schatten seines sehr viel bekannteren Bruders Aki heraus. Er dreht einen skurrilen kleinen Road-Movie mit dem Titel “Zombie and the Ghost Train”, in dessen Mittelpunkt der lethargische Rock-Bassist Zombie steht, der es sich aufgrund seiner Lebensmüdigkeit erst mit seiner Freundin versaut, dann Alkoholiker wird und sich schließlich mit dämlichen Kleinkriminellen einlässt. Kurz bevor er des Lebens in Finnland endgültig überdrüssig ist, gibt er ein letztes Lebenszeichen von sich. Er flieht nach Istanbul…

Schnitt. 24 Jahre später. Ein kleines Filmteam kommt in die türkische Haupstadt Istanbul. Der Auftrag lautet, einen Dokumentarfilm über die Metropole am Bosporus zu drehen und die Crew macht sich sofort an die Arbeit: Menschen, die ihnen über den Weg laufen, werden spontan interviewt, die Atmosphäre der unterschiedlichen Stadtbezirke erkundet und das tägliche Treiben gefilmt. Dabei dreht das Team sowohl in alten und heruntergerockten Vierteln als auch in den supermodernen Einkaufsgegenden und Shopping Malls. Es spricht mit Gastarbeitern, Einwohnern, die sich der Protestbewegung gegen die Regierung angeschlossen haben, und mit Menschen unterschiedlicher Religionen.

Später bemerkt der Regisseur im Schneideraum seltsame Dinge auf dem gedrehten Filmmaterial: Zu sehen sind düstere Gestalten und merkwürdige Schatten, es scheint, als ob die Kamera Geister eingefangen hätte, die der Crew beim Dreh selbst nicht aufgefallen waren. Der Regisseur ist vollkommen fasziniert, nun dreht er in immer abgeschiedeneren Ecken und den dunklen Ecken der Stadt, bevorzugt nachts, denn er hofft, den Geistern auf die Spur zu kommen. Als sich das Team von ihm abwendet, weil es seine Visionen für fixe Ideen hält, dreht er alleine weiter…

“Hasret – Sehnsucht” ist ein halb dokumentarisches, halb fiktionales Werk des britischen Drehbuchautors, Filmregisseurs und Schriftstellers Ben Hopkins, der Istanbul als Stadt der Geister, der Katzen und der Träume zeigt und selbst die Hauptrolle des auf Abwege geratenen Regisseurs spielt. Auf seiner Reise durch die Gegenwart und Vergangenheit der türkischen Hauptstadt kommt er mit vielen Facetten der Metropole in Berührung, vor allem aber mit den magischen und rätselhaften. 24 Jahre nach Zombie verliert auch er sich in Istanbul, wenn auch aus ganz anderen Motiven. Sehenswert.

Dienstag, 2. Februar 2016:
“Hasret – Sehnsucht”, Spielfilm von Ben Hopkins, D/Türkei 2015, 82 min., OmU, Kommunales Kino im Künstlerhaus, Sophienstr. 2, 30159 Hannover, Beginn: 20.15 Uhr, Eintritt: 6,50 Euro, ermäßigt: 4,50 Euro

  • weitere Vorstellung:
  • Mittwoch, 3. Februar, 20.15 Uhr

(Foto: Pressefoto/Kommunales Kino)

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Kategorien: Film, Tagestipps

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